Folter-Lesung in Berlin Hoden aus Stahl

Kreative unter Strom - was für ein Spaß! Gestern durften bei einer Berliner Lesung Autoren gefoltert werden. Zusammengezuckt? War doch nur eine schmerzfreie Möchtegern-Provokation.

Von Henryk M. Broder


Anfang der sechziger Jahre unternahm der amerikanische Psychologe Stanley Milgram eine Versuchsreihe, mit der er die Bereitschaft ganz normaler Menschen testen wollte, grausame Befehle auszuführen. Das Experiment war dazu gedacht, Verbrechen aus der Zeit des National-sozialismus sozialpsychologisch zu erklären. Hatten die Deutschen einen besonders obrigkeitshörigen Charakter oder handelte es sich um eine allgemein menschliche Eigenschaft – zu tun, was einem gesagt wird, auch wenn das eigene Gewissen dagegen ist?

Milgram ließ Probanden Stromschläge an eine Person austeilen, die nicht zu sehen, sondern nur zu hören war. Das Opfer war ein Mitarbeiter Milgrams, der Schmerzen simulierte. Es zeigte sich, dass die Mehrzahl der Probanden bereit war, sehr weit zu gehen, wenn es ihnen befohlen wurde: "Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!"

Nachdem Milgram die Ergebnisse des Experiments publiziert hatte, erhielt er 1964 den Preis der American Association for the Advancement of Science in der Kategorie Sozialpsychologie und wurde zugleich aus der American Psychological Association für ein Jahr ausgeschlossen. Milgram und sein nach ihm benanntes Experiment waren höchst umstritten. Heute gehören beide zum Lernangebot an sozialpsychologischen Seminaren und zum Repertoire aller Quiz-Shows.

Milgram für den Prenzlberg

Gesternabend wurde das Milgram-Experiment in abgewandelter Form in Berlin wiederholt, auf einer Veranstaltung der Zentralen Intelligenz Agentur, von der man inzwischen weiß, dass sie sich auf skurrile Aktionen und Dienstleitungen spezialisiert hat. "Die Zentrale Intelligenz Agentur ist ein kapitalistisch-sozialistisches Joint Venture mit dem Anspruch, neue Formen der Kollaboration zu etablieren."

Das Venture wurde über die Grenzen von Berlin-Mitte hinaus bekannt, nachdem Kathrin Passig, die der ZIA angehört, vor kurzem den Klagenfurter Literaturwettbewerb gewann. Passig gilt als Fachfrau für Schmerzbehandlungen, seit sie vor sechs Jahren ein Handbuch "für Sadomasochisten und solche, die es werden wollen" geschrieben hat ("Die Qual der Wahl"). Gestern stand sie nun in einem weißen Arztkittel auf der Bühne einer Kneipe in der "Kulturbrauerei" und spielte die Domina vom Prenzlauer Berg. Ihr zur Seite zwei Assistenten, Sascha, der den Stromapparat bediente, und Frau Wagner, eine "Diplom-Psychologin".

"Ich habe ein Buch über SM geschrieben, fühle mich deswegen qualifiziert", sagte Frau Passig gleich zu Anfang, "wir haben einen Bildungsauftrag". Dann erklärte Sascha, wie das Experiment ablaufen sollte. Die Freiwilligen würden Texte vorlesen und die Zuschauer könnten über ihre Handys zwei Nummern anwählen: eine für "Weitermachen" und eine für "Aufhören". Dementsprechend würden auch die Stromschläge ausfallen, bis der Kandidat "Stopp!" sagt und aufgibt.

Wie das Verfahren genau funktionierte, blieb allerdings offen: War die Zahl der Anrufer ausschlaggebend für die verabreichten Stromstöße? Oder quälte Sascha die Vorleser einfach nach intuitiver Einschätzung der allgemeinen Stimmung? Hatte die Veranstaltung am Ende also von Milgram nur den Namen ("Onkel Milgrams Open Mike"), nicht aber dessen Bosartigkeit?

Das Ganze war - aus SM-Sicht jedenfalls - vielversprechend: Zuerst würde es nur "kribbeln, zwirbeln und beißen", schließlich, bei voller Dröhnung, wäre es wie "eine Peitsche aus Stacheldraht". Jeder Teilnehmer würde 50 Euro als Belohnung erhalten, dazu kostenlos Getränke seiner Wahl an der Bar.

