US-Fotograf Jeff Seltzer "Ich liebe Bremsspuren"

Menschen oder Autos? Bloß nicht! Jeff Seltzer fotografiert einsame Parkplätze oder Flughäfen in der Nacht. Ein besonderes Faible hat er für Reifengummi und einsame Gepäckausgaben.

Jeff Seltzer

Zur Person
  • Brad Buckman
    Jeff Seltzer, 43, sucht leere schöne Räume in überfüllten Großstädten. Der US-Amerikaner zeigt auf seinen Fotografien auch gerne Überbleibsel, die Menschen auf Straßen oder Flughafen-Wartehallen hinterlassen haben: Zigarettenstummel, Bremsspuren oder Kritzeleien. Vor allem aber hat er es auf Parkplätze abgesehen. Seltzer wurde in Los Angeles geboren und studierte dann Kommunikation und Rhetorik in San Diego. Er lebt und arbeitet als Fotograf in L. A.
SPIEGEL ONLINE: Herr Seltzer, Sie fotografieren Parkplätze. Warum?

Seltzer: In Los Angeles sind ja ständig überall Menschen, jeder ist in Eile, und immer ist alles überfüllt. Ich wollte besuchte Orte fotografieren, an denen mal niemand ist. Eben Parkplätze zum Beispiel. Nur wenn keine Autos da sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber noch einmal: warum denn?

Seltzer: Autos würden zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und das Bild zerstören. Ich suche die Einsamkeit und die Leere inmitten der Stadt. Aber auch die Spuren, die Menschen zurücklassen, sind spannend - Zigarettenstummel etwa oder Kritzeleien. Dazu kann man sich richtig gute Geschichten überlegen. Wer war da? Was hat er gemacht? Ich könnte immer wieder dahin zurückkehren. Und ich liebe Bremsspuren.

SPIEGEL ONLINE: Bremsspuren?

Seltzer: Ja, niemand nimmt Bremsspuren wirklich wahr. Aber ich glaube, man kann sie so fotografieren, dass sie in ihrer Einfachheit sehr schön aussehen können. Ich mag ihre Muster und die geometrischen Formen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie dabei nicht komisch von anderen Leuten angeschaut?

Seltzer: Die Leute wundern sich schon manchmal, warum ich fotografiere, was ich fotografiere. Sie bleiben stehen, kratzen sich am Kopf und fragen mich, warum ich diese Bilder mache. Am Anfang fand ich das peinlich. Aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Manchmal kommen auch Sicherheitsmänner auf mich zu und sagen, es sei nicht erlaubt zu fotografieren. Vor allem seit dem 11. September sind alle sehr vorsichtig geworden.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie den Sicherheitsleuten dann, was Sie tun?

Seltzer: Ja, aber das bringt ja nichts, sie interessieren sich für gewöhnlich nicht für Kunst. Sie sagen einfach, dass es verboten ist und fertig.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Lieblingsparkplatz?

Seltzer: Ja, es gibt da dieses Parkhaus im Zentrum der Stadt. Es erstreckt sich über neun Etagen und gehört zu ein paar Bürogebäuden und einem Einkaufszentrum. Und wenn man dort einkauft, ist das Parken auch recht günstig. Das kostet vielleicht zwei Dollar für den ganzen Tag.

SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren auch auf Flughäfen, obwohl Sie die Einsamkeit einfangen wollen. Aber dort laufen doch immer jede Menge Leute herum.

Seltzer: Tagsüber sind da schon viele Menschen. Aber trotzdem ist es irgendwie einsam da. Alle rennen aneinander vorbei. Niemand nimmt den anderen wirklich wahr. Man kann halt unter Menschen sein, sich aber trotzdem einsam fühlen. In der Nacht werden Flughäfen aber erst so richtig spannend. Dann sieht man diese riesigen Räume, diese leeren Plätze.

SPIEGEL ONLINE: Und wo genau machen Sie die besten Fotos?

Seltzer: Wo man die Koffer abholt. Ich reise sehr viel und gehe oft auch dorthin, obwohl ich nur mit Handgepäck unterwegs bin. Das ist auch der erste Bereich, an dem ich wirklich anhalten und mich umschauen kann, nachdem ich aus dem Flugzeug gestiegen bin.

