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Alltag mit einem Sexspielzeug: Schmusen mit Silikon

Ein Interview von

Leben mit einer Gummipuppe: Dirk und die Frauen Fotos
Sandra Hoyn

Wenn der Partner aus Plastik ist: Die Fotografin Sandra Hoyn hinterfragt Beziehungsvorstellungen. So traf sie Dirk, der mit der Puppe Jenny zusammenlebt. Mit ihrer Arbeit hat sie es beim "Sony World Photography Award" auf die Shortlist geschafft.

Zur Person
  • Sandra Hoyn
    Sandra Hoyn, Jahrgang 1976, studierte Fotografie in Hamburg. Heute fotografiert sie weltweit für Magazine und NGOs; derzeit beschäftigt sie sich zum Beispiel mit Bordellen in Bangladesch. Mit ihrer Serie über eine Silikonpuppe hat sie es auf die Shortlist des "Sony World Photography Award" geschafft.
SPIEGEL ONLINE: Frau Hoyn, für die Fotoserie "Jenny's Soul" haben Sie eine Woche lang einen Mann begleitet, der mit einer Sexpuppe zusammenlebt. Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Hoyn: Ich hatte vor einigen Jahren eine Fernsehreportage über Männer mit Silikonpuppen gesehen. Da wurden die Männer als abartig, sexuell pervers dargestellt. Das Thema interessierte mich, ich mag Extreme und Abseitiges. Aber die Herangehensweise des Beitrags schien mir falsch.

SPIEGELN ONLINE: Warum?

Hoyn: Weil der Blick so verurteilend war. Ich verstehe den Reiz eines Lebens mit einer Silikonfrau vielleicht nicht. Aber ich kann ihn akzeptieren. Und die Puppen fungieren auch nicht nur als Sexspielzeuge, wenngleich viele das denken. Ich habe über Internetforen viele Männer kennengelernt, die Partnerschaften zu ihrer Puppe entwickelt haben. Wenn man das so sagen kann.

SPIEGEL ONLINE: Kann man es nicht?

Hoyn: Es steht mir nicht zu, zu beurteilen, was genau eine Partnerschaft ausmacht. Bei Dirk, dem Mann, den ich schließlich porträtieren konnte, weiß ich, dass Jenny für ihn bestimmte Bedürfnisse erfüllt.

SPIEGEL ONLINE: Welche zum Beispiel?

Hoyn: Nach Ruhe, nach Sicherheit. Die beiden sind seit vier Jahren zusammen, damals hatte Dirk ein Burn-out. Ich glaube, dass Jenny für ihn auch eine therapeutische Funktion hat. Er geht darin auf, sie zu versorgen: Er kann ihr Dinge erklären, weil sie die Welt außerhalb seiner Wohnung nicht kennt. Er wäscht und pudert ihre Silikonhaut, bestellt im Internet Klamotten für sie. Dirk schätzt, dass sie nicht auf Markenklamotten steht. Und, dass sie so unkompliziert ist. Dass er nicht mit ihr streiten muss, wie vorher mit seinen Partnerinnen.

SPIEGEL ONLINE: Er projiziert in Jenny die Eigenschaften, die er sich wünscht - setzt sich aber nicht mit den Konflikten auseinander, die mit einer realen Frau entstehen würden.

Hoyn: Aber er schadet niemandem. Und wenn es ihm im Moment hilft - warum nicht? Es gibt viele Klischees über Männer mit Silikonpuppen. Aber ich habe Dirk in keinem Moment etwa als Frauenhasser erlebt, wir haben noch heute Kontakt. Er hat auch Freunde, ist kein sozialer Außenseiter.

SPIEGEL ONLINE: Es liegt in ihren Bildern auch etwas Einsames. Weil das Gegenüber nicht lebendig ist.

Hoyn: Die Puppe mag vielleicht einen starren Blick haben. Aber Kinder reden doch zum Beispiel auch mit Stofftieren. Und bestimmte Grenzen sind Dirk auch bewusst: Er kann nicht mit Jenny ins Kino gehen, nicht in die Disco. Und er ist auch der Einzige, der sie hören kann. Dirk, so sagt er selbst, hat eine Seele in Jenny entdeckt. Er schiebt sie mit seinem Rollstuhl durch die Wohnung, weil sie so schwer ist. Und kichert dabei, antwortet ihr. Das war selbst für mich schon sehr ungewöhnlich. Dabei hatte ich das Gefühl, dass ich mich eigentlich ziemlich schnell an das Leben mit Jenny gewöhnt hatte.

SPIEGEL ONLINE: Woran haben Sie diese Gewöhnung gemerkt?

Hoyn: Jenny macht häufig Mittagsschlaf. Und ich bin dann auch auf Zehenspitzen durch die Wohnung getappt und habe nur noch geflüstert. Und schon beim ersten Treffen hatte ich zum Beispiel Angst, dass Jenny mich nicht mag - und das Dirk auch sagt. Aber sie mochte mich.

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