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Foto-Pionier Manfred Hamm: "Digital ist doch alles eine Soße"

Er ist eine Fotografenlegende, doch Manfred Hamm bleiben nur noch 33 Motive. Ihm gehen die Filme aus, danach will er seinen Job hinwerfen. Im Interview erklärt er, warum er Digitalkameras nicht mag - und was auf seinen letzten Bildern zu sehen sein soll.

Architektur-Fotograf Manfred Hamm: Magier des Raumes Fotos
Manfred Hamm

SPIEGEL ONLINE: Herr Hamm, Sie gelten als Pionier und Meister der Architektur-Fotografie, Ihre neue Ausstellung über Konzerthäuser wird jetzt eröffnet - und Sie wollen Ihren Job an den Nagel hängen?

Manfred Hamm: Ja. Meine Farbfilme gehen rapide zur Neige. Ich benutze den Kodak EPD-Y, aber die Produktion wurde 2009 eingestellt. Ich habe damals noch einen Hamsterkauf gemacht. Jetzt lagern zehn Schachteln mit jeweils zehn Aufnahmen in der Tiefkühltruhe meines Nachbarn. Ende des Jahres läuft das offizielle Verfallsdatum ab. Pro Motiv mache ich meist drei Aufnahmen: eine helle, eine mittlere, eine dunkle. Bleiben mir also 33 Motive in Farbe. Da muss jeder Schuss sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso steigen Sie nicht einfach auf Digitalfotografie um?

Hamm: Sie können die Magie eines Raumes nicht digital einfangen, da geht die Tiefe verloren. Sie könnten das nachträglich digital mit Photoshop bearbeiten, aber das hat etwas von Nippes, das wird doch alles eine Soße. Ich habe in den Fünfzigern gelernt, wie man mit einer Plattenkamera fotografiert, und ich liebe es. Diese Digitalknipserei macht mir einfach keinen Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Aufnahmen der Konzerthäuser gemacht?

Hamm: Ich bin mit meiner alten Plaubel-Plattenkamera unterwegs, das ist eine Studiokamera. Mein Koffer mit drei Objektiven wiegt 19 Kilogramm. Dazu kommt das Stativ, ein Holzstativ wohlgemerkt, das ist robuster. Das wiegt noch einmal sieben Kilo. Im Rucksack habe ich außerdem 50 Doppelkassetten, da sind jeweils zwei Filmaufnahmen drin, das wiegt zusammen 20 Kilo. Beim Fliegen stelle ich immer fest, wie viel meine Ausrüstung wiegt: 55 Kilo. Ich musste nur einmal für Übergewicht bezahlen. Die dachten, das seine eine Golfausrüstung, weil die Stativtasche aussieht, als wären da Golfschläger drin.

SPIEGEL ONLINE: Wie arbeiten Sie vor Ort?

Hamm: Ich gehe ein paarmal um das Gebäude herum. Ruhige Bilder brauchen eine Menge Geduld. Vor der Börse in Brüssel zum Beispiel stand eine Pommesbude. Ich habe den ganzen Tag gewartet, bis die abends endlich weggefahren wurde. In den Konzertsälen benutze ich das sogenannte Besenlicht, das die Putzfrauen benutzen zum Reinigen. Ich belichte oft um die drei Minuten lang, da sieht man es gar nicht, wenn jemand durchs Bild läuft. Ich bediene den Auslöser per Hand und stoppe die Zeit mit einer Stoppuhr. Ganz wichtig: Ich miete mich in Hotels ein, die eine Toilette ohne Fenster haben. Da hocke ich mich dann nachts hin und wechsele und beschrifte die Filmkassetten im Dunkeln.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Konzerthäuser wirken kühl und leer, dabei sind das doch Orte für gesellschaftliche Großereignisse, für das Sehen und Gesehenwerden...

Hamm: Ja, deswegen ist es so ein Privileg, diese Räume nur für mich zu haben. Ich bin Genießer. In meiner Phantasie höre ich dann meine eigenen Konzerte: den Boléro von Ravel oder "Take Five" von Dave Brubeck, meine Lieblingsstücke von Ray Charles oder John Coltrane. Diese Freiheit will ich mit den Betrachtern teilen.

