Wald-Fotograf Michael Lange: "Manche gruseln sich vor meinen Bildern"

Die Bäume, die Stille - und das Geheimnis: Der Fotograf Michael Lange streifte für seine Bilderserie "Wald. Landschaften der Erinnerung" drei Jahre lang kreuz und quer durchs deutsche Gehölz. Warum? Weil er Ruhe sucht. Und weil er in dem Ort seiner Kindheit etwas Gebärmutterhaftes sieht.

Wald-Fotografie: Über allen Gipfeln ist Ruh' Fotos
Michael Lange

SPIEGEL ONLINE: Herr Lange, Ihre Bilder sind bei strömendem Regen entstanden oder in der Dämmerung. Mögen Sie keine Sonne?

Lange: Oh, doch. Der Wald im Sonnenlicht ist wunderschön. Es überwältigt dich, und du weißt gar nicht, wohin mit all den Eindrücken. Aber diese Intensität hat etwas sehr Lautes. Was ich gesucht habe, fand ich im Zwielicht. Die Farben gehen zurück, die Vögel verstummen, alles wird weicher. Ich war draußen, wenn niemand mehr im Wald sein will. Das Wetter ist aber nur wichtig für die Stimmungen in den Bildern. Darüber hinaus spielt es keine Rolle, ob es regnet oder neblig ist, oder Raureif auf den Blättern liegt. Es ist auch egal, wo genau das Foto entstanden ist. Deshalb gibt es keine Titel, sondern nur willkürliche Bildnummern. Es geht mir um die Stimmungen.

SPIEGEL ONLINE: Allein in der Dämmerung, das klingt nicht gerade einladend.

Lange: Es ist wirklich friedlich. Nein, befriedend trifft es besser. Der Wald ist der Ort meiner Kindheit. Ich bin im Odenwald aufgewachsen und oft in den Wald geflohen. Da fühlte ich mich sicher. Niemand hat etwas gefordert, ich war ganz für mich. Wald, das ist ein idealer Rückzugsort für mich.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bilder strahlen eine große Ruhe aus. Manche mögen sagen: eine unheimliche Ruhe.

Lange: Jeder trägt sein eigenes Waldbild in sich. Ich gebe nichts vor, ich bin kein Dokumentarfotograf. Manche gruseln sich, andere sind berührt. Künstlerische Fotografie ist immer auch ein Psychogramm des Fotografen. Ich erzähle etwas über mich, dadurch entsteht Resonanz, wie bei Gitarrenseiten, die miteinander schwingen. Am häufigsten höre ich, wie wohltuend die Stille in den Bildern ist.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese Sehnsucht nach Stille?

Lange: Einerseits durch meine eigene innere Unruhe, andererseits überschwemmt uns Tag für Tag eine Flut an Bildern, die immer brutaler werden. Allein die ganzen Fotos aus Kriegsgebieten. Und all die Informationen aus dem Internet zwingen uns geradezu in die Unruhe. Ich habe einen Raum gesucht, der zeit- und auch auf eine Art ortlos ist.

SPIEGEL ONLINE: Norddeutsche Forste, Pfälzer Wald, Solling im Weserbergland - nur drei Beispiele für Waldgebiete, in denen sie von 2009 bis 2011 unterwegs waren. Wie darf man sich Ihren Tag im Wald vorstellen?

Lange: Ich bin viel rumgefahren, manchmal sieben, acht Stunden lang. Bis ich etwas sah, was mich ansprach. Ein Stück Wald, das völlig unberührt aussah. Ein Teich. Eine Formation Tannen. Ein Mal habe ich ein Motiv direkt aus dem Autofenster entdeckt, meistens aber bin ich tief rein ins Dickicht gelaufen. Wenn ich eine interessante Stelle fand, habe ich sie markiert und Testbilder gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Um in der Dämmerung wiederzukommen?

Lange: Ja, oder bei entsprechendem Wetter. In einen Wald bei Hamburg bin ich fünf Mal gefahren, immer, wenn Regen angesagt war. Beim letzten Mal hatte ich gerade die Kamera aufgebaut, da ging der erwartete Platzregen nieder. Ich hatte nur zwei Minuten für das Bild, bis es wieder vorbei war. Es ist immer ein Lauf gegen die Zeit. Ich muss vorher genau wissen, welchen Ausschnitt ich haben will. Ist es nass und rutschig, kann ich die Kameraposition nicht dauernd ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist der Regen so wichtig, wenn man ihn auf den Bildern gar nicht so wahrnimmt?

Lange: Der Regen bricht das Licht und nimmt zugleich Farbe raus, das Bild wird zum Beispiel silbern, monochromer und stiller. Starkregen erzeugt einen feinen Nebel, der die Illusion von Raumtiefe erweckt, der aber auch den Blick begrenzt. Ich öffne die Bilder damit, es bleibt aber trotzdem ein geschlossener Raum.

SPIEGEL ONLINE: Sieht man deshalb auf Ihren Wald-Fotos nie den Himmel oder den Horizont?

