Foltern durch Musik Spiel mir das Lied vom Krieg

Musik kann wunderbar sein - und unvorstellbar grausam. Vor allem, wenn sie im Krieg oder zur Folter benutzt wird. Ein amerikanisch-kubanisches Künstlerduo spürt dem Missbrauch von Klängen nach: mit unglaublich lauten Installationen rund um Macht, Militarismus und Metallica.

Von Jenny Hoch


Metallica ist vermutlich die bekannteste Metal-Band der Welt. Als solche hat sie naturgemäß viele Fans, aber auch viele Feinde. Doch egal, ob man zu ihrer Musik headbangt oder nur den Kopf schüttelt - dass Metallica einmal ein Fall für Amnesty International werden würden, hätte man dann doch nicht erwartet.

Ihr Song "Enter Sandman" wird gerne auf Sportveranstaltungen gespielt, beim Boxen oder beim Football peitscht er das Publikum auf und sorgt zuverlässig für überkochende Stimmung. Doch der Menschenrechtsorganisation machte etwas anderes Sorgen: Im US-Gefängnis Guantanamo Bay drehten die Wärter "Enter Sandman" richtig laut auf, um Häftlinge mit dem düsteren Sound gefügig zu machen. Tatsächlich blieb es nicht bei Metallica. Der Folter-Sound reichte von nervigen Kinderliedern bis zu Christina Aguileras Pop-Gedudel.

Dauerbeschallung mit extrem lauter Musik ist nicht nur ein effektives Folter-Mittel, im Krieg dient sie seit Jahrhunderten auch zur Steigerung der Aggression und zur Hebung der Truppenmoral. Während man etwa in der Oktoberrevolution Balladen sang, im Zweiten Weltkrieg Volkslieder schmetterte oder im Vietnamkrieg Rock'n'Roll hörte, stöpseln in modernen Kriegen die Soldaten ihre iPods in die Musikverstärker ihrer Panzer ein und beschallen die Schlachtfelder.

Die Codierung von Musik durch Macht, Militarismus und Krieg ist das aktuelle Thema der Künstler Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla. Die Amerikanerin und der Kubaner leben in Puerto Rico und sind bisher durch Biennale-Auftritte und Gruppen- und kleinere Einzelausstellungen nur Insidern ein Begriff. Im Münchner Kunstverein und im Haus der Kunst zeigen sie nun erstmals in Deutschland in größerem Rahmen vier konzeptionell starke - und vor allem für Bildende Künstler ungewöhnliche laute - Arbeiten.

Denn hören kann man ihre Kunst lange bevor man sie sehen kann. Nähert man sich dem Kunstverein von der idyllischen Hofgarten-Seite her, klingt es schon von Weitem, als habe man eine wild gewordene Militär-Combo und eine Armada durchgeknallter Opernsänger zusammen in einen Käfig gesperrt und gezwungen, sich so laut wie irgend möglich ihrer Instrumente zu bedienen: Schrille Trompetensoli übertönen dumpfe Paukenschläge, und dazwischen quetschen sich Sängerstimmen in allen Lagen.

Etwas Ordnung in diese Kakophonie kommt erst, wenn man vor den Arbeiten steht. Für "Clamor" haben Allora & Calzadilla ein Jahr lang über 100 Musikstücke aus Kriegskontexten zusammengetragen. Die Auswahl reicht von Janitscharen-Kapellen des osmanischen Reichs, Widerstandshymnen der Vietcong und dem Horst-Wessel-Lied der Nazis bis zu modernen Popsongs. Diese Stücke werden auszugsweise live von Musikern interpretiert und bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, so dass ein sich überlappender Klangteppich entsteht, der die Stücke aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herauslöst und in dem sie sich buchstäblich gegenseitig bekriegen. Dabei verschanzen sich die Musiker in einem riesenhaften Bunker, lediglich ihre Instrumente ragen wie Waffen aus den Schießscharten.

Melodie der Zerstörung

Mit einfachen Mitteln große Wirkung erzielen, das ist die Kunst des Duos Allora & Calzadilla. Wie "Clamor" so lebt auch "Wake Up" erst durch die Life-Performance eines Musikers richtig auf: In einem strahlend weißen, minimalistischen Gang ist nichts zu sehen außer in unregelmäßigen Abständen flackerndes Licht, das wirkt wie der Widerschein fallender Bomben. Plötzlich gellt ein Trompeten-Solo durch den Raum, es ist eine Neuinterpretation des "Reveille"-Marsches, des militärischen Weckrufs, zu der die Künstler bekannte Trompeter animiert haben.

In "Sediments Sentiments (Figures of Speech)" kommt die menschliche Stimme als Instrument hinzu. In den Höhlen einer Art Endzeit-Moräne lagern Sänger und Sängerinnen wie sterbende Helden am Ende einer traditionellen Opern-Aufführung und trällern Fragmente politischer Reden von Hitler, Stalin, Martin Luther King oder dem Dalai Lama. Mal skeptisch, mal polemisch, mal emotional parodieren sie den gravitätischen Stil politischer Redner - der Inhalt der Reden wird durch diese Transformation gänzlich bedeutungslos, was bleibt, ist die Pose.

Im Haus der Kunst versündigten sich Allora & Calzadilla an einem Bechstein-Klavier, indem sie ein großes Loch mitten hindurch geschnitten haben. Doch man ist schnell bereit, ihnen zu verzeihen, wenn man sieht, was eine Pianistin mit dem preparierten Piano anstellt: Sie steigt in das Loch und spielt quasi von innen heraus, indem sie sich über die Tastatur beugt Variationen der Europa-Hymne "Ode an die Freude"- ein Stück, das im Dritten Reich genau an diesem Ort - der Ehrenhalle des Hauses der Kunst - zu Hitlers Geburtstag gespielt wurde.

Durch den brutalen Eingriff in das Klavier wurde der Klangkörper teilweise zerstört, nur die hohen und tiefen Töne funktionieren noch, die mittleren Tasten geben nur noch ein trockenes Klappern von sich - sinnfällige Leerstellen in einem geschichtlich, politisch und ideologisch überfrachteten Musikstück.

Alloras & Calzadillas Arbeiten sind mehr experimentelle Versuchsanordnungen als felsenfeste Behauptungen. Obwohl sie laut tönen, formulieren sie ihre Botschaft leise und prägnant. Eigentlich paradox: Als Bildende Künstler misstrauen sie der Wirkung von Bildern und setzen auf die assoziative Kraft der Töne. Doch wenn man sich auf ihre auditiven Denkanstöße einlässt, dann entsteht aus dem Ton-Wirrwarr eine beunruhigende Melodie. Es ist die Melodie der Zerstörung im Rhythmus des Krieges.


Allora & Calzadilla: "Wake Up, Clamor, Sediments Sentiments (Figures of Speech)", Kunstverein München, bis 13. Juli, Mittwoch bis Sonntag 14 bis 18 Uhr.

"Stop, Repair, Prepare: Variations on Ode to Joy for a Prepared Piano": Haus der Kunst, München. Bis 13. Juli Aufführungen jeweils Mi. 18 Uhr, Do. 20 Uhr, Fr. 18 Uhr, Sa. 17 Uhr, So. 17 Uhr; bis 14. September jeweils Do. 20 Uhr, So. 17 Uhr.



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