Fotoserie zu Einwanderern: Guten Tag, ich bin jetzt Jude

Von Florian Diekmann

Sind wir jüdische Russen? Deutsche Juden? Beides? Viele Auswanderer aus der ehemaligen Sowjetunion suchten hierzulande eine neue Heimat - und mussten dabei auch eine neue Identität finden. Eine Schau in Berlin zeigt jetzt faszinierende Fotos vom Ankommen und Anpassen im fremden Deutschland.

Die Szene vermittelt eine Vertrautheit, die sich aus jahrtausendealten Traditionen ergibt: Es ist ein feierlicher Tag für die jüdische Gemeinde, die Beschneidung eines Neugeborenen. Desinfektionsmittel und Verbandszeug liegen auf einem Tisch bereit, der Mohel im weißen Kittel - ein Fachmann für den Eingriff - streicht dem Säugling über die Wange, sein Gesicht zeigt Freude und so etwas wie Stolz. Um ihn herum verfolgen die Gemeindemitglieder bewegt die Zeremonie.

Doch die Selbstverständlichkeit, die aus dieser Aufnahme aus dem Berlin des Jahres 1992 spricht, täuscht: Sie zeigt die erste Beschneidung in dieser Familie seit mehr als 70 Jahren, die in einer Synagoge stattfinden kann. Denn die Rosenfelds sind erst kurz zuvor aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert; in dem atheistischen Staat war an jüdische Gemeindetätigkeit in Gotteshäusern nicht zu denken. Der Fotograf Michael Kerstgens begann in diesem Jahr seine Langzeitserie über jüdisches Leben in Deutschland, das Jüdische Museum in Berlin zeigt von diesem Freitag an seine Aufnahmen aus den vergangenen zwei Jahrzehnten, gleichzeitig erscheint ein Bildband.

In dem Zeitraum, den Kerstgens mit seinen grobkörnigen Schwarzweißfotos dokumentiert, hat sich die Identität der jüdischen Gemeinschaft hierzulande grundlegend verändert. Von etwa 25.000 Mitgliedern im Jahr 1990 vervielfachte sie sich auf aktuell rund 110.000. Entscheidend für den starken Zuwachs war vor allem eine Initiative der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer der DDR: Im April 1990 erklärte das Parlament, verfolgten Juden in der DDR Asyl gewähren zu wollen - ein Anliegen, das nach der Wiedervereinigung dazu führte, dass Juden aus Russland und der Ukraine unter anderem als sogenannte "Kontingentflüchtlinge" nach Deutschland kommen konnten.

Judentum so fremd wie der Parteitag der KPdSU

Von dieser Möglichkeit machten bis 2010 Zehntausende russische Juden Gebrauch. Unter ihnen ist auch der Autor Wladimir Kaminer, der für seine Alltagsbetrachtungen Deutschlands aus der Warte eines Russen bekannt ist - oder als Erfinder der "Russendisko"-Partys, wie jener 1995 in Berlin-Mitte, auf der ihn Kerstgens hinter dem DJ-Pult portraitierte.

Für die meisten bedeutete der Schritt zugleich eine Störung ihres Selbstbildes: In Russland hatten sie kaum eine jüdische Identität entwickeln können, selbst grundlegende Kenntnisse religiöser und kultureller Traditionen fehlten ihnen. Sie betrachten sich zumeist als Russen. Erst nach und nach - wenn überhaupt - werden ihnen ihre jüdischen Wurzeln vertraut, manche erfinden sich dabei komplett neu.

So erzählen die 132 Fotografien Kerstgens vom Aufbruch und der Ungewissheit, von der Suche nach Zugehörigkeit und Identität. Doch es sind nicht nur Momentaufnahmen: Kerstgens, inzwischen Professor an der Hochschule Darmstadt, hat viele Einwanderer, deren Situation er zuerst für eine "Stern"-Geschichte 1992 festhielt, über die Jahre begleitet und sie für weitere Reportagen erneut fotografiert. Etwa den in Moskau geborenen und zum Schauspieler ausgebildeten Pjotr Olev. Er kam bereits 1989 über Wien nach Berlin - heute lehrt Olev selbst als Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg.

Oder die Familie Troitschanski, der bei ihrer Ankunft in Berlin das Judentum so fremd war wie zuvor "der Parteitag der KPdSU", wie Vater Michail berichtet. Geschickt baut Vater Troitschanski eine florierende Außenhandelsfirma in Deutschland auf, gleichzeitig wendet sich die Familie dem Judentum zu. Heute heißt die Familie Troychanskiy, lebt im kanadischen Toronto, die Söhne und Töchter sind beruflich sehr erfolgreich. Jeden Freitag trifft sich die ganze Familie - zum Sabbat-Mahl.


Ausstellung: "Russen Juden Deutsche", Fotografien von Michael Kerstgens seit 1992,
20. April bis 15. Juli 2012, Jüdisches Museum Berlin

Buch: "Neues Leben: Russen - Juden - Deutsche. Fotografien von Michael Kerstgens", Kehrer Verlag,
136 Seiten, 29,90 Euro

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Fotografie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
Buchtipp