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Foto-Kontroverse: "Das hier ist der Libanon, wir laufen immer so herum"

Von Ulrike Putz, Beirut

Das beste Pressefoto des Jahres 2006 zeigt reiche, schöne Libanesen, die nach dem Krieg in Touristenmanier die Trümmer im Armenviertel Beiruts besichtigen – scheinbar. Bissan Maroun, die auf dem Schnappschuss zu sehen ist, hat SPIEGEL ONLINE die wahre Geschichte erzählt.

Eine erste Ahnung davon, was Weltöffentlichkeit bedeutet, hatte Bissan Maroun, als sie vor gut zwei Wochen abends in ihrer Heimatstadt Beirut aus dem Kino kam. Ihr Handy zeigte zig verpasste Anrufe, es klingelte schon wieder, und ihre völlig aufgelöste Mutter war dran: "Dein Bild läuft auf allen Fernsehsendern, meine Kinder sind berühmt", schrie sie ins Telefon. Es dauerte eine ganze Weile, bis Bissan begriff: Das Bild, das die 29-Jährige mit Bruder, Schwester und zwei Freundinnen zeigt, wie sie am Tag des Waffenstillstands im Cabrio durch die zerstörte südliche Vorstadt von Beirut fährt, war zum besten Pressefoto des Jahres gewählt worden.

Bild des Anstosses, Mitfahrerin Bissam (ganz links): "Wir sind selber aus der Dahiye, aus der Vorstadt",
Getty Images

Bild des Anstosses, Mitfahrerin Bissam (ganz links): "Wir sind selber aus der Dahiye, aus der Vorstadt",

"Ich will, dass die mich einladen, nach Amsterdam, zur Preisverleihung", war Bissams erste Reaktion. Ihr Traum könnte tatsächlich in Erfüllung gehen. Die World Press Organisation prüft derzeit, ob sie die fünf jungen Leute zur Gala in die Niederlande einfliegen lässt. Das wäre ein Novum, vielleicht auch geschuldet dem schlechten Gewissen gegenüber den Porträtierten. Denn selten hat ein Kriegsfoto für so viele Schmähungen gesorgt. "Anfangs hieß es überall, das sind doch diese reichen, schicken Libanesen, die im Armenviertel Kriegstourismus betreiben", sagt Bissam. "Dabei stimmt das hinten und vorne nicht."

Tatsächlich waren die Bildunterschriften, mit denen das Foto weltweit schon vor der Auszeichnung in den Zeitungen erschienen war, selten freundlich. Die ausländischen Kommentatoren erregten sich über die knappen T-Shirts der Mädchen, die in dem konservativen Viertel fehl am Platze seien. Über die angewiderten Gesichter, die doch nur zeigten, dass die Reichen kein Mitleid mit der Normalbevölkerung hätten. Und dann dieses Auto, eine reine Provokation gegenüber den armen Einwohnern des Stadttteils. Auch in Bissams Umfeld wurde getuschelt - bei der Bank, bei der sie arbeitet, meldete sie sich erst einmal krank. Als ihr Foto mit dem World Press Photo Award prämiert wurde, riet ihr Chef ihr, der Presse die wahre Geschichte zu erzählen.

"Wir sind selber aus der Dahiye, aus der Vorstadt", sagt Bissam an einem heißen Februarnachmittag in Beirut. Während des israelischen Bombardements flohen sie, ihr 22-jähriger Bruder Jad und ihre 26-jährige Schwester Tamara aus Sfeir, ihrem Stadtviertel. Sie quartierten sich in einem Hotel im sicheren Hamra ein und taten das, was wohl die meisten Libanesen in diesem Krieg taten: warten. Im Hotel trafen die Geschwister die beiden anderen Mädchen auf dem Foto, Noor Nasser und Liliane Nacouzi. Beide sind Angestellte des Plaza-Hotels und durften während des Krieges in einem der leeren Zimmer übernachten.

