Fotofestival: Zwischen Alltag und Wahnsinn: die Menschheit

Von Ingeborg Wiensowski

Nichts weniger als ein Bild der Menschheit im Jahr 2011 wollen die Kuratorinnen des "4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg" mit den Ausstellungen zeichnen. Das Bild ist zwar nicht vollständig, aber der Besuch lohnt trotzdem unbedingt.

Wie porträtiert man die Menschheit? Der US-amerikanische Fotograf Edward Steichen sichtete von 1951 an zwei Millionen Fotos und wählte aus ihnen rund 500 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern aus. Sein Bild der Menschheit zeigte er dann 1955 in der berühmten Ausstellung "Family of Men" im New Yorker MoMA.

Dieses Konzept wollten die beiden Kuratorinnen Katerina Gregos und Solvej Helweg Ovesen in den Ausstellungen des "4. Fotofestival Mannheim_ Ludwigshafen_Heidelberg" übernehmen. Allerdings kamen sie schnell zu dem Schluss, dass es "natürlich unmöglich ist, ein Porträt der Menschheit in seiner Gänze darzustellen", sagt Ovesen. Und zwar schon deshalb, weil die beiden nicht vier Jahre Zeit hatten, um das größte deutsche Fotofestival zu organisieren. Es trägt nun den Titel "The Eye Is a Lonely Hunter: Images of Humankind" und zeigt in sieben Ausstellungshäusern rund 60 internationale Positionen zeitgenössischer Fotografie und Videokunst. Ausgangspunkt für die Foto-Auswahl ist eine humanistische Sichtweise in der Tradition der Dokumentarfotografie, und die Schauen sind thematisch angelegt.

Vom Umfang ihrer Ausstellungen können sie es allerdings mit Steichen aufnehmen: Gezeigt werden rund 700 Fotografien von 56 Künstlern aus 32 Ländern, zusammengefasst unter dem Titel "The Eye Is a Lonely Hunter. Images of Humankind", frei nach Carson McCullers' Debütroman von 1939 "The Heart Is a Lonely Hunter" über Menschen am Rand der Gesellschaft. Das Auge des Fotografen, das wie ein "einsamer Jäger" nach Bildern sucht, soll beim Fotofestival einen "demokratischem Blick" haben und auf der Suche nach "dem anderen Bild" sein, so Ovesen, die "nicht jeden Tag durch die Medien gehen", die Einfluss nehmen, den Betrachter beteiligen, sozialpolitische Zusammenhänge erkennen lassen und anthropologisches Wissen vermitteln.

Schmelzwasser zwischen den Eisbergen wie ein Flussdelta

Fünf verschiedene Themen- und zwei monografische Schauen sollen das zeigen: "Rolle und Ritual" heißt es zum Beispiel in der Kunsthalle Mannheim. Wunderbar hat der Südafrikaner Pieter Hugo, 35, das in einem Foto zusammengefasst: Vor fahrenden Autos und einer leeren Werbetafel steht eine schwarze Person in langem Mantel mit weißer Gesichtsmaske auf der Straße, in der linken Hand ein Beil, und obwohl man das Gesicht durch die Maske nicht sehen kann, scheinen die Augen direkt den Betrachter anzusehen. "Nollywood" heißt Hugos Serie, in der er die Dargestellten zwischen Rolle und echter Person fotografiert.

"Affekt und Wirkung von Politik" zeigt die Wirkung von politischen Entscheidungen oder Machtmissbrauch auf den Menschen und auf seine Umgebung. Fotografie soll hier Informationen vermitteln und Emotionen wecken, auch wenn die gezeigten Ereignisse weit weg sind von der Lebenswirklichkeit der Besucher im Zephyr der Reiss-Engelhorn-Museen. Näher dran ist der Schweizer Fotograf Beat Streuli. Er hat eine Woche lang auf dem Alten Messplatz in Mannheim anonyme Passanten in ihren beiläufigen Handlungen und Gesten fotografiert und präsentiert die Bilder jetzt am selben Platz auf großen Plakatwänden.

Um ökologische Kreisläufe geht es im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum. Auf Olaf Otto Beckers Bild "River" erinnert das Schmelzwasser zwischen den Eisbergen an eine Flusslandschaft, das Bild verweist damit sehr plakativ auf die katastrophalen Folgen des Klimawandels. "Das alltägliche Leben" (Kunstverein Ludwigshafen) zeigt die Menschen sich Kultur zu eigen machen, statt sich von ihr leiten zu lassen. Dafür steht das Foto von Peter Funch "Memory Lane", auf dem sich eine Gruppe von Touristen mit Fotoapparaten verbiegt, um das gleiche Motiv im gleichen Bild für ihr Fotoalbum festzuhalten.

Auch in "Lebenskreisläufe" (Heidelberger Kunstverein) geht es um den Menschen, der sein Leben fotografisch festhalten will. Vom Familienalbum des Amateurs über Stillleben und Porträts sind auch inszenierte Fotos zu sehen wie von dem jungen US-Amerikaner Ryan McGinley, der Jugendliche in Extremsituationen zeigt.

Eine der beiden monografischen Ausstellungen zeigt die Arbeit von Tobias Zielonys, der seit zehn Jahren in Deutschland, Polen, Kanada, den USA, Frankreich und Italien Jugendliche fotografiert, die sich an Tankstellen, Parkplätzen und Siedlungen herumtreiben - ein globales Phänomen (Halle 02/Kunsthalle).

Die andere Einzelausstellung (Sammlung Prinzhorn) gilt Bildern des Amerikaners Roger Ballen, der in Südafrika lebt und in verstörenden Fotos das Leben der armen, weißen Bevölkerung in entlegenen Dörfern und psychisch gestörte Menschen in ihren Behausungen fotografiert hat. Für seine Serie "Shadow Chamber" hat er zusammen mit den Fotografierten die Bilder inszeniert, so dass die Dokumentation gleichzeitig dramatische Fiktion ist.

So viele unterschiedliche und interessante Sichten auf die Welt bekommt man selten gleichzeitig zu sehen. Wer kann, sollte sich das Fotofestival nicht entgehen lassen und am besten auch Veranstaltungen des Rahmenprogramms besuchen. Und wer die Ausstellungen nicht vor Ort sehen kann, sollte sich den Katalog besorgen.


Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg. Bis 6.11., in verschiedenen Institutionen.

Katalog:
4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg: The Eye is a Lonely Hunter. Kehrer Verlag, Heidelberg; 240 Seiten, 267 Farbabb.; 20 Euro.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren

Facebook