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Fotoausstellung am Folkwang Museum: Miss Verstand

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Die Ausstellung "(Mis)Understanding" feiert im Essener Museum Folkwang den Abschied vom Originalmotiv, indem sie sich der Bearbeitung von Bildern zuwendet - die klischeehaften Vorlagen werden verfremdet.

Fotografie ist wie ein elastischer Taillenbund. So jedenfalls sieht es die britische Künstlern Clare Strand: "Er kann und sollte sich ausdehnen und so anpassen, dass er verschiedenen Figuren gerecht wird, genauso gut kann er aber in seine ursprüngliche Form zurückschnipsen."

Elastisch genug, dass er allerhand nachdenkliche, bösartige oder traurigkomische Bildsorten in sich aufnehmen kann, aber keineswegs labbrig oder überdehnt ist der Begriff von Fotografie, den das Essener Museum Folkwang jetzt aufspannt. Die Ausstellung "(Mis)Understanding Photography" folgt dem Gedanken, dass Künstler seit den späten Sechzigerjahren das herkömmliche Fotomachen gegen den Strich bürsten und das Medium so, auch in Zeiten der Digitalisierung, immer noch frisch daherkommt.

Etliche Protagonisten drücken dabei gar nicht mehr auf den Auslöser. Erik Kessels hat Fotos gesammelt, für die stolze Ehemänner ihre Frauen neben einer blühenden Pflanze postierten. In seiner Installation "Mother Nature" renaturiert er diese Familienalben-Klischees von blühender Weiblichkeit vor blühender Natur, indem er die Abzüge zwischen die Strelitzien und Lavendelsträuchern eines üppigen Blumenbeets spießt.

Napalm-Attacke

Clare Strand zeigt eine Vitrine mit zahllosen Werbeaufnahmen von Hosen mit elastischen Taillenbünden und hebt so hervor, wie diese regelmäßig durch illustrative Elemente ergänzt werden - vermutlich, weil der Tragekomfort sonst nicht anschaulich rüber zu bringen wäre. John Hilliard lässt 1971 seine Kamera sich selbst fotografieren, während er 70 mögliche Einstellungen von Blendenöffnung, Verschlusszeit und Spiegel durchexerziert.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Digitalkameras seit den Neunzigerjahren werden aufwendige Fotosammlungen auf Papier oder Negativ immer überflüssiger - und für Künstler immer interessanter. So gelangte Joachim Schmid an Bilder, die ein Fotostudio in Bayern zerschnippelt hatte. Aus den Bruchstücken setzte Schmid verstörende Kombiporträts zusammen, die andeuten, wie stereotyp die Ursprungsbilder waren.

In den letzten Jahren scheint das Spiel mit Fake-Fotografie besonders ergiebig. So werden legendäre Kriegsfotos, deren Bekanntheit den Schrecken in ihnen schon fast wieder verbirgt, sarkastisch aufgefrischt: Pavel Maria Smejkal hat die vietnamesischen Kinder, die auf dem berühmten Foto von 1972 vor einer Napalm-Attacke fliehen, aus der Szenerie entfernt. Zbigniew Libera dagegen verwandelt in seinen "Positives" die zu Tode erschrockenen Jungen und Mädchen des Bildes in eine fröhlich herumtollende Schar.

Hoffnung für Venedig

Gleich zwei Remakes nehmen den Über-Fotokünstler Andreas Gursky aufs Korn. Florian Freier erzählt per Video, wie er durch Google-Earth-Screenshots von Google Earth ein Lookalike von Gurskys Rennstrecken-Foto "Bahrain I" schuf. Und Cortin/Sonderegger bauten im Studio den Rhein so nach, wie er auf Gurskys für 3,1 Millionen Euro versteigertem "Rhein II" aussieht, ganz als würden sie die Strategie des Künstlers Thomas Demands - er bildet Pressefoto-Locations aus Papier nach - einem "Gursky" überstülpen.

Basis der meisten Foto-Fakes sind Digitalisierung und Bildbearbeitungsprogramme. Ironisch-melancholisch reflektieren diese Wendung der Fotogeschichte die Prints von Adrian Sauer, die ihn bei Auspacken eines per Post gelieferten Photoshop-Programms zeigen. Dazu erzählt Sauer im Ausstellungsreader lakonisch vom Infrastruktursterben in seinem Berliner Viertel: Alle seine Labore, Foto- und Künstlerbedarfsläden schlossen in den letzten Jahren. Und die Ironie der Geschichte: Auch Photoshop kann nicht mehr real gekauft, sondern nur noch digital angemietet werden.

Als Pointe der Ausstellung ließe sich herausfiltern, dass Fotokunst heute den Abschied von dem Bild zelebriert, indem sich der Bearbeitung von Bildern zuwendet: sei es durch archivierende Strategien, durch analoge oder digitale Remakes oder durch Überblendung des Bildermachens mit kuratorischen Strategien, wie Wolfgang Tillmans sie mit seinen Wand- oder Raumarrangements ausfeilt.

Konzipiert hat "(Mis)Understanding" Florian Ebner. Er ist auch designierter Kurator des deutschen Pavillons bei der Venedig-Biennale 2015. Am Folkwang ist er Nachfolger der renommierten Fotoexpertin Ute Eskildsen - und setzt den Akzent auf konzeptuelle Künstler-Fotografie. Wie gut, dass dieser Ansatz nicht dröge, sondern amüsant und anspruchsvoll ausfällt.

Auch für Venedig lässt das hoffen.


(Mis)Understanding Photography, Museum Folkwang, Essen, bis 17. August 2014

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