"Es war so heiß, und wir waren zu fünft in dem kleinen Auto"

Am 15. August, dem Tag des Waffenstillstands, borgte sich Jad den orangefarbenen Mini Cooper einer Bekannten. Seit Wochen hatten die Geschwister keine Nachricht, ob ihr Apartmentblock noch steht, jetzt, da die Waffen schwiegen, wollten sie selbst nachsehen. Jad fuhr, Tamara kletterte auf den Beifahrersitz, Bissam quetschte sich hinten in die Mitte zwischen die Freundinnen und hielt ihr Kamera-Handy parat. "Wir haben kurz darüber gesprochen, ob wir das Verdeck wirklich aufmachen sollen", sagt sie SPIEGEL ONLINE: "Aber es war so heiß, und wir waren zu fünft in dem kleinen Auto, also haben wir es weggeklappt."

Bissam gibt zu, dass ihre Erkundungsfahrt auf den ersten Blick wie ein Paradebeispiel von Kriegstourismus aussehen muss. "Aber gucken Sie in unsere Gesichter, die zeigen deutlich, wie entsetzt wir sind, wie schockiert", sagt sie. "Wir waren nicht fröhlich." Über den Vorwurf, sie und die anderen jungen Frauen seien zu aufreizend angezogen, kann sie inzwischen nur noch lachen. "Das hier ist der Libanon. Wir laufen immer so herum", sagt sie. Noch nie habe sie deshalb Probleme mit konservativeren Nachbarn gehabt.

Es war gegen ein Uhr mittags, die jungen Leute waren auf dem Weg zu ihrer Wohnung, als der Fotograf Spencer Platt aus dem Augenwinkel das orange Cabrio sah. "Ich habe die Kamera hochgerissen und vier, fünf Mal abgedrückt", sagte er dem US-Fernsehsender CNN. Die meisten Bilder seien nichts geworden, weil eine Person in den Bildausschnitt gelaufen sei, "das Preisbild ist das einzige, was überhaupt brauchbar war". Mit den fünf jungen Leuten gesprochen hat er nie. Dass sie ob seines Fotos in die Bredouille geraten sind, tut ihm leid. "Ich wollte mit dem Bild auf keinen Fall ein politisches Statement abgeben."

Libanesisches Klischee bedient

Das Bild hatte von der ersten Veröffentlichung an Aufruhr in der Zunft der Kriegsfotografen verursacht. Nicht wenige fanden das Bild aus der Etappe zu schön, um wahr zu sein. Gerüchte machten die Runde, das Bild sei gestellt. Der Streit ging weiter, als das Bild prämiert und so erneut in den Zeitungen abgedruckt wurde. Samer Mohad, libanesischer Fotograf und Jurymitglied des World Press Photo Awards, sprach sich vehement gegen die Wahl aus und nannte die Prämierung "eine Beleidigung für alle Pressefotografen, die ihr Leben riskiert haben, um über diesen entsetzlichen Krieg zu berichten".

Die heftigen Reaktionen beweisen, dass Spencer Platt einen Nerv getroffen hat. Er bedient perfekt das Klischee vom Libanon – das durchaus seine Berechtigung hat. Tatsächlich teilen sich im Libanon immens reiche Menschen mit äußerst armen Bewohnern nicht nur das gleiche Land, sondern auch die paar Quadratkilometer Fläche, die Beirut einnimmt. Es gab sie tatsächlich, die mit Edel-Sonnenbrillen ausstaffierten Reichen, meist Christen oder Sunniten, die während des Kriegs in den Ausflugslokalen oberhalb der Stadt saßen und von dort aus, ein Wasserpfeifchen schmauchend, zusahen, wie die von den ungeliebten Schiiten bewohnten Stadtviertel unter ihnen in Rauch aufgingen.

Nur gehörten Bissam und ihre Clique eben nicht dazu.

Bissam kann sich über den Erfolg des Schnappschusses erst freuen, seit ihre Geschichte in einigen libanesischen Zeitungen erschienen ist. Den Journalisten hat sie erzählt, dass auch ihre Wohnung schwer beschädigt wurde, alle Fenster zertrümmert waren, die Einrichtung von den Druckwellen zerschmettert wurde. Seitdem gucken ihre Kunden in der Bank nicht mehr vorwurfsvoll, sondern bringen ihr Zeitungsausschnitte mit ihrem Bild mit. "Mein ganzer Schreibtisch ist damit voll", sagt sie. Für die kommenden Wochen haben ihr befreundete Journalisten noch eine ganze Flut an Medienterminen vorausgesagt. "Aber das geht hoffentlich bis zum Sommer vorbei." Dann will Bissam ohne großen Trubel heiraten.

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