Foto-Schau "Trainspotting" Augenschmaus für Pufferküsser

Er installierte Batterien von Blitzlichtern und leuchtete nächtliche Gleistrassen aus: Der Fotograf O. Winston Link setzte die Welt der letzten Dampfzüge in den USA eindrucksvoll in Szene. Eine Hamburger Ausstellung beweist: Links Loks sind bahnbrechend - und Kunst.


Als Ogle Winston Link an einem Januarabend des Jahres 1955 am Bahnhof von Waynesboro stand, ahnte er nicht, dass ihm die Einfahrt des Nachtzugs künftig einen Haufen Arbeit einbringen würde. Der New Yorker Industrie- und Werbefotograf war im Auftrag einer Agentur in Virginia unterwegs. Privat aber interessierten ihn Eisenbahnen. Also war er nach Waynesboro gefahren, wo er mit dem Bahnhofsvorsteher am Bahnsteig fachsimpelte. Dann näherte sich der von ihnen erwartete Zug: Dampf, Qualm, Stampfen, Zischen, Quietschen – das Spektakel wirkte so imposant, dass Link beschloss, sich neben seinen Auftragarbeiten einem selbstfinanzierten Projekt zu widmen: die Welt der letzten Dampfzüge fotografisch zu dokumentieren.

An die 20 Mal reiste er von da an für Tage oder Wochen in die Gegend, in der die Norfolk & Western Railway verkehrte - damals schon die einzige große Gesellschaft, die noch ausschließlich mit Dampfloks fuhr. Bis 1960 entstanden 2400 Fotos. 80 von ihnen werden jetzt in der ersten deutschen Link-Schau im Hamburger Museum der Arbeit gezeigt.

Interessant sind diese Trainspotter-Memorabilien nicht nur für "Pufferküsser", wie leidenschaftliche Eisenbahnfans genannt werden. Denn Link entwickelte eine ganz besondere Aufnahmetechnik. "Ich kann die Sonne nicht verrücken oder die Schienen verlegen", sagte er. Um trotzdem die optimale Konstellation zwischen Zug, Umgebung und Licht vor die Kamera zu bekommen, machte er zahlreiche Nachtaufnahmen. In oft langer Vorarbeit setzte er ganze Streckenabschnitte unter künstliches Licht. Er entwickelte besonders starke Stromaggregate, verlegte kilometerlange Kabel und entwarf eine eigene Steuerungstechnik, die im idealen Moment Blitzlichter und Kamera gleichzeitig auslöste.

Was heute Photoshop erledigt, tilgte damals die Nacht: Was nicht ins Bild passte, verschwand im Dunkeln. Spektakulär ist etwa seine Autokino-Aufnahme: Im Vordergrund turtelt Wange an Wange ein Paar im Cabrio. Dahinter versammelt sich ein Pulk von Limousinen vor der Leinwand, über die ein Flugzeig huscht. Und ganz hinten rauscht unter einem weißen Schweif aus Qualm ein schwarzes Zugungetüm vorbei, das im Dunkel der Nacht nur sichtbar wird, weil Link entlang der Gleise eine komplizierte Apparatur aus 43 Blitzlichtern installiert hat.

Oft lässt Link die Bahn im Hintergrund queren, während er vorne eine zusätzliche Handlung inszeniert. Kinder plantschen unter einer Hochbrücke im Fluss, während oben ein Güterzug vorbeidonnert. Für "Swimming Pool" spricht er nachmittags im Freibad langbeinige Badeanzug-Beautys an: Sie möchten doch bitte abends beim Heranzuckeln des Nachtzugs dekorativ am Beckenrand posieren. Durch diese Inszenierungsstrategien erhalten die Aufnahmen einen wundersam künstlichen, ja theatralischen Charakter.

Auch sonst führt Link bis in die Details hinein Regie. Manchmal macht er die Lokführer zu Komplizen. Sie lassen dann weniger vom rußigen, schwarzen Qualm aufsteigen und mehr vom dekorativen weißwattigen Dampf. Oder sie rangieren an stillen Streckenabschnitten ein Stück zurück, um dann noch imposanter vor die Kamera zu rollen. Einmal manipuliert er sogar mit einer Montage. So kommt das Flugzeug, das im Autokino-Bild auf der Leinwand zu sehen ist, zwar im gezeigten Film vor, nicht aber an der Stelle, als der Zug vorbeirauscht.

Zug um Zug

In den Fünfzigern stellt Link seine Eisenbahnbilder nur im eigenen Atelier aus, wo sie auf wenig Interesse stoßen. Vermutlich ist der damalige Geschmack zu sehr auf sozialdokumentarische, quasi authentische Aufnahmen fokussiert. Erst in den Achtzigern, als Fotografie zunehmend als Teil der Bildenden Kunst verstanden wird, kann er in amerikanischen und britischen Museen ausstellen. Und heute gibt es im historischen Bahnhof von Roanoke/Virginia sogar ein eigenes Link-Museum.

In der Geschichte der Fotografie stehen seine aufwendigen Nacht-Tableaus ziemlich allein da. Ihre Atmosphäre erinnert am ehesten an filmische Nachtaufnahmen, wie sie in den Fünfzigern in Hollywood angesagt waren. Bahnbrechend ist dabei nicht, was die Linkschen Lichtbilder beabsichtigen: eine untergehende Welt zu konservieren. Eher ist es das, was ihnen durch ihre komplexen Inszenierungen und fiktionalisierenden Eingriffe manchmal unterläuft: die halluzinatorische Vorwegnahme einer künstlichen, mediatisierten Umgebung, einer simulierten Welt, wie sie sich heute etwa in Freizeitparks konkretisiert. Bisher wurden seine Phantasmagorien noch in keiner größeren Schau zusammen mit inszenierten Fotos der aktuellen Kunst gezeigt - etwa mit den Leuchtkasten-Kompositionen Jeff Walls oder den unheimlichen Inszenierungen Gregory Crewdsons. Passen würde es schon.

Teuer und begehrt sind Links Aufnahmen allerdings auch ohne diesen Kontext. Das bewies eine unglückliche Episode seiner letzten Lebensjahre. Seine Frau wurde 1996 wegen Diebstahl verurteilt. Sie soll ihm 1400 Abzüge im Wert von 1,6 Millionen Dollar gestohlen haben.


"Trainspotting. Amerikas letzte Dampfzüge fotografiert von O. Winston Link", Museum der Arbeit, Hamburg, bis 29. Juni; Aufnahmen von Link werden auch gezeigt bei "Art in the Age of Steam", Walker Art Gallery, Liverpool, bis 10. August



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.