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Fotograf Jürgen Schadeberg: Mit der Leica gegen Apartheid

Von Elisabeth Wellershaus

Schnell leben, jung sterben und als Leiche gut aussehen: Diesen Lifestyle vermittelte der deutsche Fotograf Jürgen Schadeberg im Südafrika der Apartheid. Ein prächtiger Band würdigt nun den bedeutendsten Chronisten dieser Ära und seine Fotos für das schwarze "Drum"-Magazin.

Als Jürgen Schadeberg 1950 ein Schiff Richtung Kapstadt besteigt, hat er noch keine Ahnung, wer Miriam Makeba, Nelson Mandela oder Walter Sisulu sind. Noch weniger ahnt der junge dpa-Fotograf, dass er sie als Cheffotograf des Kultmagazins "Drum" ablichten wird. Während der 19-Jährige mit seiner kleinen Leica über dem Arm die Stadt Hamburg verlässt, denkt er nicht darüber nach, was ihn am südlichsten Zipfel Afrikas erwartet. Er will einfach raus aus Deutschland.

"In Kapstadt angekommen, kam ich dann erst mal vom Regen in die Traufe", erzählt der heute 77-Jährige. "Mein erster Tag in Südafrika war ziemlich ernüchternd. Ich saß in der Bahn von Kapstadt nach Johannesburg und teilte mir das Abteil mit einem freundlich wirkenden deutschen Herren. Leider stellte sich heraus, dass der Mann Dr. Johannes van Rensburg war, der Führer der Organisation Ossewa Brandwag, ein Rechtsextremist und Nazi. Er war einer von vielen Hitler-Sympathisanten, die damals in der Apartheidregierung saßen."

Die Begegnung bereitet Schadeberg auf das politische Klima in der neuen Heimat vor. Und auch auf neue Arbeitsbedingungen muss er sich einstellen. "Mit Journalisten, Schriftstellern und Philosophen war Johannesburg ja bestens bestückt, aber Fotojournalismus war in Südafrika mehr oder weniger unbekannt. Ich war sozusagen der Einäugige unter den Blinden."

Jazzmusiker, Starlets und Gangster

Nach ein paar erfolglosen Vorstellungsgesprächen wird Schadeberg schließlich zum Fotografen und Bildredakteur bei "Drum", dem einzigen ernstzunehmendem Medium von Schwarzen für Schwarze. Neben dem britischen Herausgeber Jim Bailey arbeitet er als einziger Weißer bei dem Magazin und nimmt dort talentierte Fotografen unter seine Fittiche.

Als er 1951 bei der Zeitschrift anheuert, macht diese noch überwiegend durch Fotos von Bikinischönheiten von sich reden. Aber kurz darauf trifft Schadeberg auf den engagierten Reporter Henry Nxumalo, und das Profil des Blattes ändert sich. Die beiden treffen sich nachts in verrauchten Flüsterkneipen mit Jazzmusikern, Starlets und Gangstern, tagsüber basteln sie in der Redaktion am Bild eines modernen Südafrikas.

Die Redaktion im Randbezirk Sophiatown, dem einzigen Ort, an dem Schwarze und Weiße noch zusammenleben, wird zum Sprachrohr der schwarzen Avantgarde. Denn sie beschreibt einen Lifestyle, der zwischen Hedonismus und Widerstandsbestreben changiert. Nxumalo und Schadeberg sind ihre Helden, das Dreamteam des südafrikanischen Magazinjournalismus.

Schikanen und das Ende einer Ära

Schnell leben, jung sterben und als Leiche gut aussehen – so lautet ihr Motto. Doch irgendwann schlägt die Faszination für die schillernde Unterwelt und das laszive Nachtclubleben um und wird zum ernsthaften Interesse an den politischen Zuständen des Landes. "Die meisten meiner sogenannten weißen Freunde hatten mir schnell den Rücken gekehrt, als ich anfing, mit schwarzen Kollegen zusammenzuarbeiten", erzählt Schadeberg.

Als er mit Nxumalo über die Sklaverei auf den Burenfarmen berichtet, Reportagen über die menschenunwürdigen Zustände in den Gefängnissen abliefert und Artikel über den jungen Nelson Mandela bringt, beginnt auch die Regierung, den weißen Fotografen zu bespitzeln. Die Schikanen gipfeln darin, dass eine engagierte Reportage gegen den Abriss von Sophiatown verhindert wird. Und so geht die "Drum"-Ära langsam zu Ende.

"Henry Nxumalo wurde kurze Zeit darauf ermordet", erzählt Schadeberg. "Da wusste ich, dass es Zeit ist, das Land zu verlassen. Ich wollte lieber selber gehen. Denn mir war klar, dass sie mich irgendwann rausschmeißen würden." Kurz nachdem die Townships 1963 im Südwesten von Johannesburg unter dem Namen Soweto zusammengelegt werden, verlässt er das Land. Seither sind einige Bücher mit Schadebergs Bildern aus jener Zeit entstanden, nun erscheint bei Hatje Cantz ein weiterer, besonders prächtiger Bildband.

Reklamefotos und ein Wolkenkuckucksheim

Einige seiner bekanntesten Fotos sind darunter, wie die Dokumentation des Abrisses von Sophiatown, die Porträts südafrikanischer Jazzgrößen, Bilder der jungen ANC-Kämpfer, aber auch Reportagefotos aus seiner Heimatstadt Berlin, aus London oder Malaga.

Auch ein neueres Bild von Mandela ist darunter. Auf dem Foto blickt der befreite Anführer des ANC in gestellter Pose durch die Gitterstäbe seines einstigen Gefängnisses auf Robben Island. Es ist 1994 entstanden, als Schadeberg bereits wieder knapp zehn Jahre im Land lebte, um nun das vermeintliche Ende der Apartheid zu dokumentieren. Heute lebt er wieder in Europa. Doch noch immer hindert ihn die räumliche Distanz nicht daran, seine kritische Meinung über Südafrika zu kommunizieren.

"Ich weiß natürlich, dass es dauert, bis gewisse Dinge überwunden sind. Aber wenn ich auf CNN zehnmal am Tag Reklame für das wunderschöne Südafrika sehe, dann ärgere ich mich doch. Die Realität ist alles andere als schön. Fahren Sie einmal durch Johannesburg und sehen sich die vollgestopften Hochhäuser an, in denen die Menschen ohne Wasser oder Elektrizität leben. Das Bild, das die westlichen Medien von Südafrika zeichnen, ist doch ein Wolkenkuckucksheim."


"Jürgen Schadeberg", Hatje Cantz Verlag, Mai 2008, 58 Euro.

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Fotostrecke
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