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Food-Imitate für Vegetarier: Gemüse ist mein Fleisch

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Lecker Pseudotier: Hühnchennuggets, Steaks und Würste schmecken - auch dem Vegetarier. Das Geschäft mit Imitaten auf Pflanzenbasis boomt. Der optisch fast identische Fleischersatz bedient karnivore Gelüste, ist gut für die Umwelt - und könnte Ernährungsprobleme der Zukunft lösen.

Pflanzenfleisch: Algen zu Garnelen! Fotos
Vegefarm

"Die süß-sauren Hühnerschenkel waren köstlich", sagt Norbert Pietsch und legt seine Serviette auf den blank geputzten Teller. "Ich bin seit 25 Jahren Vegetarier. Gegen den Geschmack von Fleisch habe ich aber trotzdem nichts einzuwenden", sagt er schmunzelnd. Da ist er keine Ausnahme.

Lange galten die die Alternativen zu Wurst, Burger und Schnitzel sowohl bei Fleischessern wie Vegetariern als nichts Halbes und nichts Ganzes. Doch mit dem Trend zur fleischlosen Ernährung kommen sie zu neuer Geltung. Lo-Ping Tu hat daraus ein Geschäft gemacht. Die Bremerin mit taiwanesischen Wurzeln betreibt seit 2005 den Internetversand " Vegefarm" für Fleisch- und Fisch-Imitate. Die Nachfrage nach Hähnchen aus Sojaeiweiß und Fleischbällchen aus Shiitakepilzen stieg so schnell, dass sie im vergangenen Jahr gemeinsam mit ihrer Familie ein Restaurant eröffnete. Hier stehen ausschließlich vegetarische und vegane Gerichte auf der Karte. Doch nicht labberiger Tofu und trockene Grünkernbratlinge: Zur Vorspeise gibt es eine herzhafte Fleischbällchensuppe und zum Hauptgang ein roséfarbenes Rindersteak oder knusprige Ente. Alles rein pflanzlich, versteht sich.

Auch Dagmar Göbbels hat an diesem Mittag auf der Terrasse vom "Vegefarm" gegessen. "Ich bin gar keine Vegetarierin", sagt sie. "Aber wenn ich auch fleischlos mein Hähnchen essen kann, soll mir das nur Recht sein. Besser für mich und für die Umwelt ist es allemal."

Das Körnerfresser-Image ist passé

Jahrzehntelang gehörte ein ordentliches Stück Fleisch zu einer richtigen Mahlzeit dazu. Schließlich schmeckte nichts so lecker herzhaft, machte ordentlich satt und versorgte den Körper mit wichtigen Proteinen. Umso besser, dass es mit den Jahren zusätzlich immer billiger wurde - der Massenproduktion sei dank. Kurzum: Totes Tier gehörte auf die Gabel, wie die Butter aufs Brot. Wer kein Fleisch aß, galt als komischer Körnerfresser.

Heute hat Fleisch ein Imageproblem. Vegetarier sind die besseren Esser und der jährliche Fleischkonsum in Deutschland nimmt stetig ab. Der Verzicht auf Fleisch ist gesellschaftlich akzeptiert, denn immer mehr Menschen wollen sich und der Umwelt mit einer fleischlosen Ernährung etwas Gutes tun.

Doch was tun, wenn einem die Fleischeslust bei aller Vernunft nicht vergeht? Besonders viele Neuvegetarier lechzen weiter nach ihrem saftigen Döner oder der knusprigen Bratwurst. Sie wollen an Weihnachten nicht die Beilagen vom Braten essen und beim Grillen nicht auf trockenem Brot herumbeißen, während ihnen der Fleischgeruch in die Nase steigt. Für genau diese Klientel kommen immer mehr Pseudofleisch-Produkte auf den Markt.