Bevor es losging, mussten die Kandidaten eine Erklärung unterschreiben, dass sie "über alle Risiken aufgeklärt" wurden, dass sie weder Herzschrittmacher tragen noch Insulinpumpen benutzen und weder schwanger sind noch unter Epilepsie leiden. "Ich weiß, dass meine Teilnahme auf eigene Gefahr geschieht und der Veranstalter keine Haftung für etwaige gesundheitliche Schäden übernimmt." Derart auf alles vorbereitet, gab jeder den rechten Arm frei, um über zwei Elektroden mit dem Stromapparat verbunden zu werden.

Elektrisiert, aber nicht vom Text

Als erster las Daniel, 25, Student der Politik, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, Teenie-Prosa vor, die er in Internet-Foren gefunden hatte. Niemand war überrascht, wie schlecht der Text war. Nur Daniel hatte mehr erwartet. "Ihr seid echt lasch. Ihr seid widerlich. Ich hab mir so viel Mühe gegeben." Mit zusammen gebissenen Zähnen und gekrümmten Fingern hielt er bis zum Ende durch.

Dann war Mike an der Reihe. Mike, 44, ist schon weiter als Daniel. Er arbeitet als Lokalredakteur beim Pforzheimer Kurier und schreibt in seiner Freizeit "komische Literatur auf gutem Niveau", zum Beispiel das Gedicht "Vorübergehend nicht erreichbar", das er auch gestern vortrug: "Vier Worte stehen/an der Tür/ des Handy-Shops von Aden/ Akku leer/ Bin laden". Er gehört dem Verband deutscher Schriftsteller an und liest gelegentlich "im kleinen Kreis". Nachdem Mike allen Schmerzen getrotzt hatte, bemerkte Folterknecht Sascha: "Der hat Hoden aus Stahl, dieser Mensch."

Als Dritter wurde Klaudiusz unter Strom gesetzt, sein Text war eine Auflistung berühmter Romane, deren Titel er leicht variiert hatte: "Franz Kafka: Der Schoß, Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Mahlzeit, Thomas Mann: Lotte in Eimer, Samuel Beckett: Warten aufs Lotto." Kaum dass Klaudiusz fertig war, sagte Frau Passig. "Ich hoffe, es hat dir so wehgetan wie uns."

Dabei hatte sich gerade Klaudiusz, 33, unter Wert verkauft. Mit 15 kam er aus Polen nach Berlin, lernte Deutsch, studierte Germanistik und Polonistik an der Humboldt-Universität und machte seinen Magister mit einer Arbeit über Georg Büchner. Heute betreibt er eine Sprachschule für Deutsche, die Polnisch lernen wollen und eine Buchhandlung für polnische Literatur. Er ist schon mal im "Klub der polnischen Versager" aufgetreten und hat einen Elektroschock-Apparat zu Hause, mit dem er seine Hüftschmerzen behandelt. "Deswegen hat es mir nicht wehgetan."

Noch schmerzresistenter war freilich der Literaturkritiker des Berliner "Tagesspiegel", Marius Meller, der bei 18 Milliampere schwächelte und aufgab. Er las einen Text mit dem Titel "Unser Turnverein", mit dem er alle Texte unterbot, die er jemals verrissen hatte. Holst dagegen, 36, Pfleger in einem Seniorenheim, machte schon bei 11 Milliampere schlapp, obwohl er eine SM-Geschichte vortrug, deren Protagonisten allerlei Schmerzen tapfer ertragen. Leicht benommen verließ Holst die Bühne und murmelte: "Es ist geil."

Um zehn Uhr war die Folter vorbei, "Onkel Milgrams Open Mike" beendet. Sascha wischte sich den Schweiß von der Stirn, Frau Passig stellte sich den TV-Reportern, und die Besucher diskutierten, was sie gerade erlebt hatten: Einen Jeder-kann-mitmachen-Abend für Sado-Masochisten? Ein Gruppen-Harakiri der Prenzlauer Subkultur? Eine Hommage an den vergessenen Sascha Anderson?

Was immer es war, das Ergebnis ist erfreulich. Die Spaßgesellschaft liegt in den letzten Zügen. Sie zuckt noch ein wenig, aber nur, wenn ihr Stromstöße verpasst werden.



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