SPIEGEL ONLINE: Was gibt es da zu sehen? Kofferbänder?

Seltzer: Und Hinweisschilder.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn daran schön oder interessant?

Seltzer: Das wirkt alles so mondän und so funktional. Das mag ich. Manchmal gibt es auch richtig schöne Farbkompositionen zu entdecken.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Seltzer: Ach, da reichen schon ein paar Stühle in verschiedenen Farben, die nebeneinanderstehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie Ihre Motive?

Seltzer: Ich habe meine Kamera immer und überall dabei. Und wenn mir etwas gefällt, fotografiere ich. Wenn ich zielgerichtet nach Motiven suche, finde ich nie welche.

SPIEGEL ONLINE: Setzen Sie für Ihre Fotos auch manchmal was in Szene?

Seltzer: Nein. Ich will alles so festhalten, wie ich es sehe. Allerdings will ich es schön fotografieren, also im richtigen Licht, am besten vor Sonnenuntergang, und aus der richtigen Perspektive.

SPIEGEL ONLINE: Schaffen es vielleicht irgendwann auch mal Menschen auf Ihre Bilder?

Seltzer: Ich fotografiere nur meine Töchter. Und ich habe mal ausprobiert, auf Hochzeiten zu fotografieren. Schrecklich.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das denn?

Seltzer: Das hat mich total unter Druck gesetzt. Ich habe immer gedacht, was ist, wenn ich den Hochzeitskuss verpasse oder zu spät auf den Auslöser drücke? Damit kann man mich umbringen. Da arbeite ich lieber ohne Menschen. Ich fotografiere auch Bäume und Büsche. Manchmal sehe ich welche, die so aussehen, als würden sie sich unterhalten. Fast so wie Menschen.

Das Interview führte Kristin Haug für das Foto-Portal seenby.de



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Emuopa 31.03.2014
1. Leere Parkplätze
Jeff Seltzer kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich gehe auch jeder Hochzeitsknipse aus dem Weg (solange ich von meinen Fotos nicht leben muss). https://www.flickr.com/photos/xenos-uwe/sets/72157629218366315/
macinfo 31.03.2014
2. Kann ich ganz gut nachvollziehen
Mir geht es oft genauso, die Besonderheit der vom Menschen geschaffenen oder belebten Räume ist oft klarer sichtbar, wenn der Mensch "im Moment" nicht zugegen ist. In der Leere drückt sich aber auch die Einsamkeit aus, die Momentaufnahmen wirken als wäre die Zeit eingefroren. Ganz möchte ich daher nicht auf die Menschen in meinen Bildern verzichten. Wer möchte kann sich auch gerne meine Fotos betrachten: http://j.mp/PcmP26
mopsfidel 31.03.2014
3. Also ein Architektur-Fotograf
Zitat von sysopJeff SeltzerMenschen oder Autos? Bloß nicht! Jeff Seltzer fotografiert einsame Parkplätze oder Flughäfen in der Nacht. Ein besonderes Faible hat er für Reifengummi und einsame Gepäckausgaben. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotograf-jeff-seltzer-im-seen-by-interview-a-960375.html
Oder wie nennt man diese Art der Fotografie sonst?
Kamillo 31.03.2014
4.
Große Klasse, diese Fotos. Aber menschenleere Parkplätze und Pfeile auf Asphalt können auch andere fotografieren. Schauen Sie z.B. mal hier: http://new-camera.de/index.php?option=com_content&view=article&id=63:fotos-wolfgang-matthaeus&catid=35:fotos-new-camera&Itemid=59
Herr Hold 31.03.2014
5. Hamurg Airport
Zitat von EmuopaJeff Seltzer kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich gehe auch jeder Hochzeitsknipse aus dem Weg (solange ich von meinen Fotos nicht leben muss). https://www.flickr.com/photos/xenos-uwe/sets/72157629218366315/
Die verlinkten Fotos finde ich interessanter als die Steltzers...
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