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Stadt-Fotograf Haardt: Tristesse royale

Motels, Parkplätze, Highway-Auffahrten: Ein Universum aus Unorten Fotos
Elmar Haardt

Motels im Nirgendwo, Parkplatz-Wüsten und andere Unorte - Amerika ist auf den Fotos von Elmar Haardt das weite, triste Land aus dem Klischee-Bilderbuch. München oder Italien sieht bei ihm allerdings genauso aus. Im Interview erklärt der Deutsche, warum er weltweit Ödnis sucht. Und findet.

SPIEGEL ONLINE: Rund fünf Milliarden Menschen leben weltweit in Städten - doch Ihre Stadtansichten sind menschenleer. Warum?

Haardt: Ich will Straßen zeigen, die man jeden Tag lang geht, aber gar nicht mehr wahrnimmt - wie die auf meinen Fotografien vom Münchner Stadtteil Giesing. Sie wirken auswechselbar und könnten genauso gut in Düsseldorf oder anderswo sein. Menschen im Bild würden nur von diesem Fokus ablenken.

SPIEGEL ONLINE: Wie bekommen Sie all die Leute aus Ihren Bildern?

Haardt: Das ist gar nicht so schwierig. Bei dem Wetter, bei dem ich fotografiere, gehen die Leute ohnehin nicht gerne raus. Und ab einer bestimmten Uhrzeit sind ja sehr viele bei der Arbeit. Manchmal muss ich natürlich ein bisschen warten, bis sich eine gute Szenerie ergibt.

SPIEGEL ONLINE: Also kein Photoshop?

Haardt: Nein! Alles analog: die Aufnahme mit einer 4x5-Fachkamera, die Prints, die Ausbelichtung. Das ist ja das Spannende: Diese Straßen sind wirklich so leer.

SPIEGEL ONLINE: Und eintönig und eng. Man freut sich fast über die Gentrifizierung, die Giesing gerade heimsucht.

Haardt: Naja. Gentrifizierung hat ja positive und negative Folgen - je nach Blickwinkel. Ich habe mich in meiner Magisterarbeit ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Mal abgesehen von Begleiterscheinungen wie steigenden Mieten kann es auch von Vorteil sein, wenn ein Stadtteil stärker sozial durchmischt wird, wenn etwa Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien mit Akademikerkindern zusammen in die Schule gehen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich bin in Essen in einem sogenannten sozialen Brennpunkt aufgewachsen.

SPIEGEL ONLINE: Schafft die Architektur eines Stadtteils die sozialen Verhältnisse? Oder umgekehrt?

Haardt: In Deutschland hat der Krieg solche architektonischen Umgebungen geschaffen. All die gesichtslosen Zweckbauten in unseren Städten sind in den ersten Jahrzehnten nach 1945 entstanden.

SPIEGEL ONLINE: In den USA kann man Bausünden aber nicht auf Kriegsschäden zurückführen.

Haardt: Nein, das ist sozusagen eine freiwillige Ödnis.

SPIEGEL ONLINE: Warum reisen Sie zum Fotografieren eigentlich noch, wenn es überall gleich öde und auswechselbar ist?

Haardt: Genau das ist das Fesselnde daran! Meine ersten Projekte haben mich ins märkische Oderland an der deutsch-polnischen Grenze und ins Ruhrgebiet geführt. Von diesen Regionen haben wir bestimmte Klischees im Kopf. Ruhrgebiet? Ah, da wohnen die Malocher. Aber dann habe ich in der Schweiz und Italien fotografiert. Von diesen Ländern haben wir völlig andere visuelle Vorstellungen. Und plötzlich stellt sich heraus, dass es dort aussehen kann wie im Ruhrgebiet!

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein bisschen trostlos?

Haardt: So ist es halt. Aber gleichzeitig offenbaren sich so auch ein wenig die Prinzipien, wie wir Wohnen organisiert haben. Wenn Sie jetzt reisen, sehen Sie solche Straßen vielleicht auch mit anderen Augen. Der Gedanke spielte auch für meine Ausstellung im Amerika-Haus in München eine Rolle. Wenn ich in so einer Schau nur Fotos aus den USA zeige, laufe ich Gefahr, das Klischee vom weitläufigen und oberflächlichen Land zu bedienen.

SPIEGEL ONLINE: Dazu passen Ihre Bilder bestens.

Haardt: Ja. Und genau deshalb hängen hier auch meine Arbeiten aus München. Hier sieht es nämlich genauso aus! Das zerstört das Klischee.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Heimat für Sie? Kann man in solchen Baustrukturen so ein Gefühl überhaupt empfinden?

Haardt: Heimat ist vielleicht ein zu emotionales Wort für meine Art von Fotos. Heimatgefühl entwickelt sich nicht vorrangig durch die Architektur, sondern durch die Menschen und ihr Zusammenleben - wozu die Architektur neben anderen Faktoren beitragen kann. Das ist übrigens ein großer Unterschied zwischen dem Ruhrgebiet und München. In München bleibt man ja immer ein - wenn auch freundlich empfangener - "Zugroaster". Im Ruhrgebiet wird man sofort adoptiert, weil einfach alle von woanders her kommen. München ist eine der wenigen Städte, in denen die Leute darauf stolz sind, dageblieben zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben fast alle Ihre Bilder im Winter aufgenommen - Zufall?