Lange: Ja. Es soll ein Raum sein, der etwas Gebärmutterhaftes hat. Um das hinzukriegen, müssen viele Details berücksichtigt werden: Wie viel Kontrast ist in den Bildern? Wie ist das Verhältnis von vorne zu hinten, wie viel Waldboden ist zu sehen? Welcher Ast, welcher Baum ist noch mit im Bild, aus welcher Perspektive nehme ich auf? Manchmal ist es sehr schwierig, die richtige Kameraposition zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fotografien wirken fast malerisch. Wie viel helfen Sie nach?

Lange: Wenn ich malen könnte, würde ich malen. Ich liebe Photoshop, denn es ist ein sehr kreatives Werkzeug, und in manchen Situationen kann man damit sehr malerisch umgehen. Manche Fotos sind so gut wie gar nicht bearbeitet, bei anderen drehe ich mehr, bis ich mein Bild habe - an der Farbe oder Sättigung, der Balance, der Lichtbestimmung.

SPIEGEL ONLINE: Für viele ist "gephotoshopped" ein Schimpfwort...

Lange: ...und das Analoge ist das Hehre. Aber Fotografie ist Manipulation. Das beginnt damit, welche Kamera ich in die Hand nehme. Es ist immer eine Entscheidung - früher war es die Wahl des Films. Ein Problem der digitalen Fotografie ist, dass der Sensor alle Interpretationen offen lässt - ich muss mich entscheiden, wie das Bild sein soll, denn die authentische Landschaft gibt es nicht. Wir sehen mit unserem kulturellen Erbe und unserer Erfahrung. Wir filtern also immer - ob mit dem Auge oder der Kamera. Wichtig ist mir, dass es fotografisch stimmig ist. Was ich aussagen will, muss glaubhaft sein.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sehen Sie den Wald nun?

Lange: Als etwa sehr Vergängliches. Man denkt immer: Der Wald ist in hundert Jahren noch so. Dabei ist der deutsche Wald so, wie wir ihn kennen, noch gar nicht so alt. Zwischen 1750 und 1900 wurde er aufgeforstet. Davor war alles abgeholzt. Und viele der Situationen, die ich fotografiert habe, gibt es nur noch in meinen Bildern. Die Realität wird vom Holzhandel bestimmt, denn unsere Wälder sind überwiegend Profitcenter.

Das Interview führte Daniela Zinser für das Fotografieportal seen.by


Eine Auswahl der "Wald"-Bilder ist im Großformat bis zum 23. Dezember in der Alfred Ehrhard Stiftung, Auguststraße 75, 10117 Berlin (Mitte) zu sehen. Geöffnet Di. bis So. 11 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.

Gezeigt wird die Arbeit auch in Hamburg vom 18. Januar bis 6. März in der Robert Morat Galerie, Kleine Reichenstraße 1, 20457 Hamburg.

Informationen zum "Europäischen Monat der Fotografie" in Berlin mit Ausstellungen an 100 Orten und 500 Fotografen (19. Oktober bis 25. November) unter www.mdf-berlin.de.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bilder
shatreng 31.10.2012
Zitat von sysopDie Bäume, die Stille - und das Geheimnis: Der Fotograf Michael Lange streifte für seine Bilderserie "Wald. Landschaften der Erinnerung" drei Jahre lang kreuz und quer durchs deutsche Gehölz. Warum? Weil er Ruhe sucht. Und weil er in dem Ort seiner Kindheit etwas Gebärmutterhaftes sieht. Fotograf Michael Lange im Interview über seine Wald-Bilder - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotograf-michael-lange-im-interview-ueber-seine-wald-bilder-a-864326.html)
Tolle Bilder. Weitermachen ;)
2. Ich halte es mit
Ruler 31.10.2012
Ich halte es mit dem alten Geheimrat: "... mehr Licht!"
3.
max-mustermann 31.10.2012
Zitat von sysopDie Realität wird vom Holzhandel bestimmt, denn unsere Wälder sind überwiegend Profitcenter.
So ist es deshalb ist das umgangsprachliche Wort Wald auch falsch, in Wahrheit ist 95% der bewaldeten Flächen Forst also quasi ein Rübenacker, nur das statt Rüben eben Holz angebaut wird. Nichts desto trotz tolle Bilder.
4.
obiwantobi 31.10.2012
Zitat von RulerIch halte es mit dem alten Geheimrat: "... mehr Licht!"
Damit wäre die Stimmung eine komplett andere. Sähe bestimmt ganz nett aus, würde aber in dieses Konzept vermutlich nicht passen.
5. optional
spon-facebook-10000034278 31.10.2012
Gibt es die Bilder auch in höherer Auflösung zu betrachten?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Fotografie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 35 Kommentare
  • Zur Startseite
Zur Person
  • Michael Lange
    Michael Lange lebt in Hamburg. Er arbeitete als Fotograf für zahlreiche Magazine wie "Geo" oder "Stern" und heute überwiegend für Wirtschaftsunternehmen. Seit Ende der neunziger Jahre realisiert er freie Projekte, darunter die Porträtserie "Frauen des Lamani-Stammes" in Südindien und "L.A. Drive-by", eine Schwarz-Weiß-Serie über Einsamkeit in Los Angeles.
  • Homepage Michael Lange

Buchtipp