SPIEGEL ONLINE: Berühmt wurden Sie mit dem Band "Tote Technik", einer morbiden Weltreise zu den "antiken Stätten von Morgen". Mit diesem Nachruf auf die Industriegesellschaft trafen Sie 1981 den pessimistischen Zeitgeist. Wie kamen Sie auf die Idee?

Hamm: Ich behauptete damals, dass der Schrott von heute das Material der Archäologie von morgen ist. Außerdem bin schon immer gerne gereist. Ich wurde 1944 in Sachsen geboren, 1955 zog meine Mutter nach Köln. Ich komme eigentlich aus einem spießigen Milieu, schon als Kind habe ich im Kopf Weltreisen gemacht, mit dem Finger im Weltatlas. Nach der Fotografenausbildung zog ich erst einmal nach Südfrankreich, schlug mich als Jazzfotograf durch, dann bin ich in die Südsee gereist, auf die Neuen Hebriden. Ich hatte immer einen Hang zur Archäologie und Ethnologie, ich fand den Cargo-Kult faszinierend, diese religiöse Anbetung industrieller Massenwaren in Melanesien.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen sich selbst als Ethnologen?

Hamm: Ich fühle mich romantischen Ethnologen verwandt, etwa Lévi-Strauss oder Bronislaw Malinowski. Als ich von meiner Weltreise zurückkam, habe ich mich in Berlin mit dem Künstler Ben Wagin herumgetrieben. Ich wollte gar nicht mehr fotografieren, aber Ben hat mir in den Arsch getreten. Also habe ich 1978 ein Berlinbuch gemacht: "Landschaften einer Stadt". Danach habe ich in ganz Europa Caféhäuser fotografiert und nebenbei das Zechensterben in Belgien und England dokumentiert. Ich lernte Rolf Sternberg kennen, den damaligen SPIEGEL-Korrespondenten in Paris, mit dem ich dann "Tote Technik" gemacht habe. Eigentlich wollten wir, dass ein Philosoph wie Paul Virilio oder Michel Foucault den Text für die englischsprachige Ausgabe ("Dead Tech") schreibt, aber der Verlag wollte Robert Jungk. Dadurch hat das Buch diesen politischen Drall bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kriegten Sie die Kurve von Schrottplätzen zu Konzerthäusern?

Hamm: Ich habe in den letzten Jahren Bücher über Börsen in Europa gemacht, über Markthallen, über Textilfabriken. Bei einer Ausstellungseröffnung sprach mich Michel Maugé an, der Geschäftsführer des Mannheimer Rosengarten-Konzerthauses, ob ich nicht Lust habe auf das Thema Konzerthäuser. Er machte mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Ohne seine Unterstützung würde unser neuer Fotoband über 250 Euro kosten, jetzt sind es 98 Euro. Ungefähr so viel wie eine Konzertkarte, das passt doch.

SPIEGEL ONLINE: Woran arbeiten Sie zur Zeit?

Hamm: Ich reise auf den Spuren der Architekten aus der Berliner Bauakademie. Die haben im 19. Jahrhundert überall in Europa gebaut: in Helsinki, Stockholm, Göteborg, Budapest, Triest, Guimarães. Sogar die Brooklyn Bridge in New York ist von einem Schüler der Bauakademie gebaut worden. Dies Projekt fotografiere ich aber in Schwarzweiß.

SPIEGEL ONLINE: Und wofür verwenden Sie Ihre letzten hundert Farbplatten, bevor Ihre Methode selbst tote Technik ist?

Hamm: Ich würde gerne die Wunderkammern der Renaissance fotografieren, die obskuren Rumpelkammern der frühkolonialen Zeit. Das sind häufig Privatsammlungen mit ausgestopften Vögeln, Mineralien, Pflanzen, Holzmasken. So etwas ginge nur in Farbe. Das ist pure Romantik, wie eine Verlängerung meiner Kindheit.