Ganz schön fleischig, diese Imitate

Ob Rostbratwürstchen, Leberwurst oder Holzfäller-Hacksteak: Mittlerweile gibt es so ziemlich alles, was Fleischfresser in die Pfanne werfen, auch vegetarisch. Vertriebe wie " Wheaty", " Tofutown", " Taifun Tofu" oder " Smilefood" versorgen die Republik flächendeckend mit Pflanzenfleisch. "Unser Umsatz nimmt stetig zu", sagt Saskia Rosalie Wolff, Inhaberin von Smilefood. "Wir bieten mittlerweile 120 Produkte an. Von Aufschnitt, Burger, Gulasch bis hin zu Döner und Cevapcici", so die junge Unternehmerin aus Köln. 2004 sei sie für ihre Unternehmensphilosophie noch belächelt worden. Heute liegt sie mit der Vision eines ethisch korrekten Unternehmens voll im Trend.

Auch Lo-Ping Tu sieht sich in der Missionarsrolle. "Wir müssen den Fleischesser abholen und den Vegetarismus somit zugänglicher machen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und braucht was Herzhaftes zu Beißen. Deshalb kommen auch Vegetarier und Fleischesser in unser Restaurant", meint die Gastronomin. "Nur ganz selten lehnen langjährige Vegetarier unsere Nachahmungen als zu fleischig ab."

Rein optisch steht das sündenfreie Pseudohühnchen aus Weizen-Eiweiß von der Mittagskarte im "Vegefarm" dem Original in nichts nach. Leicht faserig sieht es aus und lecker goldbraun angebraten. "Sicher schmeckt es nicht exakt wie ein echtes Hühnchen - genauso lecker ist es trotzdem", findet sogar Nicht-Vegetarierin Dagmar Göbbels.

Neue Proteine als gesellschaftliche Notwendigkeit

Trotzdem hat das Fake-Fleisch auch einen albernen Aspekt. Wieso pflanzliche Lebensmittel in absurde Formen pressen und ihnen lustige Fleischnamen geben? "Viele lieben den Geschmack oder Döner, möchten aber nicht, dass dafür Tiere getötet werden", meint Saskia Rosalie Wolff. Vegetarier und Gutmensch sein, ohne verzichten zu müssen - das passt zum allgemeinen Trend der ethisch korrekten Bio-Gesellschaft, die trotzdem möglichst auf nichts verzichten will.

Ernährungs- und Umwelt-Forscher sind davon überzeugt, dass auf lange Sicht eine Wende zum Fleischersatz unumgänglich ist. Harry Aiking vom Umweltinstitut der Freien Universität Amsterdam, arbeitet seit Jahren am niederländischen " Profetas"-Projekt. Zahlreiche Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen wollen Fleisch langfristig durch "novel protein foods" ("NPF") ersetzen, ein Kunstfleisch auf Basis pflanzlicher Proteine.

"Fleisch und klassische Fleischersatzprodukte wie Tofu verbrauchen zu viel pflanzliche Proteine und Energie in der Herstellung", sagt Harry Aiking. Die Forscher prognostizieren, dass weltweit aufgrund von Bevölkerungszuwachs und steigendem Lebensstandard bereits in 40 Jahren rund 70 Prozent mehr Lebensmittel benötigt würden. "Wir müssen den Fleischkonsum verringern, um die Katastrophe zu verhindern. Unser NPF muss bald überall verfügbar sein, um Hunger und Umweltschäden abzuwenden."

Für Lo-Ping Tu sind ihre Shrimps aus Seetang, das Hühnchen aus Sojaeiweiß und die Ente aus Seitan keine Möchtegern-Produkte für willensschwache Vegetarier und auch keine künstlichen Labor-Erfindungen. "In Taiwan haben die vegetarischen Fleischimitate eine jahrhundertealte Tradition", erzählt sie. Buddhistische, vegan lebende Mönche wollten den Menschen so ihre Lebensweise näherbringen. "Heute müssen selbst die traditionell buddhistischen Opfergaben keine toten Tiere mehr sein - es tut auch eine vegetarische Ente."

