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18. August 2012, 13:33 Uhr

Modefoto-Schau in Berlin

Bitte schön

Von Daniela Zinser

Schöne Frauen in schönen Kleidern ablichten - der Job von Modefotografen klingt sehr simpel, ist aber sehr schwierig. Warum genau? Das zeigt eine grandiose Berliner Schau zur Geschichte dieses Fotogenres, in der Damen von Welt auf Supermodels mit Superkörpern treffen.

Schöne Frauen in schönen Kleidern angucken? Gut, auch ein Argument für den Besuch der Ausstellung "Zeitlos schön - 100 Jahre Modefotografie" im C/O Berlin. Mit großer Sehlust kann man durch die Räume wie durch die Jahrzehnte streifen, sieht Schönheiten, Stars und Supermodels in den edelsten Gewändern. Doch selbst beim vermeintlich oberflächlichsten aller Fotogenres ist viel mehr darunter und dahinter.

Es geht um die große Frage: Was ist schön? Darum, was Kunst ist und was Kunst kann. Um Zeitgeist, Moden, Lebensentwürfe. Und um Träume. Es geht um das Selbstverständnis der Fotografie und um fruchtbares Teamwork. Und ums Zeitschriftengeschäft. Denn alle 160 Fotos, meist Vintage-Prints und ein paar Originale, stammen aus dem Archiv des US-Verlagshauses Condé Nast, zu dem "Vogue", "Vanity Fair" und "Glamour" gehören. Sie sind zum ersten Mal in einer großen Ausstellung zu sehen, die meisten sind in der "Vogue" erschienen.

Verlagsgründer Condé Nast hat schon in den zwanziger Jahren Fotografen gefördert, als noch Illustrationen die Modeseiten dominierten. Ob Helmut Newton, Irving Penn, Bruce Weber oder Mario Testino, sie alle begannen bei "Vogue" und arbeiteten jahrzehntelang für den Verlag. Ihre frühen Fotografien machen einen besonderen Reiz der Schau aus.

Ganz am Anfang steht jedoch Edward Steichen. 1923 wurde er Cheffotograf für "Vogue" und "Vanity Fair". Im Art-déco-Ambiente setzte er elegante Damen verführerisch in Szene. Sie strahlen Luxus, Erfolg und Weiblichkeit aus - und wirken doch authentisch.

Noch heute wecken diese Bilder sofort Sehnsüchte nach zeitloser Eleganz. Mit den surrealistisch anmutenden Fotos von Man Ray und den Aufnahmen von George Hoyningen-Huene, der Models wie griechische Skulpturen inszeniert und sehr modern mit Licht und Schatten spielt, beginnt die Ausstellung vielleicht schon mit ihrem Höhepunkt.

Jedes der Bilder erzählt eine Geschichte. Von Schönheit, Frauenbild, Zeitgeist, vor allem in den USA, Großbritannien und Frankreich. Die durchtrainierten Frauen der dreißiger Jahre mit gebräunten Körpern. Die reisefreudigen, unabhängigen Damen der Nachkriegsjahre. Und schließlich die Supermodels der achtziger Jahre.

Bei allem künstlerischen Anspruch war den Fotografen dennoch stets klar, dass sie für Zeitschriften arbeiteten. Guy Bourdin etwa konzipierte seine Aufnahmen - zentrierte Kompositionen mit neuen, raffinierten Bildausschnitten - für Doppelseiten, die Kontraste versuchte er über Probedrucke zu perfektionieren. Ausgaben der damaligen "Vogue" veranschaulichen das. Nicht nur die Form machte Vorgaben. Stylisten, Models, Redakteure, Art-Direktoren und indirekt auch Werbekunden und Leser mischen sich seit jeher in die Arbeit der Fotografen ein.

Die haben also ein Dilemma zu lösen: Kreativ und innovativ sein, sich bloß nicht wiederholen. Doch das Thema - schöne Frauen in schönen Kleidern - bleibt gleich. Gerade in den fünfziger und sechziger Jahren arbeitete der Verlag deshalb gern mit jungen Fotografen zusammen. Die interessierten sich oft nicht für Mode, suchten aber die Herausforderung. So kam die Popkultur in die Modefotografie. David Bailey etwa, inspiriert von New Wave und Jazz, zeigte Jean Shrimpton so jugendlich, so natürlich und so britisch, dass die Modewelt anfangs geschockt war. William Klein holte die Modefotografie auf die Straßen von New York und stellte Konzept über Kleider.

Das Model wuchs dann in den achtziger Jahren über die Mode hinaus. Peter Lindbergh, Bruce Weber und Herb Ritts schufen mit ihren Schwarzweißaufnahmen DIE Supermodels: Claudia Schiffer, Linda Evangelista, Cindy Crawford, Naomi Campbell und Christy Turlington. Superkörper im Sonnenlicht. Mit diesen Bildern bricht Corinne Day 1993. Wie auf einem privaten Schnappschuss zeigt die Fotografin Kate Moss und Linda Evangelista in intimen Szenen, ungesund wirken sie, schief im Leben.

Lange wurde in der britischen "Vogue" diskutiert, ob diese Fotos veröffentlicht werden sollten. Denn, auch das zeigt die Schau, die Sorge um die Werbekunden macht gerade die US-"Vogue" nicht zu einem experimentierfreudigen Magazin. Fotografen wie Juergen Teller oder Terry Richardson, die radikal Neues und schockierenden Realismus wagen, werden anderswo gedruckt.

Bei Condé Nast gilt die "Vogue Italia", die ein offenes Nischen- und Fachpublikum hat, als das mutigste Blatt. Sie zeigt etwa die Arbeiten von Sølve Sundsbø, der Frauen wie Wachspuppen in filmartigen Szenen arrangiert. Die aktuelle Modefotografie neigt zur Künstlichkeit in Posen und Farben. Retuschiert wurde schon in den sechziger Jahren, aber nie so viel und so perfekt wie heute. Ob Hyperglamour oder Trash - schön ist, was bearbeitet ist. Vielleicht doch noch mal zurück in die Zwanziger?


"Zeitlos schön - 100 Jahre Modefotografie von Man Ray bis Mario Testino", 18. August bis 28. Oktober, Täglich 11 bis 20 Uhr, C/O Berlin, Oranienburger Straße 35/36, Berlin-Mitte. www.co-berlin.com

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