Fotograf Micha Bar-Am Selbstporträts mit Krieg

Seine Kriegsfotografien machten ihn berühmt, aber als Kriegsfotografen sah er sich nie: Das Willy-Brandt-Haus in Berlin zeigt eine große Überblicksschau mit 200 Aufnahmen des 81-jährigen israelischen Fotografen Micha Bar-Am - die persönliche Chronik eines Landes zwischen Krieg und Alltag.

Bar-Am-Foto "Bunker, Bar-Lev-Verteidigungslinie, Suezkanal, 1969": "Fotografiert, was geschah in meinen Kreisen"
Micha Bar-Am/ Magnum Photos

Bar-Am-Foto "Bunker, Bar-Lev-Verteidigungslinie, Suezkanal, 1969": "Fotografiert, was geschah in meinen Kreisen"


Viel Zeit - und einen Ausweis - muss mitbringen, wer sich die wunderbare Foto-Ausstellung "Insight. Micha Bar-Am's Israel" im Willy-Brandt-Haus in Berlin ansehen möchte. Es wäre aber auch zu schade, sie zu verpassen. Denn 200 Fotografien des wohl berühmtesten Fotografen Israels aus den letzten 60 Jahren sind zu sehen - und, Gott sei Dank, hängen sie nicht auf Stellwänden zwischen Bürotüren und Fahrstühlen und Treppenhäusern im Atrium, so wie bei manch anderer Ausstellung in der SPD-Zentrale, sondern in einem großen Ausstellungsraum in der dritten Etage.

Es sind vor allem seine Kriegsbilder, die Bar-Am berühmt gemacht haben. "Ägyptische Kriegsgefangene, Suezkanal, Jom-Kippur-Krieg, 1973" heißt zum Beispiel eine seiner Schwarzweiß-Fotografien, und darauf sind gefangene Soldaten zu sehen, die gekrümmt, gefesselt und barfuß im Sand eines Grabens liegen. Ihre Augen sind mit weißen Tüchern verbunden, und gnadenlos scheint die Sonne auf sie herunter. Erklären muss man hier nichts mehr, das Bild erzählt von der Brutalität des Krieges, vom Elend der Niederlage und auch des Sieges. Und es zeigt die lange und andauernde Geschichte des arabisch-israelischen Konflikts.

Auch der Fotograf ist in seiner Aufnahme zu sehen. Denn scheinbar zufällig fällt der Schatten mehrerer Männer ins Bild, die den Gefangenen gegenüberstehen. Eine der Silhouetten hält erkennbar einen Fotoapparat vor die Augen - es ist Bar-Am, als er abdrückt. "Selbstporträt mit Krieg" nennt der Schriftsteller Maxim Biller seinen Text im Katalog zur Ausstellung, in dem er über dieses Foto schreibt. Biller stellt sich die Frage, was der Fotograf wohl "dabei denkt", als er "in diesem hässlichen Moment gierig auf den Auslöser drückt".

Mehr Chronist, nicht Kriegsfotograf

Bar-Am, 1930 in Berlin geboren und 1936 mit seiner Familie nach Palästina geflohen, war zur Eröffnung seiner Ausstellung in seiner Geburtsstadt und hat in einem Interview - in deutscher Sprache - dem Deutschlandradio Kultur gesagt, dass er sich nie als Kriegsfotograf gesehen habe: "Ich habe fotografiert, was geschah in meinen Kreisen. Ob das meine eigene Familie ist oder mein Kibbuz oder die israelische Armee oder die Straßen von Tel Aviv. Und wenn ein Krieg ab und zu, wie bei uns jede zehn Jahre ungefähr ein neuer Krieg ist, dann bin ich dort, weil das das Geschehen der Zeit ist. Ich sehe mich vielmehr als Chronist und nicht als bewusster Kriegsfotograf."

In der Retrospektive ist diese Chronik auf 200 Fotografien zu sehen: Bar-Ams Familie, das Leben im Kibbuz, jüdische Einwanderer aus Äthiopien und aus der Sowjetunion. Bar-Am fotografiert Flüchtlinge aus Syrien, die Flüchtlingscamps der Palästinenser. Er zeigt den Libanon-Krieg 1982 mit Bildern des Angriffs, des Einmarschs der israelischen Armee in Beirut, des zerstörten Nationalmuseums. Aber auch weniger direkte Bilder wie den Blick aus einem ärmlichen Lebensmittelladen-Schaufenster hinaus auf die Straße, hinweg über die ausgestellten weißen Eier auf einen stählernen grauen Panzer.

Unter der Überschrift "Gaza" gibt es Fotografien von der Intifada zu sehen, eine "Isolationshaftzelle" (1971), oder "Gefangennahme" (1969); unter " Golan Höhen" sind es Bilder winkender oder mit Lautsprechern und Ferngläsern ausgerüsteter Frauen bei ihrer "grenzüberschreitenden Kommunikation" (1975) auf dem "Rufberg", dazu die Fotos von Militärposten und von mit Sandsäcken umrandeten Schützengräben.

Dann sieht man das normale Leben der Menschen in diesem Irrsinn, ihre Lebensfreude beim Tanzen, bei einer Modenschau, am Strand, im Café, in einer Picasso-Ausstellung, im Zoo. Und im Kapitel "Familie" zeigt Bar-Am ein sehr persönliches Bild des absurden Alltags: Zwischen den Bildern seiner Kinder, seiner Frau und den Haustieren, von Ausflügen und Spielen, hängt das "Familienporträt mit Katze, Golfkrieg Rama Gan 1991", auf dem drei Personen, unkenntlich durch ihre Gasmasken, in der Wohnung eng aneinander gedrängt sitzen und eine Katze im Arm halten.

Der Fotograf als Schatten

Wie auf der Kriegsgefangenen-Aufnahme ist der Fotograf auch in seinem Bild "Selbstporträt mit Sohn Barak, Tel Hashomer Entbindungsstation, Tel Aviv, 1967" nur als Schatten erkennbar: Eine Krankenschwester hält das Neugeborene ins Bild, Bar-Ams Gesicht mit Kamera deutet sich körperlos auf der dahinter liegenden Fensterwand an.

Eigentlich widerspricht Bar-Am damit elegant seinem Grundsatz: "Wenn du zu nahe am Geschehen bist, verlierst du die Perspektive. Es ist fast unmöglich, beides zu sein; Teilnehmer eines Geschehens und gleichzeitig deren Beobachter, Zeuge und Interpret."

Aber ihm, dem heute 81-jährigen Fotografen und Autodidakten, ist jenes "fast Unmögliche" in seiner mehr als sechzigjährigen Arbeit eben doch gelungen. Er ist seinen Motiven ganz nah und wahrt trotzdem das nötige Stück Distanz, als Teilnehmer und als Interpret. Das zeigt sein ganzes Lebenswerk, egal ob es private Fotos sind oder seine Arbeiten für die legendäre Agentur Magnum, für die "New York Times", für "Newsweek" oder den "Stern". Micha Bar-Am ist immer Teilnehmer und Interpret zugleich.


Ausstellung:
"Insight: Micha Bar-Am's Israel". Berlin. Willy-Brandt-Haus. Bis 21.5. ;

Katalog:
Alexandra Nocke (Hrsg.): "Insight: Micha Bar-Am's Israel". Koenig Books, 2011, ISBN 978-3-86560-982-3; 326 Seiten; 29,80 Euro.



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