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Forum - Vegetarismus - lässt sich durch Fleischverzicht die Welt verbessern?
insgesamt 5469 Beiträge
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1.
Yagharek, 07.08.2010
Zitat von sysopDie Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? Ist Vegetarismus die Lösung? Oder genügt einfach ein größeres Qualitätsbewusstsein - weniger, besser, gesünder?
Vegatarismus wäre die Ideallösung, aber noch lange nicht umsetzbar. Daher ist es wichtig, die Qualität massiv höher zu setzen und alles Fleisch, was kein Bio-Fleisch ist, gehört verboten. Ich selber habe mich entschieden, nurnoch tierische Produkte zu essen, die mindestens den Bio-Standards erfüllen. Dadurch kann ich mir zwar nicht mehr täglich Fleisch leisten, was aber meiner Figure und meinem Wohlbefinden sehr zu gute kam. Bewußte Ernährung zahlt sich aus.
2. Wirtschaftswachstum und Freßwelle der 50er Jahre
rkinfo 07.08.2010
Zitat von sysopDie Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? Ist Vegetarismus die Lösung? Oder genügt einfach ein größeres Qualitätsbewusstsein - weniger, besser, gesünder?
[QUOTE=sysop;5993063]Die Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? /QUOTE] Sobald arme Länder zu Wohlstand kommen wird auch Fleisch massiv zusätzlich nachgefragt. Boomregionen in China kommen auf +10% Fleischbedarfzuwachs/ Jahr. Das war bei uns in den 50er Jahren nicht anders. Zudem haben wir heute ca. 500 Mill. Menschen die in der Landwirtschaft arbeiten aber mittelfristig kaum von den Paar Kröten für Weizen oder sonstiges Billigstzeug vom Acker leben können. 'Futtermittel' sind natürlich bzgl. Flächen- und Resourchenbedarf äußerst kritisch und könnten 2050 locker 2/3 der verfügbaren Agrarfläche der Welt belegen. Das wäre etwa eine Verdoppelung der heutigen globalen Anbaufläche. Schon eine kritische Sache wenn man den heutigen Billigpreis für Agrarprodukte vom Acker berücksichtigt. Aber die globale Freßwelle kommt mit Sicherheit im Gefolge des globalen Wachstums. Und bei ca. $2 je kg Geflügel, ca. $3 je kg Schweinefleisch und ca. $5 je kg Rindfleisch im Großhandel je kein großer Betrag für die Familien.
3.
Petra Raab 07.08.2010
Zitat von sysopDie Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? Ist Vegetarismus die Lösung? Oder genügt einfach ein größeres Qualitätsbewusstsein - weniger, besser, gesünder?
Absolut! Nur ein paar Gründe: -Wir füttern Millionen von Tier und lassen dadurch Millionen Menschen verhungern -Der Wasserverbrauch für eine fleischliche Ernährung ist zu hoch -Wir benötigen zu viel Fläche für eine fleischliche Ernährung - was uns den Regenwald kostet Ökologische Folgen des Fleischkonsums (http://www.vegetarismus.ch/info/oeko.htm) Die Ausbeutung der Erde (http://www.youtube.com/watch?v=fM8ixs4BHpE)
4. Welt verbessern?
sappelkopp 08.08.2010
Keine Ahnung, ob die Welt besser wäre, wenn wir auf das Fleisch verzichten. Auf jeden Fall hätten wesentlich mehr Menschen etwas zu essen.
5. Mäßigung , Imageverschlechterung und Preiserhöhung
kyon 08.08.2010
Zitat von sysopDie Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? Ist Vegetarismus die Lösung? Oder genügt einfach ein größeres Qualitätsbewusstsein - weniger, besser, gesünder?
Wenn ich den Ausdruck "Vegetarismus" lese, wird mir speiübel, weil sich dahinter ein fanatisches Extrem verbirgt, das wie alles Fanatische grundsätzlich fragwürdig ist. Die vernünftige Lösung wäre Mäßigung, wie von Ihnen am Ende angeboten,z.B. bessere Aufklärung als Beitrag zu einem veränderten Bewußtsein im Umgang mit Nahrungsmitteln, Verschlechterung des Images des Fleischessens und drastische Auflagen in der Fleischproduktion zur Erhöhung der Preise. Was das Problem mit der hungernden Weltbevölkerung angeht, empfehle ich mehr Bildung und weniger Religion zur Reduzierung der Zahl der Menschen, die versorgt werden müssen.
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