Fotograf Michael Schmidt Eine Wurst, wer da noch lacht

Er gilt als einer der wichtigsten Fotografen weltweit, das New Yorker MoMA würdigte den Deutschen sogar mit einer eigenen Schau. Jetzt zeigt Michael Schmidt erstmals seine Serie "Lebensmittel": 177 Bilder aus den Eingeweiden unserer modernen Ess-Industrie - nie eklig, aber stets verstörend.

Von Laura Hamdorf


Jeder kennt die Gewissensbisse am Frühstückstisch: Eier aus Bodenhaltung, Salami mit undefinierbaren Inhaltsstoffen, daneben die Milch von dauerschwangeren Kühen. Spätestens seit literarischen Pamphleten wie Thilo Bodes "Die Essensfälscher" ("Was uns die Lebensmittelkonzerne auf den Teller lügen") kennt jeder die Wahrheit über die Lebensmittelindustrie. Und doch ist es bequemer, sie manchmal zu vergessen.

Nun will uns einer der weltweit wichtigsten und dienstältesten Fotografen für die Lebensmittelindustrie sensibilisieren: Michael Schmidt ist bekannt für den emotionalen Sog seiner sozialdokumentarischen Schwarzweißfotografien. Besonders in Amerika gilt der 1945 in Berlin geborene Künstler als Koryphäe: 2005 war er der erste deutsche Fotograf, dem das Museum of Modern Art in New York eine Einzelausstellung ("U-NI-TY") widmete.

Schmidts neues Fotoprojekt verspricht eindringlicher zu sein, als die üblichen Pamphlete. Sein schlichter Titel lautet "Lebensmittel". Und ebenso schlicht ist sein Konzept: neugierig machen statt anklagen. 177 Bilder zeigen Großbäckereien, Zuchtbetriebe und Fischfarmen - stellvertretend für das Selbstverständnis einer Gesellschaft, deren Kühlschrank stets überquillt. Ausgestellt werden die Bilder nun erstmals im Museum Morsbroich in Leverkusen, weitere Stationen sind die Galerie im Taxispalais in Innsbruck und der Martin-Gropius-Bau in Berlin.

"Michael-Schmidt-Sound"

Man erwartet Ekel, wenn es um fotografische Eindrücke von Massentierhaltung und Industrieproduktion geht. Doch eklig ist keines der Bilder. Ein Foto zeigt ein überpralles Euter im Großformat, daran hängen vier stählerne Saugröhren, die gerade Milch abpumpen. Die unnatürliche Kombination aus weicher Kuhhaut und kaltem Stahl ist unbehaglich, aber keinesfalls schockierend.

Fünf Jahre reiste Schmidt quer durch Europa, um sein fotografisches Essay zusammenzustellen. Für ihn eine übliche Vorbereitungsphase. "Es ist fast unmöglich, Michael Schmidt auszustellen. Das gelingt nur einmal in einem Kuratorenleben", sagt Markus Heinzelmann, der Museumschef. Seit 30 Jahren arbeitet Schmidt ausschließlich an mehrjährigen Projekten. Berühmt wurde er bereits in den achtziger Jahren durch sein Künstlerbuch "Waffenruhe", das West-Berlin in den Jahren vor dem Mauerfall porträtiert. Seine Ausstellungen sind wegen der langen Projektphasen eine hochgeschätzte Seltenheit - und Kurator Heinzelmann ist deswegen ein glücklicher Mann.

Heinzelmann beschreibt die Wirkung von Schmidts Arbeiten als "Michael-Schmidt-Sound", als eine angenehme Mixtur aus Authentizität und Ruhe. Vor allem aber entsteht dieser Sound, wenn die Bilder in Bezug zueinander gesetzt werden - wie in Schmidts Künstlerbüchern, die er parallel zu seinen Schauen konzipiert. Schmidt setzt weder auf sensationelle Motivik noch auf ästhetische Abstraktion. Er kann sich diesen Verzicht auf gängige fotokünstlerische Qualitäten leisten, denn er beherrscht sämtliche Techniken zur Ästhetisierung im Schlaf.

