Kaputte Hauptstadt: Der Schimmel über Berlin

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Die Flughafeneröffnung erneut verschoben, der BER eine gigantische Bauruine. Und was macht der Regierende Bürgermeister? Bleibt im Amt. Gut so! Denn wer Konsequenzen fordert, nur weil hier etwas nicht klappt, hat keine Ahnung von Berlin - dieser kaputten, großartigen Stadt.

Das ist Berlin: Geliebte, kaputte Hauptstadt Fotos
DPA

Ein unglaublicher Skandal. Inkompetente Planer, Pfusch am Bau, lastwagenweise Geld verbrannt von einer Stadt, die schon vorher vollkommen pleite war: Das ist die Geschichte des sogenannten Hauptstadtflughafens "Willy Brandt". In jeder anderen Stadt hätte der politisch Verantwortliche wohl schon nach der ersten Verschiebung der Eröffnung zurücktreten müssen. Es hätte dazu keine Alternative gegeben.

In Berlin gibt es sie. Sie lautet: Einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen.

Sollte Klaus Wowereit den Flughafen-Skandal politisch überleben, dann wird das auch daran liegen, dass er mit dieser Haltung das Lebensgefühl eines nicht geringen Teils der Berliner verkörpert. Da liegt Hundekot? Steigen wir drüber. Keine Kohle? Der Kumpel wird schon noch ein paar Euro haben, die fürs Bier reichen. Da liegt einer auf der Straße? Bloß nicht aufhelfen, sonst kotzt er einen noch voll.

Abstumpfen als Strategie

Grobe Verallgemeinerungen ("Die Schwaben") sind ja zur Zeit schwer in Mode, darum behaupten wir jetzt einfach mal: Ein großer Teil der Hauptstädter hat den Glauben daran, dass in dieser Stadt irgendetwas funktionieren könnte, längst verloren. Sauberkeit, Ordnung, Verlässlichkeit, Disziplin: Das mögen in allen anderen Gegenden des Landes angestrebte oder sogar verwirklichte Tugenden sein. In Berlin erwarten so etwas nur noch unverbesserliche Romantiker.

Diese Haltung hat nichts mit Selbstaufgabe zu tun, ganz im Gegenteil: Es handelt sich bei dieser Abgestumpftheit um eine Überlebensstrategie, ohne die sich der Alltag in der Großstadt nicht bewältigen ließe.

Wie sonst soll man es hier auch aushalten.

Busse, die niemals pünktlich kommen. S-Bahnen, die überhaupt nicht kommen. Bauarbeiter, die pünktlich zum Beginn des Winters den ganzen Straßenzug aufreißen und die wenigen verbliebenen Parkplätze mit ihren Gerätschaften zustellen, nur um sich sofort danach monatelang unsichtbar zu machen.

Überhaupt, der Winter in Berlin: Ein halbes Jahr lang kein Sonnenstrahl, nur graue Wolken und Nieselregen, wofür man aber schon dankbar sein kann, denn wenn doch mal Schnee fällt, dann hält die Glitzerromantik nur eine Viertelstunde, danach ist alles festgetretener, dreckiger Matsch, später halsbrechendes Eis auf den Gehsteigen, vor dem die Stadtreinigung bald kapituliert, bis zur Schmelze irgendwann im Mai, bei der sich dann zeigt, was dabei herauskommt, wenn die Hinterlassenschaften der Silvesternacht allzu viel Zeit mit den Hinterlassenschaften von Hunden verbracht haben.

Geh doch zurück nach Süddeutschland!

Im Sommer dann ganze Straßenzüge wochenlang zugeparkt von TV-Produktionsfirmen, die mal wieder irgendeine Vorabendserie abdrehen, die so schlecht ist, dass sie nach einer Staffel wieder abgesetzt wird. Auf der Parkplatzsuche hat man den obligatorischen Dauerstau allerdings schon hinter sich und ist dann dermaßen geladen, dass man den Vollidioten, der einem gerade den letzten Parkplatz weggeschnappt hat, am liebsten an Ort und Stelle verprügeln würde, was man sich aber regelmäßig besser überlegt, weil dieser Typ so aussieht, als sei er gerade von seinem Job als höchst überzeugender Geldeintreiber in Diensten einer kriminellen Vereinigung heimgekehrt.

Es herrscht allgemeine Kampfbereitschaft.

Störende Fahrräder? Werden umgetreten. Störende Fußgänger auf den Gehwegen wiederum von den Fahrradfahrern weggeklingelt. Das Ansprechen einer Fachverkäuferin, die gerade ins Gespräch mit einer Kollegin vertieft ist, wird als feindlicher Akt gewertet. Ebenso der Erwerb eines Tickets beim Busfahrer. Serviceorientiert sind allein die Drogendealer, die sich mächtig ins Zeug legen, einem beim Spaziergang im Park ihre Waren aufzudrängen.