Manfred Hamm, "Konzerthäuser", Rosengarten, Mannheim, 18. Juni 2012 bis 29. Juli 2012.

Das Interview führte Hilmar Schmund

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1. Herr Hamm...
Jonny_C 19.06.2012
Zitat von sysopManfred HammEr ist eine Fotografen-Legende, doch Manfred Hamm bleiben nur noch 33 Motive. Ihm gehen die Filme aus, danach will er seinen Job hinwerfen. Im Interview erklärt er, warum er Digitalkameras nicht mag - und was auf seinen letzten Bildern zu sehen sein soll. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,837546,00.html
...hat es nicht gelernt und sich nicht weiterentwickelt. Natürlich gibt es auch für die Digitalfotografie extreme Tiefenschärfen, und digitale Auflösungen haben inzwischen schon chemische (Fotoplatte) übertroffen. Dazu gibt es bei SpOn viele Artikel: Lytro: Lichtfeldkamera im Test - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/lytro-lichtfeldkamera-im-test-a-838935.html) Lytro-Lichtfeldkamera: Die Knipse, die alles scharf macht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/lytro-lichtfeldkamera-die-knipse-die-alles-scharf-macht-a-792896.html) Aha, keine Tiefenschärfe: Neue Mosaikaufnahmen zeigen "Titanic"-Wrack im Detail - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/neue-mosaikaufnahmen-zeigen-titanic-wrack-im-detail-a-823213.html) Naja....soll Herr Hamm in Rente gehen !
2.
poly123 19.06.2012
Zitat von sysopManfred HammEr ist eine Fotografen-Legende, doch Manfred Hamm bleiben nur noch 33 Motive. Ihm gehen die Filme aus, danach will er seinen Job hinwerfen. Im Interview erklärt er, warum er Digitalkameras nicht mag - und was auf seinen letzten Bildern zu sehen sein soll. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,837546,00.html
Der Artikel sollte als zeitgeschichtlicher Beitrag unter "Einestages" veröffentlicht werden. Es mag ja sein, dass man an der analogen Fotografie hängt, aber ein Umstieg auf digitale Fotografie mit Stand der heutigen Technik macht sicherlich ohne jegliche Nachbearbeitung bessere Bilder als seine analog Knipsen - lediglich das handwerkliche Zutun, hat sich reduziert. Künstler hin oder her, m.M.n. steckt im Kern der Argumentation eher derTyp von Mensch mit der Tendenz eines Totalverweigerer ("früher war alles besser".....).
3.
spatenheimer 19.06.2012
Weils ja auch kein Unternehmen mehr gibt, das Filme produziert.
4. Fachlich leider falsch
holystony 19.06.2012
Digital ist doch nur das Aufnahmeformat. Die Tiefe kommt durch die Perspektive. Natürlich muss man sich mit der Digitalfootgrafie auseinander setzen, aber bitte doch mit echten Argumenten. Auch die Behauptung "digital ist alles eine Soße" lässt sich weder bestätigen noch widerlegen. Die Fotografie konnte immer die Technik ihrer Zeit nutzen. Der Umgang mit dieser Technik ist nun mal Teil der Fotografie. Man kann sich dem natürlich auch verweigern, aber dann bitte mit ehrlichen Argumenten...
5. Malen statt Fotographieren!
fessi1 19.06.2012
Sie können die Magie eines Raumes nicht mit Fotographie einfangen, da geht nicht nur die Tiefe, sondern auch jede künstlerische Note verloren. Früher war ebend alles besser.
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Zur Person
  • Hubert Schwarz
    Manfred Hamm, Jahrgang 1944, ist mit Fotografien von Industriedenkmälern bekannt geworden. Sein Band "Tote Technik" von 1981 (mit Rolf Steinberg und Robert Jungk) gilt als moderner Klassiker der Architektur-Fotografie. Zuletzt sind von ihm die Bildbände "Konzerthäuser" (2012) und "Markthallen" (2008) erschienen.


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