Foto-Serie "So isst die Welt" Sieben Dollar für einen Big Mac

Wie viel McDonald's verkraftet unser Planet? Als letztes Areal der Erde erobern die Fast-Food-Konzerne Asien, der Burger ist längst eine globale Kultur-Ikone. Eine eindrückliche Foto-Reportage zeigt, was die Welt wirklich isst.


Die Fast-Food-Industrie beeinflusst schon lange nicht mehr nur die westlichen Ernährungsgewohnheiten: Bis zu den Olympischen Spielen in Peking im Jahr 2008 will McDonald's die Anzahl seiner Filialen in China von 650 auf 1000 erhöhen, Burger King plant dort 300 neue Niederlassungen bis 2012, sagte der Chef des Konzerns, John Chidsey, kürzlich der "South China Morning Post". Eine Welt, ein Sparmenü?

Im Schnellrestaurant wird nur die Illusion einer sicheren Ernährung erzeugt, schreibt der US-Publizist Corby Kummer in seinem Essay "Mc Slow". Es herrscht das Regime der "happy meals": Globales Essen sieht überall gleich aus. Was aber kommt den Menschen Tag für Tag zu Hause tatsächlich auf den Tisch?

Der Fotograf Peter Menzel und die Autorin Faith D'Aluisio haben sich diese Frage schon vor einiger Zeit gestellt. Ihr Bildband "So isst die Welt" erschien Ende 2005, die eindringliche Fotoserie hat seither nichts von ihrer Aussagekraft und Eindringlichkeit verloren, im Gegenteil. 30 Familien und ihre Wochenrationen werden porträtiert.

Wie einst der Filmemacher Luis Buñuel offenbaren Menzel und D'Aluisio den diskreten Charme der Bourgeoisie: Die reich gedeckte Tafel der industrialisierten Staaten steht in hartem Kontrast zu dem staubigen Boden, auf dem sich die Menschen in sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern zum Essen versammeln. Harsch ist die Diskrepanz zwischen dem Überfluss der Reichen und der Not der Armen. Im Tschad leben die Aboubakars aus der sudanesischen Provinz Darfur im Breidjing-Flüchtlingscamp. Die sechsköpfige Familie gibt wöchentlich 1,23 Dollar für Lebensmittel aus. In Kuweit zahlt man für einen Big Mac 7,33 Dollar.

Die fragwürdige Qualität des Essens und die Unternehmens-Politik von Schnellrestaurants wurde jüngst wieder oft thematisiert, etwa in der Doku-Satire "Super Size Me" oder in Eric Schlossers Bestseller "Fast Food Nation" und seiner gleichnamigen Verfilmung von Regisseur Richard Linklater.

Der Bildband nennt Daten und Fakten zu den einzelnen Staaten, aufschlussreich ist die Anzahl der McDonald's-Restaurants im Ländervergleich. Mit 13.491 Filialen führen - wenig überraschend - die Vereinigten Staaten die Liste an, das ist ein McDonald's auf ungefähr 22.000 Einwohner. In Japan sind es immerhin 3891 (einer pro 33.000 Einwohner), in Deutschland: 1211 (einer pro 68.000 Einwohner), in Ecuador gibt es zehn Niederlassungen des größten Fast-Food-Konzerns (einer pro 1.320.000 Einwohner).

In Ecuador haben Menzel und D'Aluisio einen weiteren Effekt der Globalisierung beobachtet: Hier bezeichnet man alle abgepackten Nahrungsmittel als "Schweizer" Produkte, der im Alpenstaat ansässige Global Player "Nestlé" hat offenbar die Hoheit über die Regale erobert. Familie Ayme aus Tingo aber lebt hauptsächlich von selbst erwirtschafteten Agrarprodukten. Ihre Felder liegen hoch oben in den Bergen. "Unser Land ist trocken, und der Wind ist rau," sagt Familienvater Orlando, "deshalb taugt es wenig als Acker. Der Boden weiter unten ist viel fruchtbarer, aber zu teuer." Auf dem Speiseplan stehen vor allem Kartoffeln, die Okra-Knolle, Mais, Weizen, Bohnen und Zwiebeln. Schafe halten sie nur zum Verkauf, nicht zum Eigenverzehr. Seine Familie sei "pobre pero sana," sagt Orlando, "arm aber gesund".

Die globale Ernährungssituation habe sich in der unmittelbaren Vergangenheit verbessert, berichtet aktuell die Uno-Unterorganisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations). Allerdings werde der weltweite Ackerbau in den kommenden Jahren einer großen Prüfung unterzogen, weil es immer weniger Wasser-Ressourcen und deshalb einen stärkeren Wettstreit darum geben werde, so die Welternährungsorganisation.

In einer früheren Studie hatten die Reporter auf ähnliche Weise wie in "Hungry Planet" - so der englische Titel des Bandes - 30 Familien und ihren materiellen Besitz vorgestellt. Der Band heißt "Material World: A Global Family Portrait", der Titel wurde von dem Madonna-Song "Material Girl" inspiriert: "Wir leben in einer idiotisch kapitalistischen und maßlosen Gesellschaft", sagte Menzel in einem Interview, "in der das Sex-Leben eines Pop-Stars wichtiger ist, als drohender Hungertod, Landminen und Kindersoldaten in Afrika oder interessanter als die größten von Menschen verursachten Naturkatastrophen, wie die auf den Ölfeldern im Mittleren Osten."



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