Berlin ist kaputt, ist dreckig, ist hoffnungslos - und stolz darauf. Völlig zu Recht wird jeder, der es wagt, sich über die oben geschilderten Fakten zu beschweren, sofort abgestraft: Geh doch zurück nach Süddeutschland! Hier braucht dich niemand!

Und es stimmt ja auch: Es gibt viele gute Gründe, in Berlin zu leben. Schönheit und Freundlichkeit, Sauberkeit und wohlgeplante Organisation gehören gewiss nicht dazu. Ganz im Gegenteil: Es ist gerade diese Dysfunktionalität, die sich auch im fortgesetzten Scheitern des Flughafenneubaus ausdrückt, die diese Stadt zu dem macht, was sie ist - zum aufregendsten Ort des Landes. Was kümmert uns die triste Realität? Hier muss man sich Durchbeißen gegen alle Widerstände. Hier muss man improvisieren können. Hier muss man Härte zeigen gegen sich selbst und die anderen. Hier, ganz unten im bundesdeutschen Dreck, muss man sich suhlen, damit Großes entstehen kann. Aber mit Stil! Nur, ähem, leider offenbar kein Großflughafen.

Aber macht ja nichts. Eingefleischte Hauptstädter (die direkten Anwohner mal ausgenommen) wollen sowieso, dass der Flughafen Tegel für immer und ewig offen bleibt, das muffige, heimelige Tor der Berliner zu all den schönen, properen, fernen Orten, an die wir regelmäßig fliehen aus diesem Drecksloch.

