Fotoband über Berlin Das Chaos am Kotti

Das Kottbusser Tor ist Drogenumschlagplatz, Partymeile und gelebte Integration. Über das Leben in der 24-Stunden-Kneipe am "Kotti" berichtet der neue Fotoband "Rote Rose".

Matthias Steinkraus/ Hatje Cantz

Von


Die Kreuzung Kottbusser Tor in Berlin ist kein heimeliger Ort, für viele mag er abstoßend sein. Der zentrale Verkehrsknotenpunkt Kreuzbergs ist Drogenumschlagplatz, Partymeile, sozialer Brennpunkt, Kriminalitäts-Hotspot. Obdachlose treffen sich schon morgens auf den Freiflächen, Hipster eilen an ihnen vorbei zu ihren Agenturen und Designerläden, Dealer drücken sich in den Ecken herum. Es ist immer laut, die Hochbahn rasselt alle paar Minuten vorbei, es riecht nach Dönerfleisch und Urin.

Und trotzdem: Viele Berliner nennen diesen Ort oft liebevoll ihren "Kotti", denn an dem mehrspurigen Kreisverkehr, der im Norden von dem gewaltigen Hochhausriegel "Neues Kreuzberger Zentrum" umspannt wird, trifft eine so schräge Mischung von Menschen aufeinander, dass der "Kotti" zum Symbol für das Zusammenwachsen verschiedener Schichten und Kulturen wurde.

Rund um das Kreuzberger Zentrum gibt es viele Kneipen, und eine davon gilt als spezielles Urgestein unter den Absturz-Locations: Im Bierlokal "Rote Rose" in der Adalbertstraße arbeitet das Publikum täglich 24 Stunden an der Leberzirrhose. Trashige Gartenzwerge grinsen dort unter Lichterketten schweigend diejenigen an, die tagsüber ihr Hartz-IV-Geld in Schlager-Jukebox oder Spielautomaten versenken. Am Abend gesellt sich Partyvolk hinzu, und in den Morgenstunden nehmen hier viele ihren letzten Absacker.

Yuccapalme und Penis-Tattoo

Sieben Jahre lang hat der Künstler Matthias Steinkraus diese Kneipe und das Kottbusser Tor fotografisch begleitet, nun wurden seine Aufnahmen im Bildband "Rote Rose" im Hatje Cantz Verlag veröffentlicht. Steinkraus nähert sich dem Viertel, dem Milieu und den Menschen mit viel Sympathie, ohne zu romantisieren. Und obwohl sein Ansatz starke sozialdokumentarische Züge hat, vermeidet er den Voyeurismus. "Ich sehe mich mehr in der Rolle des Autors, nicht in der des dokumentarischen Fotografen", sagt Steinkraus über seine Arbeit, "einige Bilder sind eher Parodien auf die sozialdokumentarische Fotografie und deren typische Motive."

Nicht direkt zu sehen sind deshalb die Gewalt, die Drogenkranken, die Armut gebrochener Biografien rund um das Kottbusser Tor. Sondern verlassene, dunkle Ecken der Hochhaussiedlung und Fassaden in der Nacht, das selbst gebastelte Mobile aus Schnapsfläschchen, die ältere Frau am Spielautomat, eine halb verdorrte Yuccapalme, die Struktur des alten Vorhangs, ein mit einer Rose tätowierter Penis. In ihrer Gesamtheit transportieren die Bilder das Gefühl von Einsamkeit und Chancenlosigkeit genauso wie das kurze Glück des Rauschs, in den sich die Gäste der "Rose" flüchten.

Dabei lässt das Werk dem Betrachter Freiraum für Assoziationen. Es gibt viele Leerseiten im Buch, und die Fotos werden ohne Titel oder erklärende Texte gezeigt. "Ich habe mich gegen Text entschieden, denn das würde auch Festlegung und Absicherung bedeuten", sagt Steinkraus, "ich wollte meine Arbeit nicht selbst legitimieren. Sie ist einfach da. Die Leerstellen ermöglichen neue Inhalte."

Doch Bilder aus einem prekären Milieu wie einer 24-Stunden-Kneipe zu zeigen, ist schwierig, wenn man Wertung vermeiden will. Besonders in Porträts von gescheiterten Existenzen und Suchtkranken balanciert jede Aufnahme an der Grenze zur Herablassung, der Fotograf tappt schnell in die Falle "Sozialpornografie". Steinkraus hat dieses Problem unter anderem durch technische Aspekte gelöst.

ANZEIGE
Matthias Steinkraus:
Rote Rose

Hatje Cantz Verlag; 144 Seiten, 28,- Euro

Die Bilder in "Rote Rose" sind deshalb sowohl digital als auch analog fotografiert, manche Motive werden im Buch mehrfach gezeigt und das Analoge dem Digitalen gegenübergestellt. Der einheitliche Look wird bewusst vermieden. "Die digitale Fotografie hat die analoge weitestgehend verdrängt. Auch alteingesessene Milieus verschwinden durch die Gentrifizierung der Innenstädte. Das passiert in vielen Städten, momentan zum Beispiel in Lissabon. In London hat sich dieser Prozess bereits vollzogen." Steinkraus sieht im analog-digitalen Verdrängungsprozess eine Parallele zur gesellschaftlichen Entwicklung, der die Wahrnehmung von sozialen Prozessen beeinflusst. "Natürlich bestimmt auch die Technik, wie wir dokumentieren, unser Sehen. Der analoge Mensch wird unsichtbar."

Video: Kreuzberg gegen Wedding - Türkische Jugendbanden

SPIEGEL TV
Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.