Fotoband "Abseits" über heruntergekommene Dörfer Idylle hilft auch nicht immer

Bröckelnde Dachfirste, Grasbüschel zwischen Gehwegplatten und Bauschutt. Sieht so ein "strukturloser Raum" aus? Claudio Hils hat für seinen Bildband "Abseits" Dörfer und Felder in Oberschwaben fotografiert, die so gar keinem ländlichen Ideal entsprechen.

Claudio Hils/ LEADER Aktionsgruppe Oberschwaben/ Klöpfer und Meyer

Von Johan Dehoust


Es ist ein zu schönes Bild: Drei Kühe grasen auf einer sattgrünen Wiese, schräg über den Tieren blüht ein Obstbaum, hier und da sprießen Löwenzahnbüschel, die Weide ist nur durch einen kurvigen, schilfumwachsenen Flusslauf begrenzt. Ach, welch eine Idylle. Süßer hätte sie kein Heimatfilm und auch keine Broschüre für Urlaub auf dem Land darstellen können. Das Problem: Dieses Bild ist nur auf eine Scheunenwand gesprüht. Rundherum sind eine glattpolierte Steinmauer, ein breiter Schotterweg und ein Strommast zu sehen. Der Traum vom Kinderbuch-Landleben, er existiert beim Fotografen Claudio Hils, 49, nur als ein kleines in einem viel größeren Bild.

"Ich will dieses kitschige Heimatbild in Frage stellen, es zertrümmern", sagt der im oberschwäbischen Mengen lebende Fotokünstler. Die Aufnahme von den grasenden Kühen auf einer Scheunenwand und der tristen Landschaft rundherum ist eine von 51 Fotografien, die er in dem Bildband "Abseits" veröffentlicht hat. Seit über drei Jahren hat Hils Orte und Landschaften rund um seinen Wohnort fotografiert und sich mit dem Wandel des dörflichen Lebensraumes auseinandergesetzt. Seine Bilder zeigen, wie wenig vom Mythos einer idealisierten Landschaft übrig geblieben ist. Längst weiden kaum noch Kühe im Grünen, sondern futtern aus riesigen Automaten, in Ställen zu Hunderten zusammengepfercht. Aus kleinen Bauernhöfen sind Großbetriebe geworden, die nicht mehr im Ortskern, sondern draußen auf dem Feld liegen, wegen des Gestanks.

Oberschwaben wirkt wie ein Museumsdorf

Mit den industriellen Strukturen geht einher, dass das Leben in den Dörfern immer mehr verödet. Familiennachkommen ziehen, sobald sie flügge werden, in die nächstgrößere Stadt, und allein die Alten versuchen, ihre Traditionen gegenüber den modernen Anforderungen aufrechtzuerhalten. Von "strukturschwachen Räumen" ist in diesem Zusammenhang gern die Rede. Aber was heißt das genau? Wie sieht so ein Raum aus? Wie fühlt er sich an? Das sind die Fragen, denen Claudio Hils mit "Abseits" nachgeht. Die Region Oberschwaben stehe dabei exemplarisch für viele andere Gebiete, sagt der Fotograf. Und man kann sich tatsächlich vorstellen, dass die Fotos genauso gut in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg hätten entstehen können.

Vieles kommt einem bekannt vor - vorausgesetzt, man ist auf dem Land aufgewachsen. So bildet man sich ein, das Plastik zu riechen, mit dem auf einem Bild die Siloballen eingewickelt sind. Auf einem anderen würde man am liebsten in den vor einer Scheune parkenden Benz steigen und über holprige Feldwege davon fahren. Aber: Die aufkeimenden Heimatgefühle flauen beim Blättern schnell wieder ab. Denn zu steril, zu marode wirkt diese Welt. Auf den Höfen, in den Gärten und auf den Feldern ist keine Bewegung; fast alle Bilder sind menschenleer. Dadurch, dass Hils Häuserfassaden meist frontal aufgenommen hat, wirkt es, als wäre er durch ein Museumsdorf gewandelt. Allerdings scheinen die Museumsangestellten ziemlich faul zu sein, denn überall zeichnet sich der Verfall ab: Dachfirste sind zur Hälfte eingebrochen, Bauschutt türmt sich und aus den Gehwegfugen wachsen Grasbüschel.

Verlust an Originalität und Lebendigkeit

Mit seinen melancholischen Bildern in "Abseits" führt Hils einen Themenkomplex fort, der sich durch sein gesamtes Schaffen zu ziehen scheint: Urbanisierung und Globalisierung. In seinem Fotobuch "Dream Cities" verdeutlichte er vor etwa zehn Jahren, wie sich Städte strukturell und architektonisch aneinander angeglichen haben. Ob Rio, London oder Berlin, überall finden sich die gleichen Häuserfassaden und die gleichen Verkehrsinseln. Diesen Verlust an Originalität, an Lebendigkeit bildet Hils auch in seinen neuen Werken ab. Die stillen Bilder drängen sich einem auf, ja, sie brüllen einen fast an.

Bei all dieser Sehnsucht, die einen als Städter packt, ist es zu empfehlen, beim Blättern im Buch hin und wieder Pausen einzulegen. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, dass nicht alle viel beweinten Veränderungen auch für alle Dorfbewohner schlecht sein müssen. Klar, es sieht schöner aus, wenn drei Kühe unter einem Obstbaum weiden, als wenn sie ihre Köpfe durch Gitterstäbe stecken. Für einen Landwirt aber kann es ein Fortschritt sein, seine Tiere nicht mehr jeden Abend nach Hause treiben und sie anschließend mit der Hand melken zu müssen. Idylle allein hilft auch nicht immer weiter.

