Fotograf Ara Güler Istanbul, meine Liebe

Ara Güler ist der berühmteste Fotograf der Türkei. Seine Bilder zeigen ein Istanbul, das es nicht mehr gibt. Inzwischen kann er die Stadt immer weniger leiden, aber ein paar Ecken liebt er doch. Unterwegs mit einer Legende.

Ara Güler

Von , Istanbul


Im Traum reist Ara Güler in die Vergangenheit. Nicht in das von ihm geliebte Istanbul der Fünfzigerjahre, in denen er als junger Kerl um die Häuser zog und Straßenszenen, Arbeiter und immer wieder den Bosporus fotografierte, Bilder, die ihn weltweit berühmt machen sollten. Sondern noch weiter zurück. "Ich träume, dass ich 1453 in Konstantinopel bin, als einziger Mensch mit einer Kamera. Die Osmanen erobern die Stadt, und ich sorge dafür, dass die Welt ein Bild von diesem wichtigen Ereignis hat. Fotos sind wichtig für die kollektive Erinnerung."

Ara Güler, der Fotoreporter. Er mag nicht Fotograf genannt werden, schon gar nicht Künstler. "Ich bin Journalist, ein Reporter." Im August ist er 86 Jahre alt geworden. Nach einer schweren Nierenerkrankung ist er wieder halbwegs auf den Beinen. Er lag auf der Intensivstation, und weil viele ihn schon tot glaubten, ließ er ein iPhone-Foto von sich machen und schickte es per Twitter in die Welt.

Mehr als 60 Jahre lang hat Ara Güler fotografiert, Konrad Adenauer, Indira Gandhi, Alfred Hitchcock, lange Zeit für die berühmte Agentur Magnum. Pablo Picasso hat ihm aus Dank ein Bild gemalt, es hängt jetzt in einer Ecke von Gülers Büro, zwischen Fotos, Postkarten und Notizzetteln. Sein Lebenswerk - Negative und Dias - liegt in Kisten verpackt in den Etagen über dem Café Ara in Istanbul.

"Wie viel wollen die Leute denn einkaufen?"

Aber am liebsten und am häufigsten hat er seine geliebte Geburtsstadt fotografiert, vor allem in den Fünfzigerjahren. Bis heute macht er Bilder von Istanbul, allerdings immer seltener und neuerdings digital. Die Stadt hat in den vergangenen Jahren einen Boom erlebt, den Güler "eine Entwicklung zum Hässlichen" nennt: "Überall Straßen und Einkaufshallen. Die Menschen haben nur noch Konsum, Konsum, Konsum im Sinn. Es gibt furchtbare Malls, die so groß sind, dass man den ganzen Tag darin verbringen kann. Wie viel wollen die Leute denn einkaufen?"

Sein Istanbul ist das Istanbul der einfachen Leute. Das der Arbeiter, die auf dem Bürgersteig hocken und sich angeregt unterhalten. Der Fischhändler, die ihre frische Ware zum Markt schleppen. Der Männer, die im Teehaus Karten spielen. Im Hintergrund sind oft die berühmten Moscheen von Istanbul zu sehen. "Die sind wunderschön", sagt Güler. "Und das sage ich, obwohl ich mir aus Religion nichts mache."

Er fotografierte besonders gerne dort, wo es soziale Spannungen gab, bei Minderheiten, in den Bordellen, in den Armenvierteln. Es sind Fotografien, die unser Bild von Istanbul prägen, immer noch, auch weil sie das gleiche Istanbul zeigen, das Nobelpreisträger Orhan Pamuk in seinen Büchern beschreibt. Das alte Istanbul in seiner schönen Unvollkommenheit. Einige dieser Fotos zeigt ab diesem Mittwoch und bis Mitte Januar der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus in Berlin. "Das Auge Istanbuls - Retrospektive von 1950 bis 2005" heißt die Ausstellung.

Ara Güler ist ein Held in der Türkei

Wo ist Istanbul heute noch schön? Güler muss nicht lange überlegen. "Überall am Wasser", sagt er. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen meine Lieblingsstelle." Er klettert mithilfe seines Assistenten auf den Beifahrersitz seines Geländewagens, es ist ein kleines Modell, aber immerhin sitzt Güler hoch, das ist ihm wichtig. Der Assistent fährt ihn zum Fischereihafen im Stadtteil Sariyer. "Ich liebe diesen Ort", sagt er. Die Fischer begrüßen ihn, ein Fischhändler reicht ihm die Hand, plötzlich ist Güler umringt von Schülerinnen, die sich mit ihm fotografieren lassen wollen. Er ist ein Held in der Türkei.

Er fährt nun durch die Hügel, die den Bosporus säumen. "In diesen Gassen habe ich schon als Kind gepisst", sagt er und lacht. Er liebt es, Kraftausdrücke zu verwenden, auf Türkisch, von der derbsten Sorte. Manchmal guckt sein Assistent beschämt weg. In Gülers Augen sieht man dann, dass er innerlich lacht.

Er macht, was er will. Das, betont er, sei schon immer so gewesen. "Mein Vater war Apotheker und wollte, dass ich Arzt werde." Aber Güler zog es zu den Theaterleuten, denen sein Vater Schminke verkaufte, zu den Schrägen und Schrillen. Irgendwann bekam er eine Kamera, seither macht er Bilder. Er brachte sich das Fotografieren selbst bei - und schaffte es bis an die Weltspitze.