Haardt: Nein, Teil des Konzepts. Ich brauche dieses weiche Licht. Der graue Himmel wirkt wie eine Softbox. Jedes Detail wird dadurch gleichwertig, das Bild strahlt im Ganzen und gewinnt an Kraft. Sonne sorgt ja auch für tiefe Schatten, ein Bild würde in einen hellen Vordergrund und einen dunklen Hintergrund geteilt. Ich arbeite auch gerne bei strömenden Regen und wenn es richtig schneit.

SPIEGEL ONLINE: Ihren Fotos fehlt alles, was typische Reisebilder ausmacht: ein dramatischer Himmel, Lichtstimmungen, faszinierende Menschen oder Bauwerke. Ein bewusster Gegenentwurf?

Haardt: Ich finde Fotografie dann aufregend, wenn sie nicht fotografisch ist. Ich mag zum Beispiel Passepartouts nicht, dadurch bekommen Fotos etwas Objekthaftes, sie wirken wie Schmetterlinge hinter Glas. Ich möchte, dass man eine Fotografie ähnlich wie ein gemaltes Bild betrachtet. Sie bildet - in den meisten Fällen - die Realität ab, aber sie kann noch viel mehr als nur zu dokumentieren. Als Bild hat sie eine weitere Ebene.

Das Interview führte Thomas Hafen für das Fotoportal seen.by


Ausstellung: Returning Prospects / Wiederkehrende Aussichten.vom 28.01 - 26.04.2013 im Amerika Haus, Karolinenplatz 3, 80333 München.

Falls Sie noch mehr exzellente Fotografie sehen wollen - besuchen Sie doch seen.by.

Dort finden Sie Arbeiten von Profis und Amateuren.

Weitere Bilder von Elamr Haardt finden Sie auf der Webseite des Fotografen:

www.elmaro.com

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
pfzt 20.02.2013
Zitat von sysopElmar HaardtMotels im Nirgendwo, Parkplatz-Wüsten und andere Unorte - Amerika ist auf den Fotos von Elmar Haardt das weite, triste Land aus dem Klischee-Bilderbuch. München oder Italien sieht bei ihm allerdings genauso aus. Im Interview erklärt der Deutsche, warum er weltweit Ödnis sucht. Und findet. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotograf-elmar-haardt-ausstellung-wiederkehrende-aussichten-a-881313.html
Tolle Fotos! Exzellenter Bildaufbau und Lichtstimmung. Und die Fachkamera sorgt für den (heutzutage) etwas anderen Bildlook.
2. herrlich
900 21.02.2013
Zitat von sysopElmar HaardtMotels im Nirgendwo, Parkplatz-Wüsten und andere Unorte - Amerika ist auf den Fotos von Elmar Haardt das weite, triste Land aus dem Klischee-Bilderbuch. München oder Italien sieht bei ihm allerdings genauso aus. Im Interview erklärt der Deutsche, warum er weltweit Ödnis sucht. Und findet. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotograf-elmar-haardt-ausstellung-wiederkehrende-aussichten-a-881313.html
genau so! Etwa wie bei Young-/ Oldtimern: Die "Normalen" (Bsp.: Kombis) sind selten, da das "Besondere" (Bsp.: Coupe) gepflegt wurde und somit überwiegend überlebte. Und plötzlich wird das "Normale" "Besonders".
3. Woher kommt die Ödnis?
MS_FFM 21.02.2013
Kann eine Landschaft öde sein? Eine richtig natürliche, unveränderte Landschaft? Wohl kaum. Und ist eine guterhaltene europäische oder asiatische Stadt öde? Selten. Das Öde kommt vom Auto: Straßen, die so breit sein müssen, dass der Mensch unbedeutend erscheint und die Natur ein Nachsehen hat. Städte, die viel Platz und Geld für Parkplätze übrig haben, und wenig für Bäume -- und wenn für Bäume, dann nur für pflegeleichte Konifere, wie auf Bild 6 zu sehen -- sehen öde aus. (Übrigens, auf Bild 2, das soll ein Peugeot sein? Ältere Peugeots hatten zumeist trapezförmige Scheinwerfer. Das scheint mir eher ein Fiat oder ein Lancia Delta zu sein.
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Zur Person
  • Elmar Haardt, 1974 in Essen geboren, studierte zunächst Empirische Kulturwissenschaften und Amerikanistik an der Universität Tübingen und wechselte dann an die Humboldt-Universität Berlin, wo er 2003 seinen Magisterabschluss in Europäischer Ethnologie, Soziologie und Philosophie ablegte. Ein Studium der Fotografie bei Wiebke Loeper und Jörn Varnhofen schloss sich an. Seine Werke hat Haardt in zahlreichen Ausstellungen präsentiert, unter anderem in Berlin, Essen, Stuttgart, Tokyo und im schweizerischen Ermatingen. Heute lebt und arbeitet Haardt in München.

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