Foto-Pionier Muybridge: Hopp, hopp, hopp, Bildchen lauft Galopp!

Von Carsten Volkery, London

Er war der Starfotograf der viktorianischen Zeit: Eadweard Muybridge verkaufte Millionen seiner Landschaftsbilder und legte den Grundstein fürs Kino - selbst in einen Mordprozess war er verwickelt. Jetzt widmet die Londoner Tate dem Pionier eine Retrospektive.

Als der junge Edward Muggerbridge aus dem englischen Marktstädtchen Kingston-upon-Thames 1851 nach Amerika auswanderte, hatte er wie so viele andere Europäer nur ein Ziel. "Ich will mir einen Namen machen", vertraute er seiner Oma an. "Wenn ich versage, wirst du nie wieder von mir hören."

Die Warnung erwies sich als unbegründet, denn Eadweard Muybridge (1830-1904), wie der Enkel sich später nannte, sollte zu einem der bekanntesten Fotografen der damaligen Welt werden. Seine verträumten Landschaftsbilder aus dem Yosemite Valley verkauften sich millionenfach, seine Dia-Vorträge wurden in Europa begeistert gefeiert - ein früher Starfotograf, der selbst die dunklen Seiten des Celebrity-Daseins idealtypisch vorweg nahm: 1874 erschoss er den Liebhaber seiner Frau, wurde in einem spektakulären Prozess dann aber freigesprochen. Die Jury zeigte Verständnis für den Rachedurst des gehörnten Ehemannes.

Obendrein kam der Mann mit dem wild wuchernden Bart bei seinen Experimenten dem Geheimnis des Bewegtbildes auf die Spur - und schrieb so Geschichte: Muybridges Bewegungsstudien von Rennpferden bildeten den Grundstein für das Kino, zwanzig Jahre vor den Brüdern Lumière.

Die Londoner Tate Britain Gallery widmet dem Pionier der Fotografie nun eine umfassende Retrospektive. Die Ausstellung, die bereits in der Corcoran Gallery in Washington zu sehen war, wird nicht nur Hobbyfotografen entzücken. Die 150 Werke bieten faszinierende Einblicke in die Kinderjahre der Kamera.

Muybridge war Perfektionist. Während seiner mehrmonatigen Touren durch das Yosemite Valley bei San Francisco ließ er sich mit seiner kiloschweren Ausrüstung in Schluchten abseilen, um die optimale Perspektive zu finden. Wenn ein Baum sein ästhetisches Empfinden störte, ließ er ihn kurzerhand fällen. Mit sich führte er allerlei Fläschchen mit Chemikalien und ein schwarzes "Dunkelzelt" - darin konnte er vor Ort seine Bilder entwickeln.

Photoshop im 19. Jahrhundert

Seine Fotos waren so sorgfältig konstruiert wie die Gemälde englischer Landschaftsmaler. Muybridges Himmelsaufnahmen wurden mit den Meisterwerken William Turners verglichen. Weil die primitiven Kameras noch nicht gleichzeitig Details von Himmel und Landschaft festhalten konnten, behalf sich Muybridge kurzerhand mit "Copy and Paste": Er klebte Himmelsfoto auf Landschaftsfoto und fotografierte die Collage ab. So ist zu erklären, warum in verschiedenen Motiven immer die gleiche Wolkenformation auftaucht. "Es war Photoshop im 19. Jahrhundert", sagt Tate-Kurator Ian Warrell.

Wann und wie Muybridge das Fotografieren gelernt hat, ist nicht ganz klar. Es muss bei einem Heimataufenthalt in London passiert sein, wohin er von 1861 bis 1866 zurückkehrte, um eine schwere Kopfverletzung auszukurieren. Vorher hatte er in New York und San Francisco sein Geld als Buchhändler verdient. Erst nach seiner erneuten Ausreise in die USA fing er an zu fotografieren, die ersten dokumentierten Fotos stammen aus dem Jahr 1867. Seine gesamte Karriere fand in seiner Wahlheimat San Francisco statt, damals eine schnell wachsende Boomtown im Goldrausch.

Viele Bilder entstanden im Auftrag der US-Regierung, die den Fotografen in die entlegenen Regionen im Westen entsandte, um einen Eindruck von ihren neuen Territorien zu gewinnen. So fotografierte Muybridge zwei Dutzend Leuchttürme entlang der Pazifikküste. Er begleitete auch die Alaska-Expedition unter Führung des US-Generals Henry Halleck ein Jahr nach dem Kauf des neuen Bundesstaats von Russland. Seine Aufnahmen sollten die Amerikaner davon überzeugen, dass das Land den Kaufpreis von 7,2 Millionen Dollar wert war. Kurator Warrell nennt sie "Propagandafotos".

Seinen Ruf als Pionier verdankt Muybridge jedoch seiner Serie "The attitudes of animals in motion". Auf Geheiß seines Gönners Leland Stanford, dem schwerreichen Eisenbahnmogul und späteren Gouverneur von Kalifornien sowie Gründer der Stanford University, begann er 1872, dessen Rennpferde zu fotografieren.

Spezielle Auslöser-Drähte auf dem Boden

Der begeisterte Pferdezüchter Stanford wollte wissen, ob die vier Hufe eines Pferds beim Galoppieren je alle gleichzeitig in der Luft sind. Für das bloße Auge ist dies nicht zu erkennen. So ersann Muybridge den Vorläufer der Blende (bis dahin hatten Fotografen immer die Kappe vor die Linse gehalten, wenn sie glaubten, dass die Belichtungszeit reichte).

Über Jahre hinweg verfeinerte Muybridge seine Experimente, er wollte eine Tausendstelsekunde festhalten. Auf Stanfords Gestüt in Palo Alto stellte er bis zu 24 Kameras in einem Abstand von 7,5 Zentimeter nebeneinander. Zwei Holzlatten waren vor der Linse angebracht, die sich automatisch schlossen, wenn die Pferde beim Vorbeilaufen auf spezielle Auslöser-Drähte auf dem Boden traten.

Mit dieser primitiven Technik stellte er Serien von gehenden, trabenden und galoppierenden Pferden her. Als er diese dann auf eine Scheibe druckte und die Scheibe in einen eigens konstruierten Projektor, das Zoopraxiscope, legte, begannen die Pferde an der Wand zu laufen. Der entscheidende Moment dauerte schließlich nur den Bruchteil einer Sekunde, doch in dem schienen die Pferde zu fliegen.

Das Publikum auf beiden Seiten des Atlantiks war begeistert. "Es war ein Triumph", sagt Warrell. Muybridge war auf der Höhe seines Ruhms angelangt. Nicht nur hatte er Wissenschaft und Technik einen entscheidenden Schritt vorangebracht. Seine Bewegungsstudien von Tieren und Menschen wurden auch zu einer Inspirationsquelle für Generationen von Künstlern. In der Ausstellung ist Muybridges Einfluss sorgfältig dokumentiert: Allein im Atelier des Malers Francis Bacon fanden sich vier zerlesene Exemplare des Fotobands "The human figure in motion".


Eadweard Muybridge, Tate Britain, London, 8. September 2010 bis 16. Januar 2011

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