Und durch das wir regelmäßig zurückkehren - in die großartigste Stadt der Welt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 331 Beiträge
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1.
snark0815 10.01.2013
Zitat von sysopDie Flughafeneröffnung erneut verschoben, der BER eine gigantische Bauruine. Und was macht der Regierende Bürgermeister? Bleibt im Amt. Gut so! Denn wer Konsequenzen fordert, nur weil hier etwas nicht klappt, hat keine Ahnung von Berlin - dieser kaputten, großartigen Stadt. Flughafen: In Berlin kann nichts funktionieren, auch kein Neubau - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/flughafen-in-berlin-kann-nichts-funktionieren-auch-kein-neubau-a-876585.html)
Hallo! Das trifft es, bei aller Polemik, doch ziemlich genau. Was noch fehlt ist die Erwähnung des Schulsammelumkleidekabinengeruchs in den U-Bahnen.
2. optional
hador2 10.01.2013
Na im Prinzip könnte man Berlin in diesem Artikel auch durch jede x-beliebige andere Großstadt ersetzen. Denn fast alles was hier geschrieben ist wird man weltweit in den meisten Großstädten so oder so ähnlich wiederfinden
3. Berliner Zustände treffend beschrieben...
the_rover 10.01.2013
... und deswegen bin ich (als gebürtiger Berliner) vor Jahren in ein brandenburgisches Dorf gezogen. Die Verwaltung hier ist zwar ähnlich inkompetent, dafür aber meist hilfsbereit, die Gemeinde ist ähnlich pleite, dafür spart sie sich aber Großprojekte, dafür sind die die Straßen sauber, die Menschen freundlich und hilfsbereit und ich kenne meine Nachbarn. Berlin ist für mich erledigt. Mein Unternehemn werde ich auch bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit von dort wegverlegen.
4. so gesehen...
straff&locker 10.01.2013
Zitat von sysopDie Flughafeneröffnung erneut verschoben, der BER eine gigantische Bauruine. Und was macht der Regierende Bürgermeister? Bleibt im Amt. Gut so! Denn wer Konsequenzen fordert, nur weil hier etwas nicht klappt, hat keine Ahnung von Berlin - dieser kaputten, großartigen Stadt.
Neues aus der Phrasenkanone. Prenzlauer Berg ist nicht alleinig Berlin und Verallgemeinerungen bringen uns auch nicht weiter - genauso wenig wie dieser Artikel, der außer einer subjektiven Aufzählung ohne journalistischen Mehrwert & Inhalt auzuskommen vermag. Geh doch zurück nach Süddeutschland.
5. Wo bitte..
riskreversal 10.01.2013
..muss man denn in Berlin Haerte zeigen? Der Artikel ist ja nicht ganz schluessig, einerseits die Teilnahmslosigkeit der Berliner, und der Mangel etwas anzupacken und zu aendern und dann auf einmal Haerte? Einer Stadt, die dadurch charakterisiert wird, das 25% der Bevoelkerung arbeitslos (und ein nicht zu geringer Teil damit zufrieden ist), spreche ich nicht das Projekt Haerte zu. Wohl gemerkt, ich mache es nicht den Leuten ohne Arbeit zum Vorwurf, in ihrer Situation zu sein. Haerte konnotiert fuer mich aber die Bereitschaft, etwas erreichen zu wollen, und nicht einfach nur die Dickfelligkeit zu haben, jede Inkompetenz teilnahmslos zu ertragen.
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Berliner Flughafen - eine Chronologie
Die Idee für einen einzigen Berliner Großflughafen, der die Airports in Tegel, Tempelhof und Schönefeld ersetzen soll, entstand bereits kurz nach dem Mauerfall. Doch mehr als 23 Jahre nach der Wende ist der Flughafen noch immer nicht in Betrieb - die Eröffnung muss immer wieder verschoben werden.
Dezember 1991
Die Berlin Brandenburg Flughafen Holding (BBF) wird gegründet. Gesellschafter sind die Länder Berlin und Brandenburg.
Januar 1992
Die Planungen für den Airport starten unter dem Projektnamen Berlin Brandenburg International, BBI.
Juni 1996
Die Gesellschafter entscheiden sich für den Ausbau des Flughafens Schönefeld und die Schließung der Flughäfen Tegel und Tempelhof.
August 2004
Das Genehmigungsverfahren geht zu Ende, im Planfeststellungsbeschluss gibt es grünes Licht für BBI - es kann unter Auflagen gebaut werden. Im Oktober reichen Tausende Gegner beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Klagen ein.
April 2005
Das Bundesverwaltungsgericht gibt Eilanträgen mehrerer Anwohner statt - und verhängt einen weitgehenden Baustopp bis zu seiner endgültigen Entscheidung. Zulässig sind nur Bauvorbereitungen.
März 2006
Das Gericht genehmigt in letzter Instanz den Bau des BBI unter verschärften Lärmschutzauflagen.
Juli 2008
Der erste Spatenstich für den Flughafen-Terminal wird gesetzt.
Oktober 2008
Nach 85 Jahren Betriebszeit macht der Flughafen Tempelhof dicht.
Juni 2010
Wegen der Pleite einer Planungsfirma und verschärften Sicherheitsbestimmungen wird die für November 2011 geplante Eröffnung des Flughafens auf den 3. Juni 2012 verschoben. Doch auch dieser Termin wird sich nicht halten lassen.
September 2010
Die Deutsche Flugsicherung legt einen ersten Flugrouten-Vorschlag vor. Tausende Betroffene gehen dagegen auf die Straße. Es gibt neue Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss.
Oktober 2011
Das Bundesverwaltungsgericht gibt grünes Licht für nächtliche Flüge in den Randzeiten. Der Airport kann ohne weitere Einschränkungen an den Start gehen.
Januar 2012
Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung legt die Flugrouten fest und folgt im Wesentlichen einem Vorschlag der Fluglärmkommission aus Gemeinde- und Airline-Vertretern. Am Müggelsee geht der Protest weiter. Initiativen kündigen weitere Klagen an.
Mai 2012
Vier Wochen vor dem Termin wird wegen Problemen die Eröffnung des Flughafens wieder abgesagt. In der darauffolgenden Woche verschiebt der Aufsichtsrat die Eröffnung auf den 17. März 2013. Chef-Planer Manfred Körtgen wird entlassen.
Juni 2012
Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg entscheidet, dass die Anwohner des Flughafens ein Recht auf besseren Schallschutz haben. Für die Betreiber bedeutet das weitere Kosten. Am 22. Juni entscheidet der Aufsichtsrat, den Starttermin 17. März erneut zu prüfen und im August darüber zu entscheiden. Der Flughafen soll gut eine Milliarde Euro teurer werden als geplant und insgesamt mehr als vier Milliarden Euro kosten.
September 2012
Der Termin im Frühjahr 2013 wird ebenfalls gestrichen, weil die Arbeiten mehr Zeit brauchen. Der neue Technikchef Horst Amann hält eine Eröffnung des Flughafens Ende Oktober 2013 für machbar. Außerdem fallen mehr Kosten an: Es gibt eine Finanzlücke von rund 1,2 Milliarden Euro, die Berlin, Brandenburg und der Bund gemeinsam füllen müssen. Das Geld soll für Baumaßnahmen, den Lärmschutz und Mehrkosten durch die Verschiebung ausgegeben werden. Damit sind die Gesamtkosten auf rund 4,3 Milliarden Euro gestiegen.
Dezember 2012
Mehrere Gutachten werden bekannt, laut denen der Flughafen für die Zahl der erwarteten Passagiere zu klein geplant ist. Sowohl die Check-in-Schalter als auch die Gepäckbänder sollen schon bei der Inbetriebnahme des Flughafens voll ausgelastet sein.
Januar 2013
Wowereit kündigt an, das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft an Platzeck abzugeben, nachdem der neue Technikchef Horst Amann den Eröffnungstermin im Oktober 2013 als nicht mehr haltbar bezeichnet hat. Auf einer vorgezogenen Aufsichtsratssitzung am 16. Januar soll auch über eine mögliche Ablösung von Flughafen-Chef Rainer Schwarz beraten werden. Grund für die neuen Verzögerungen sollen Medienberichten zufolge Baufehler insbesondere beim Brandschutz sein.