Fotograf Bogaard "Die Kamera ist meine Waffe"

Ein Solinger träumt vom Sony World Photo Award: Der Deutsche Michael van den Bogaard ist als Fotograf des Jahres nominiert - für seine Serie aus den Armen-Vierteln von Shanghai. SPIEGEL ONLINE über seine Kamera-Pirsch im Schatten der Hochhäuser.

Von Christina Hollstein


Die Nacht bricht herein, kalt fällt Neonlicht durch die Fenster auf eine verlassene Straße. An ihren Rändern türmt sich Schutt, Strommasten säumen die Häuserreihen. Ein chaotisch wirkendes Konstrukt aus Kabeln spannt sich spinnennetzartig über die Dächer, statt unsichtbar unter der Erde zu verschwinden. Die Komfortstandards der Moderne gibt es in der Altstadt der Millionenmetropole Shanghai nur auf minimalem Niveau. Jener Moderne, deren Hochhaus-Silhouette sich leuchtend im Hintergrund abzeichnet.

In seinen Fotografien erhebt Michael van den Bogaard die Endzeitstimmung der alten Viertel vor Shanghai zur Kunst, die viel über das soziale Gefüge im wirtschaftlichen Aufbruchsland China erzählt. Für die eindrucksvolle Serie könnte dem Profi-Fotografen am 16. April der prestigeträchtige Sony World Photography Award verliehen werden. Der aus Solingen stammende 34-Jährige ist einer von elf Finalisten in den Profikategorien und hofft auf die Trophäe "L'Iris D'or" sowie das Preisgeld in Höhe von 25.000 Dollar.

Der unvoreingenommene Blick auf eine fremde Welt sollte das Thema der Bilderserie werden, die van den Bogaard einreichen wollte. Deshalb reiste der Deutsche im vergangenen Jahr in eine Stadt, deren Sprache er nicht spricht und deren Kultur er nicht kannte: Shanghai. Wonach genau er dort suchte, wusste er bei Reiseantritt noch nicht.

In Chinas glitzernder Handelsmetropole angekommen, war Bogaard zunächst enttäuscht: Wohin er blickte, herrschte profaner Konsumterror - den kannte er bereits von zu Hause zu Genüge. Ausgerechnet eine Errungenschaft dieser konsumorientierten Gesellschaft führt ihn dann doch noch ans Ziel: Google Earth. Vom Hotel aus erkundete der Fotograf mit Hilfe der Satellitenbilder die Vorstädte - und entdeckt eine ihm bis dahin verschlossene Welt.

In der Dämmerung brach er auf, um die Viertel zu erkunden. Geschickt nutzt er auf seiner Bilderjagd das schwindende Tageslicht und die Stille der Straßen. In der Fremde scheinen sich die Bilder fast von selbst zu komponieren. Die Serie dokumentiert einen unaufhörlichen Wandlungsprozess: Spuren derer, die ankommen und fortziehen, die errichten und einreißen in einer stetigen Bewegung Richtung City, in die Glück und Erfolg verheißenden Schluchten Shanghais.

Van den Bogaard findet die elenden Lebensbedingungen der Bewohner nicht nur tragisch. "Das Licht das aus den Fenstern der Hütten nach außen dringt, symbolisiert auch Wärme," stellt er romantisierend fest, "diese Baracken bedeuten Heimat für ihre Bewohner, denn ihre Identität wird durch die Umgebung beeinflusst". Kritik an den frühkapitalistischen Zuständen in China schwingt dennoch mit: In seinen Bildern verweist Bogaard auf soziale Ungerechtigkeiten und dokumentiert die faszinierende Anpassungsfähigkeit des Menschen, die in den armen Vierteln von Shanghai täglich auf die Probe gestellt wird.

"Die Kamera ist meine Waffe, ich verstecke mich hinter ihr", sagt Bogaard, der Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Bildjournalismus studiert hat. "Sie dient mir als Rechtfertigung für Einblicke in mir sonst verschlossene gesellschaftliche Bereiche." Seine Bilder haben einen starken Reportagecharakter. Sozial- und gesellschaftskritische Themen prägten bereits seine früheren Arbeiten, zu denen auch auch eine Serie gehört, die in einem Jugendgefängnis entstand. Beim Sony World Photography Award bewarb er sich jedoch in der Kategorie Architektur. Und erreichte - obwohl er das erste Mal zu diesem Thema arbeitete - auf Anhieb den ersten Platz.

Konkurrenz durch Amateurfotografen fürchtet der 1974 in Solingen Geborene nicht. "Die Grenzen des Wettbewerbs zwischen Profi- und Amateurkategorie sollten aufgehoben werden", kommentiert der Fotograf die Erweiterung des im vergangenen Jahr erstmals ausgeschriebenen Wettbewerbs um einen Preis für Amateure. "Diese Einteilung basiert ausschließlich auf der Unterscheidung, ob jemand mit seinen Fotos seinen Lebensunterhalt bestreitet oder nicht. Das ist doch Schwachsinn."

Schon im letzten Jahr fand der Sony World Photography Award im Zeichen der Förderung von Fotografen statt. Denn moderne Digitalkameras ermöglichen einer immer breiter werdenden Masse den Zugang zu qualitativ hochwertiger Fotografie - und bedrohen so den Beruf des Fotografen. Bogaard sieht darin jedoch keine Gefahr: "Ich unterstütze die Demokratisierung der Fotografie". Die Stärke der Berufsfotografen glaubt er in deren handwerklicher Ausbildung zu erkennen. "Profibilder werden", laut Bogaard, "immer besser bleiben als die der Amateure."

Diese Meinung teilt Lorenz Holder, Erstplazierter der Amateurkategorie Sport, nicht. "Viele Amateure sind deutlich besser als die Profis, oft erkennen Hobby-Fotografen ihr Talent nur nicht", sagt der ehemalige Snowboard-Sportler Holder. Nach einer Schulterverletzung beschränkte der 29-Jährige Münchner seine Schnee-Faszination auf die Fotodokumentation der Stunts seiner Freunde, reichte die Bilder beim Wettbewerb ein.

Kurz darauf hatte der Lehramtsstudent dies allerdings selbst vergessen. Offenbar ist auch er sich seiner Fähigkeiten gar nicht bewusst gewesen. Umso überraschender kam dann die Siegerbenachrichtigung und die Einladung nach Cannes. Dass auch er nach Abschluss seines Studiums im nächsten Jahr sein Hobby zum Beruf zu machen wird, schließt er nun nicht mehr aus. Um dann dem Profi Bogaard doch noch ganz demokratisch Konkurrenz zu machen.


Mehr Bilder von Michael van den Bogaard auf seen.by



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