Am liebsten verzichtet er auf Farbe: Seine Schwarzweißfotografien enthalten so viele Grau-Nuancen, dass sie in Tiefe und Kraft einem Farbbild in nichts nachstehen. In dem Projekt "Lebensmittel" hat Schmidt nun erstmals vereinzelte Farbfotografien angefertigt. Die Attraktivität unserer Esswaren lässt sich eben nicht bloß in Graustufen ausdrücken: Für ein Eigelb braucht es sattes Gelb, für eine Teddywurst ein zartes Rosa.

Michael Schmidts Fotografien werden der Lebensmittelindustrie keinen Stoß versetzen. Doch sie sind dringend notwendig: In Zeiten immer kühneren genetischen Experimenten im Lebensmittelbereich stellen sie den Blick auf die Herkunft unseres Essens scharf.


Michael Schmidt. Lebensmittel, 4.3. bis 13.5.2012 im Museum Morsbroich, Leverkusen; 16.5. bis 26.8.2012 in der Galerie im Taxispalais, Innsbruck; 12.1. bis 1.4.2013 im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

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Seite 1
frigor 03.03.2012
1. Ist natürlich Geschmacksache
Zitat von sysopMichael SchmidtEr gilt als einer der wichtigsten Fotografen weltweit, das New Yorker MoMA würdigte den Deutschen sogar mit einer eigenen Schau. Jetzt zeigt Michael Schmidt erstmals seine Serie "Lebensmittel": 177 Bilder aus den Eingeweiden unserer modernen Ess-Industrie - nie eklig, aber stets verstörend. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,818879,00.html
Aufgrund der gezeigten Bilder kann ich allerdings nicht verstehen, wieso dieser Fotograf einer der wichtigsten weltweit sein soll.
kalma 03.03.2012
2. naja
[...] nie eklig, aber stets verstörend. [...] und langweilig. Ich bin kein Kunstkenner aber als Laie finde ich die Bilder relativ öde.
niska 03.03.2012
3.
Zitat von sysopMichael SchmidtEr gilt als einer der wichtigsten Fotografen weltweit, das New Yorker MoMA würdigte den Deutschen sogar mit einer eigenen Schau. Jetzt zeigt Michael Schmidt erstmals seine Serie "Lebensmittel": 177 Bilder aus den Eingeweiden unserer modernen Ess-Industrie - nie eklig, aber stets verstörend. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,818879,00.html
Dass 'Schmidt jeden anklagenden Gestus vermeidet' mag daran liegen, dass die Fotos einigermassen belanglos sind. Auch den 'besonderen Blick auf die Welt', den man Kunst-Fotografen gerne mal nachsagt, kann ich hier beim besten Willen nicht erkennen.
bundesnetzagent 03.03.2012
4. ???
Zitat von sysopMichael SchmidtEr gilt als einer der wichtigsten Fotografen weltweit, das New Yorker MoMA würdigte den Deutschen sogar mit einer eigenen Schau. Jetzt zeigt Michael Schmidt erstmals seine Serie "Lebensmittel": 177 Bilder aus den Eingeweiden unserer modernen Ess-Industrie - nie eklig, aber stets verstörend. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,818879,00.html
Soll das Kunst sein? Tut mir leid, verstehe ich nicht. Bin zwar Akademiker, aber vielleicht muss ich noch promovieren oder habilitieren, um zu verstehen, warum das Kunst sein soll...
Velbert2 03.03.2012
5. Wichtigkeit ist relativ
Zitat von frigorAufgrund der gezeigten Bilder kann ich allerdings nicht verstehen, wieso dieser Fotograf einer der wichtigsten weltweit sein soll.
Die Wichtigkeit ergibt sich immer aus dem Vergleich mit anderen Fotografen. Vielleicht schiessen andere, ähnliche Fotografen noch unspektakurlärere Bilder als er, so dass er somit einer der wichtigsten Fotografen weltweit ist.
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