Foto-Ausstellung "Another London": Wir sind Weltstadt

Von Carsten Volkery, London

Banker treffen auf Bettler, Huren auf Hochwohlgeborene - London kann auf Olympia gut verzichten, die wuselige Weltstadt ist seit jeher sexy. Fast jeder berühmte Fotograf machte deshalb mal Station in der ersten Metropole der Moderne. Eine Schau protzt jetzt mit diesem Bilderschatz.

Manch Londoner denkt: Was soll der Quatsch? Wir brauchen die Olympischen Spiele nicht. Die Stadt ist schließlich bekannt genug und überreichlich mit Attraktionen gesegnet. Ein Olympia-Stadion als Touristenziel? Pah. Darüber können Bewohner einer Weltstadt nur schmunzeln.

Wer sehen möchte, was London wirklich ausmacht, sollte sich die Ausstellung "Another London" in der Tate Britain anschauen. Die Schau, die zu den Olympischen Spielen startet, zeigt 177 Fotografien von 41 ausländischen Fotografen. Sie dokumentieren die Stadt in all ihrer Vielfalt über fünf Jahrzehnte von 1930 bis 1980.

Fotografen waren von Beginn an von London fasziniert, der ersten Weltstadt, dem Symbol der modernen Metropole. Hier trafen sich immer schon alle: Bettler und Börsianer, Industrielle und Immigranten, Hochwohlgeborene und Huren. Ein Paradies für die professionellen Beobachter der Menschheit.

"Viele Fotografen haben in London quasi-anthropologische Studien betrieben", sagt Kuratorin Helen Delaney. "Sie haben Menschen nicht als Individuen gesehen, sondern als gesellschaftliche Typen." Tatsächlich ist in der Ausstellung jedes Klischee der modernen Großstadt vertreten - vom Straßenmusiker über den Zeitungsjungen bis zum feinen Herrn mit Frack und Zylinder.

Neonreklamen im West End, alte Doppeldeckerbusse und Trambahnen, Kettenkarusselle und Peep-Shows - die Schwarz-Weiß-Bilder lassen das 20. Jahrhundert in seiner ganzen Glorie Revue passieren. Menschen vertreiben sich die Zeit in Cafés, scharen sich an einer Paraderoute oder preisen lauthals ihre Waren an.

Fast alle großen Fotografen zog es irgendwann nach London. Henri Cartier-Bresson, Mitgründer der Magnum-Agentur und Pionier des Fotojournalismus, ist in der Ausstellung ebenso vertreten wie Irving Penn, Bruce Davidson und Robert Frank. Viele blieben in der Stadt hängen, darunter etliche Deutsche, die in den dreißiger Jahren vor den Nazis geflohen waren.

Die US-Meisterfotografin Eve Arnold lichtete 1961 eine junge Frau in der Badewanne einer Vierer-WG ab. Über der Wanne trocknete auf einer Leine ihre Unterwäsche - schon damals ging es in London sehr beengt zu. Irving Penn porträtierte in einer Serie die sogenannten kleinen Leute, in der Ausstellung sind zwei Putzfrauen aus dieser Reihe zu sehen. Der Schweizer Robert Frank wiederum war vor allem von den visuellen Möglichkeiten des Londoner Nebels fasziniert.

Die Straßenszenen wirken vertraut, so sehr sind sie Teil des kollektiven Bewusstseins. Da sind die englischen Lads, immer eine Spur zu aufdringlich gekleidet. Die Männer mit den schlechten Zähnen. Das Schwäne-Füttern im St. James Park. Die Kinder, die in kriegsversehrten Straßen Krieg spielen.

Der letzte Raum der Ausstellung ist den Subkulturen der siebziger Jahre gewidmet. Der Jamaikaner Neil Kenlock hielt die hiesige Black-Panther-Bewegung fest. Karen Knorr und Olivier Richon porträtierten die Besucher britischer Punk-Clubs. Es sind halt auch ein paar Sehenswürdigkeiten dabei, die nicht in jedem Reiseführer auftauchen - eben "Another London".

Another London. International Photographers Capture City Life 1930-1980: 27. Juli bis 16. September 2012, täglich 10-18 Uhr, Freitags 10-22 Uhr; Tate Britain, Millbank, London.

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insgesamt 2 Beiträge
Gewiss London braucht keine Selbstverherrlichung oder einfach eine Bühne wie Olympia nicht. Deshalb gab es da auch nur drei mal Olympische Spiele.
Gewiss London braucht keine Selbstverherrlichung oder einfach eine Bühne wie Olympia nicht. Deshalb gab es da auch nur drei mal Olympische Spiele.
Peter.Lublewski 29.07.2012
Da habe ich ja 1975 als dreizehnjähriger Schüler in London originellere Fotos gemacht.
Da habe ich ja 1975 als dreizehnjähriger Schüler in London originellere Fotos gemacht.
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  • Sonntag, 29.07.2012 – 14:06 Uhr
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