Claudio Hils: "Abseits". Klöpfer und Meyer, Tübingen; 148 Seiten mit 51 Abbildungen; 39 Euro.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
BlakesWort 12.06.2012
1.
Ah ja, halbscharfe, langweilige Aufnahmen von Wiesen und Häusern gelten jetzt schon als Fotokunst. Moment, ich such mal meine SD-Karten durch, da finden sich hunderte Schnappschüsse in ähnlicher Tristesse wieder. An welchen Verlag muss ich die jetzt senden?
Dzing 12.06.2012
2. So nicht ganz richtig
Ich wohne in Oberschwaben. Was Claudio Hils fotographiert hat, gibt es alles. Es gibt aber auch noch jede Menge Idylle und Landleben - Streuobstwiesen, grasende Kühe, schmucke Bauernhöfe. Ich könnte darüber mindestens genauso viele Bilder beisteuern, wie Claudio Hils. Die Gegend um Mengen, wo Hils fotographiert hat, ist auch nicht gerade die schönste Ecke von Oberschwaben. Übrigens: Wer Ahnung von der Landwirtschaft hat, wird Kühe nie auf einer Obstbaumwiese halten - auch wenn es schön ins Landlust-Klischee passt. Das tut weder den Bäumen noch den Kühe gut.
ole_elg 12.06.2012
3. Der Vergleich mit...
...Mecklenburg-Vorpommern ist wohl etwas hoch gegriffen. Als gebürtiger Oberschwabe, der immer noch gerne in seine Heimat zurückkommt, sehe ich es ähnlich wie mein "Vorredner": Das Bild, das hier von Oberschwaben gezeichnet wird, stimmt nur zum Teil. Während in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur eine Land- sondern sogar eine Bundesland-Flucht zu beobachten ist, geht in Oberschwaben der Trend eher zum Leben auf dem Dorf. Wie ist es sonst zu erklären, dass meine Heimatgemeinde in den letzten zwanzig Jahren auf mehr als das doppelte angewachsen ist? Jugendliche werden natürlich zunächst flügge, wollen etwas anderes sehen, kehren dann aber auch wieder zu ihren Wurzeln zurück. Entgegen des tristen Bilds, das hier von Oberschwaben gezeichnet wird, ist es für mich, der auch andere Teile Deutschlands gesehen und dort auch gelebt hat, eine der Gegenden mit einer unglaublich hohen Lebensqualität!!
mccash 12.06.2012
4. Bildunterschriften
Also mal ehrlich - bei einigen Bildunterschriften kommen schon ein paar Zweifel auf, ob damit tatsächlich das entsprechende Bild gemeint war. Die verfallenden charmanten Ställe sehen aber eher aus wie ein ehemaliges Wirtshaus, zumindest waren auch in Oberschwaben üblicherweise nicht große Fenster in Ställen. Und der Verfall auf diesem Bild wird eindeutig durch einen Bagger verursacht. Die sich gleichenden kiesbestreuten Vorgärten sind wohl auch eher eine temporäre Aufnahme - mir sind nirgendwo Parkgärten vor einer Baustelle aufgefallen. Wenn ein Haus noch im Rohbau ist, wird man wohl noch keinen Gartenbauer beschäftigen. Die schlecht gepflegte Museumskulisse ist wohl eher ein Teil eines Sägewerks. Keine Frage - die Fotos sind korrekt und real, aber die Bildunterschriften passen einfach nicht dazu. Es gibt auch in Oberschwaben "sterbende Dörfer", die überaltert sind, bei denen die "Jungen" keine Beschäftigungsperspektive haben und so weiter. Aber dass eine im Bau befindliche Strassenkreuzung so verstanden wird, dass die "Jungen das Nest verlassen, sobald sie flügge werden", darf wohl dahingestellt werden. Es ist vielmehr so, dass die Berufspendler einfach mehr werden. Sobald die "Jungen flügge" sind, pendeln sie zur Arbeit in die nächste Stadt, um dann aber abends wieder zuhause bei der Familie zu sein. Viele können sich ein Leben in der Großstadt auch gar nicht vorstellen. Allein die Vorstellung, dass die eigenen Kinder nicht mehr wissen, wie eine Kuh aussieht, wie eine frisch gemähte Graswiese riecht, welche Geräusche es im Wald oder auf den Wiesen gibt, das ist für viele "Landbewohner" Grund genug, sich mit dem Landleben zu arrangieren. Dass auf dem Land eben nicht der Überfluss an Angeboten herrscht, wie er in manchen Städten normal ist, wird sogar zu recht als Bereicherung empfunden.
gryphus 12.06.2012
5.
Dieser Bericht ist doch etwas überzeichnet. Diese Oberflächlichkeit hätte ich von Spiegel online nicht erwartet, vielleicht gibt der Artikel aber auch nur den nicht besseren Inhalt des Buches wieder. Ein Beispiel: Bild 6 zeigt keineswegs einen verfallenen Dachfirst (wie im Text oder in der Bildunterschrift erwähnt). Gut zu erkennen ist der Abrissbagger links im Bild.
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