Fotofestival F/Stop Porträt per Selbstschussanlage

Pinkfarbene Kissen, tote Ratten, Selbstporträts am Schießstand: Die Bilder des Leipziger Fotografiefestivals F/Stop machen es dem Betrachter nicht immer leicht, die Ideen dahinter zu entschlüsseln. Doch die Mühe lohnt sich - denn hinter dem Wahnsinn steckt System.

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Ein archaisch anmutendes Gewehr zielt auf den Betrachter. Der Schütze wirkt konzentriert, fast verkrampft, kneift das linke Auge zu. Eine ganze Serie von Bildern zeigt immer wieder dieses Motiv, Mimik und Haltung des Porträtierten gleichen sich derartig, dass es zunächst wie eine Hommage an Warhols Kunst der seriellen Reproduktion wirkt.

Doch die Bilder sind alles andere als identisch: Die Haarfarbe ändert sich graduell von schwarz zu grau, eine Jeansjacke mit US-Südstaaten-Aufnäher wird zunächst durch einen bunten Trainingsanzug, dann durch einen beigefarbenen Blazer ersetzt. Die Polaroid-Aufnahmen zeigen die immergleiche Schießübung eines Mannes namens Gerd von 1982 bis heute.

"Shooting myself" hat die Fotokünstlerin Sylvia Ballhause aus Halle an der Saale ihre Serie genannt, doch eigentlich ist es Gerds Serie: Per Selbstauslöserschaltung entstanden die Bilder immer dann, wenn der Mann mit der hohen Stirn und den kräftigen Händen sein Ziel traf. Die Schüsse der Waffe und die Schüsse der Kamera - Ballhause war so begeistert von der Vielschichtigkeit des Motivs, dass sie sich selbst eine Schussanlage mit Selbstauslöserkamera kaufte, um damit zu experimentieren.

Die Werke junger Fotografen auf dem heute beginnenden internationalen Fotografiefestivals F/Stop in Leipzig haben allesamt mehr Bedeutungsebenen, als sich auf den ersten Blick erschließen. "Für mich muss ein Foto aus mehreren Schichten bestehen, eine inhaltliche Dichte haben", sagt Festivaldirektorin Kristin Dittrich. Ihr geht es um die "intelligente Idee, die ich vorher so noch nicht gesehen oder wahrgenommen habe".

Verdächtige Objekte auf New Yorks Straßen

Die Polaroids des Schützen Gerd sind Teil der Ausstellung "Closer", die sich mit dem Verhältnis von Künstler, Betrachter und Kunstwerk auseinandersetzt. "Die zeitgenössische Fotografie macht es dem Betrachter oft nicht leicht, weil sie sich vom Dokumentarischen löst", sagt Dittrich.

Erst mit dem Wissen über den Hintergrund erschließt sich die volle Bedeutung vieler Werke. So zeigt ein Portfolio mit dem Titel "Suspicious Objects" von Silke Koch objets trouvées auf den Straßen von New York: Ein mit silbernem Klebeband umwickeltes Moped, ein knallig pinkfarbenes Kissen, eine altmodische Filmkamera in einem Umzugskarton. Entstanden sind die Bilder im Jahr 2005, als gerade ein Bombenanschlag die Bürger in Panik versetzt hatte. Erinnerungen an den 11. September 2001 kamen wieder hoch, in U-Bahnen und Fußgängerzonen suchten Beamte nach verdächtigen Objekten, selbst Alltagsgegenstände schienen plötzlich Gefahr auszustrahlen.

"Beim Betrachten soll eine eigene Geschichte entstehen", sagt Dittrich. Auch die Plazierung in den Ausstellungsräumen soll dazu ermuntern, die verschiedenen Ebenen des Sichtbaren auszuloten. Die Portfolios oder Einzelbilder verschiedener Künstler wurden immer in thematisch passenden Zweiergruppen angeordnet.

Reisbauern im Kriegsgewand

Wenn der Besucher sich von den "Suspicious Objects" in die Gegenrichtung umdreht, sieht er Bilder von kleinen Höhlen im Wald, von Treppenstufen im Lehm in der Natur. "In the Woods", die Natur als Alternative, um diesen Gefahrenzonen zu entfliehen. "Die Leute sind dazu aufgefordert, die Beziehungen zu suchen", sagt Dittrich. Sie hofft, dass die Gäste dabei zunächst die Eindrücke wirken lassen, bevor sie die Erklärungen lesen.

Das Leipziger Festival findet zum 2. Mal statt und widmet sich vor allem der Nachwuchsförderung. Doch auch arrivierte deutsche Fotografen wie Katharina Bosse und Erasmus Schröter sowie internationale Künstler aus Europa, Kanada und China zeigen ihre Werke. Verstörend und betörend zugleich wirken die Porträts von Reisbauern aus der südchinesischen Guizou-Provinz, die von den Fotografen Zeng Han und Yang Changhong in Kostüme und Masken traditioneller Krieger gesteckt wurden. Stolz präsentieren sie ihre farbenfrohen neuen Kleider, als wären sie Darsteller einer Peking-Oper. Vor dem trüben Grün und Braun ihrer kargen Felder wirken sie wie Außerirdische.

Diese Eindrücke können Besucher auch auf Rundgängen mit Experten der Fotografie, die genauso unvorbereitet wie die Teilnehmer in die Ausstellung kommen sollen, auf sich wirken lassen. Durch spontane Diskussionen über das Gesehene sollen die Betrachter dann gemeinsam erschließen, was ihnen das Foto bedeutet. Dittrich: "Es geht um die Frage, wie wir uns zeitgenössischer Kunst nähern, wie intuitiv wir uns dabei darauf verlassen, was wir fühlen." Selten wurde die Annäherung an hohe Fotokunst so leicht gemacht wie in Leipzig.


F/Stop, 2. Internationales Fotografiefestival Leipzig, 16. - 20. Juli 2008.



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