Recep Tayyip Erdogan verehrt ihn, umgekehrt hat Güler keine allzu gute Meinung über den Staatspräsidenten. "Als ich mal einen Preis verliehen bekommen habe, hat Erdogan mich fotografiert. Er ist sogar vor mir auf die Knie gegangen." Über Erdogans Umgang mit Kritikern, mit Journalisten und mit den Gezi-Demonstranten ist er enttäuscht.

Güler, der armenische Türke, hält lieber Distanz zu den Mächtigen. Einzig zu Premierminister Mustafa Bülent Ecevit, einem Schriftsteller und Dichter, pflegte er eine Freundschaft. "Ein guter Mann", sagt Güler.

Als er ein Café am Ufer des Bosporus betritt, ist er entsetzt über einen Sonnenschutz, der den Blick aufs Wasser versperrt. "Was soll das? Du sperrst die Schönheit aus!", schimpft Güler mit dem Besitzer. "Hier bleibe ich nicht!" Er sucht sich ein anderes Café.

Die Stadt ist ihm zu groß geworden. Sein Istanbul hatte gerade mal eine Million Einwohner. "Ich erinnere mich noch daran, wie diese Marke überschritten wurde." Jetzt sind es 13, 14, vielleicht sogar 18 Millionen Menschen. "Wenn es zu viele Leute und zu wenig Platz gibt, verlieren sie den Respekt voreinander", sagt Güler. "Man merkt es täglich im Straßenverkehr."

Trotzdem würde er niemals woanders leben wollen. An Istanbul liebt er die Vielfalt, die Multiethnizität, das Bunte. "Hier findet jeder seinen Platz", sagt er. "Wirklich jeder." Dass das so ist, hält Ercan Arslan fotografisch fest. Arslan ist ein Schüler Gülers, und seit einigen Jahren lichtet er dieselben Orte ab, die Güler festgehalten hat. Arslan findet das Istanbul von heute gar nicht so hässlich. Irgendwann soll es eine große Ausstellung geben, die den Wandel dokumentiert. Dann sollen die Betrachter selbst entscheiden.

Ara Güler im Willy-Brandt-Haus, Berlin
  • Ara Güler
    Das Auge Istanbuls - Retrospektive von 1952 bis 2013

    Eröffnung am 15. Oktober, Ausstellung vom 16. Oktober 2014 bis 15. Januar 2015

    Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr

    Eintritt: frei (Ausweis erforderlich)



insgesamt 8 Beiträge
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thomasalexy 15.10.2014
1. Bild 15 – Altes Bild?
Es würde mich wundern, wenn das 15. Bild in der Diashow besonders alt wäre, keinesfalls aus den 50er Jahren. Auf dem Schirm ist das aktuelle Langnese Logo zu sehen. Das gibt es erst seit 1998.
Lanek 15.10.2014
2.
Na, das Massaker von 1453 würde ich aber nicht gern fotografieren... ;)
Holledauer 15.10.2014
3. Istanbul ist auch nach meiner Ansicht eine der schönsten Städte auf unserer Erde!
Ich bin seit etwa 1990 mehr oder weniger regelmäßig in Istanbul gewesen. Nicht als Tourist, sondern dienstlich/geschäftlich, und konnte etwas die Entwicklung der Stadt in den vergangenen 20 Jahren verfolgen. Bei meinem ersten Besuch hatte ich das Glück, dass beinahe alle vereinbarten Termine platzten. Die damalige Türkei war nicht die heutige. Heute passt alles minutengenau! Ich nutzte die Zeit, um in der Altstadt, den Basaren und am Ufer des Bosporus ausgiebig die Stadt zu "begehen". Es war einfach faszinierend. Auch heute ist die Stadt noch sehr sehenswert, allerdings im wesentlichen nur die alten Stadtviertel. Die Altstadt im weiteren Sinn ist umgeben zuerst von modernen Hotels und Firmenzentralen, zumeist in Hochhäusern. Nach diesem Ring kommt ein weiterer Ring von Wohnsilos, welche derzeit wegen der großen Arbeitslosigkeit der Bewohner auch die sozialen Brennpunkte der Stadt sind. Wenn man vom Flughafen in die Stadt fährt, sieht man zuerst diese Ringe und ist dann überrascht und erstaunt, wenn man in der Altstad landet! Und noch etwas hat sich in den 20 Jahren geändert: Der Fahrstil der Autofahrer. In den 1990er Jahren war wohl die erste Bürgerpflicht als Autofahrer, die Hupe zu betätigen und sich an Kreuzungen falsch einzuordnen. Heute Ist Dank der rigorosen Polizeipräsenz die Stadt auch von Mitteleuropäern befahrbar geworden.
carnall 15.10.2014
4. Finde ich ganz nett aber...
wieso wird in letzter Zeit (knap einem Jahr) soviel über die Türkei geschrieben. Interessiert "die Deutschen" doch eh nicht die Bohne. Man liest eh nur negatives. Positive Meldungen passen nicht zum europ. Weltbild. Dann ab und zu ein paar leckerli damit die Türken nicht beleidigt sind. Hochachtungsvoll.
marcusaemiliuslepidus 15.10.2014
5. Welche Massaker?
Von welchem Massaker sprechen sie? Die Türkischen Eroberer sind nicht durch besondere Grausamkeiten abseits des üblichen aufgefallen. Sicher gab es Vergewaltigungen und Totschlag, aber nicht mehr als bei Eroberungen üblich. Im nachhinein hat man unter den wenigen zu dem Zeitpunkt vorhandenen Adligen aufgeräumt, aber langfristig war das Osmanische Reich eines der tolerantesten die es je gab.
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