Fotograf Lothar Winkler Kuscheln mit den Weltstars

Die Aggressivität moderner Paparazzi war ihm fremd: Der ehemalige "Bravo"-Fotograf war in den fünfziger und sechziger Jahren per Du mit den Weltstars des Kinos. Ein neuer Bildband feiert das Werk des Fotografen, dem die Prominenten freiwillig Privates anvertrauten.

Von


Wenn Lothar Winkler ein ungünstiges Foto von einem Star machte, habe er es einfach verbrannt, erzählt man sich. Als Winkler einmal den Reeder Aristoteles Onassis angetrunken vor seiner Yacht knipste, soll er das Foto dem Milliardär vorbei gebracht haben, anstatt es zu veröffentlichen. Onassis bedankte sich für so viel Diskretion mit einem Privatflug. Es waren andere, harmlosere Zeiten damals.

Winkler, der einst als Polizeireporter bei der "B.Z." angeheuert hatte, war in den fünfziger und sechziger Jahren der Hausfotograf der "Bravo" und verhalf dem Jugendblatt mit seinen "Starschnitten" zu ersten Erfolgen. Als sich die große Zeit des Kinos Ende der sechziger Jahre ihrem Ende zuneigte, sattelte Winkler um und fotografierte nur noch Unbekannte: Nackte Frauen für die "Neue Revue", für den "Playboy" und für "Quick". 

Einst jedoch war Winkler, der 2000 im Alter von 73 Jahren starb, ein Fotograf, dem selbst die Weltstars vertrauten. Von den deutschen und internationalen Filmgrößen wurde der "Bravo"-Mann nicht als Paparazzo empfunden. Im Gegenteil: Durch seine wohlwollenden Fotos genoss er einen Vertrauensvorschuss und bekam auf diese Weise von Zeit zu Zeit einen Einblick in die private Welt der Stars.

Freundschaft mit Freddy

Winklers Ex-Frau Marianne, von 1959 bis 1968 mit ihm verheiratet, hat jetzt gemeinsam mit dem Filmexperten Michael Petzel hunderte von Fotos zusammengestellt und in einem Bildband herausgegeben. Das Buch mit dem Titel "Meine Freunde, die Stars" ist in mehrere Kapitel unterteilt: Neben  Schnappschüssen von den Berliner Filmfestspielen, Fotos vom Dreh der Karl-May-Filme in Kroatien und einer Sektion mit dem Titel "Stars International" haben Caterina Valente und Freddy Quinn jeweils ein eigenes Kapitel bekommen.

Denn die Karrieren Quinns und Valentes waren eng mit Winklers Laufbahn verknüpft: Mit Valente freundete er sich bei Dreharbeiten an einem Filmset an und begleitete sie später auf Tourneen nach Amerika, Mexiko, und Japan. "Die Begegnung mit der Valente soll sich für Lothar Winkler als Durchbruch erweisen", schreibt Petzel im Vorwort des Bildbandes. 

Tatsächlich entlockt Winkler der Sängerin und Schauspielerin in seinen Fotos viel Privates: Mit Pudelmütze schläft sie auf dem Beifahrersitz eines Autos. Ein anderes Bild zeigt sie beim Stricken, durch ihre weiße Brille etwas irritiert in die Kamera blickend. Freddy Quinn verfasste für den neuen Bildband eigens einen Brief an den verstorbenen Wegbegleiter: "Gern erinnere ich mich an unsere vielen gemeinsamen Reisen, an unsere weltweiten Abenteuer, die Du ja mit deinen Fotos dokumentiert hast!" Er nennt Winkler einen seiner wenigen Freunde.

Jimi Hendrix auf dem Kettenkarussell

Aber nicht nur die deutschen Superstars gewährten Winkler Zugang zu ihrem Leben und ihrer Arbeit - der Fotograf ging mit nahezu der gesamten Starriege der fünfziger und sechziger Jahre auf Tuchfühlung: Amerikas Erotikikone Jayne Mansfield lichtete Winkler mit ihren Kindern beim Ankleiden ab, Hildegard Knef erwischte er in Paris dabei, wie sie elegant einem Taxi entstieg - im Hintergrund der Triumphbogen. Jenseits jeder Pose traf Winkler Claudia Cardinale beim Kofferauspacken mit einem ungekünstelten, mädchenhaften Lächeln. Karin Dor, eine der berühmtesten deutschen Schauspielerinnen jener Ära, wurde von Winkler im Badeanzug fotografiert, entspannt am Pool liegend.

Und sogar dem enfant terrible Klaus Kinski nahm Winkler jede widerborstige Entrücktheit: Wie ein Traumschwiegersohn spaziert er auf einem Bild Arm in Arm mit seiner dritten Ehefrau Geneviève Minhoi. Hübsch anzusehen ist auch Winklers Ausflug ins Rockbusiness: Im Kapitel "Yeah! Yeah! Yeah!" ist Jimi Hendrix auf einem Kinder-Kettenkarussell zu sehen, Elvis Presley beim Aussteigen aus dem Flugzeug, die Motown-Girlgroup The Supremes bei einem ihrer Konzerte. Auch den Rolling Stone Mick Jagger lichtete Winkler ab, backstage beim Rauchen, beim Lesen, verträumt in die Kamera blickend.

Dass Winkler einen besonderen Kontakt zu den Menschen, die er fotografierte hatte, wird nicht nur auf den Aufnahmen deutlich, die Stars in privaten Situationen zeigen. Auf einem Bild von den Berliner Filmfestspielen dreht sich die italienische Schauspielerin Pier Angeli, die in Begleitung James Deans gekommen ist, mit einem offenherzigen Lachen zu Winklers Kamera um. Hinter ihr sind drei andere Fotografen mit ihren gezückten Blitzlichtern zu sehen, die fast ein bisschen erstaunt in Winklers Richtung blicken. "Wie macht der das nur?", scheinen sie zu denken.

Aber warum gelang es gerade Lothar Winkler, das Vertrauen der großen Stars zu gewinnen? Seine Bilder sind eine Hommage an die Stars und an ihr Leben: Lothar Winkler hat Schauspieler und Sänger so abgelichtet, wie sie sich selber gerne sehen wollten. Er inszenierte ihre heile Welt und machte sie durch seine Veröffentlichungen einem breiten Publikum zugänglich. Winkler war ein Fotograf, der sein Handwerk als Aufgabe verstand, schöne Bilder von schönen Menschen zu machen.

Fragen hat Winkler mit seinen Fotos nie aufgeworfen, Kritik wollte er nicht üben. So sind die Fotos von Lothar Winkler vor allem die Dokumentation eines Zeitgeistes: der Nachkriegsehnsucht nach heiler Welt und schönem Schein. Heute gibt es entweder kunstvolle, aber distanzierte Porträts bekannter Schauspieler und Musikstars - oder den schnellen, grellen Schnappschuss, der vor allem den Sinn hat, möglichst viel Pikantes zu enthüllen. Dazwischen gibt es nicht viel. Lothar Winklers Arbeit füllte genau diese Lücke.


"Meine Freunde, die Stars": Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2006. 415 Seiten; 49,90 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.