Fotograf Miroslav Tichý: Der Frauensammler

Von Karin Schulze

Ein Mann fotografiert Frauen. Junge und alte, im Schwimmbad und beim Schwatzen, über Jahrzehnte lang, ohne sie zu fragen. Und wird als alter Zausel damit zum Kunststar. Warum? Vielleicht weil Miroslav Tichý statt glatter Nimm-mich-Erotik stets das Unperfekte suchte - und seine erste Liebe.

Als seine Fotografien bereits in den eleganten Museen und Galerien der Kunstwelt hingen, sorgfältig gerahmt und bewacht auf makellos weißen Wänden, da hockte ihr Urheber Miroslav Tichý noch immer in einem kleinen, alten, ziemlich verwahrlosten Haus in der Kleinstadt Kyjov im tschechischen Südmähren. Ein alter Mann mit langem Haar und Bart, der von seinem späten Ruhm nichts wissen wollte. Und wenn man ihm Kataloge oder Fotos von seinen Ausstellungseröffnungen zeigte, blinzelte er allenfalls amüsiert, als sei er gefeit davor, auf solche dämlichen Äußerlichkeiten hereinzufallen.

Seine Aufnahmen, damals schon zu Preisen zwischen 6000 und 12.000 Euro gehandelt, schienen ihm selbst wertlos zu sein. Sie lagen auf dem Boden herum, waren in Schränke gestopft oder lehnten gestapelt an den feuchten Wänden seiner Bleibe.

Manchmal stutzte er Abzüge mit schnellen Scherenschnitten zurecht, sagte "Fertig!" und warf sie gleich auf den Boden, wo sie vor Fußtritten, Unrat, Ungeziefer und Schimmel nicht sicher waren. Und manchmal verheizte er sie packenweise, um sich an der Glut die Füße zu wärmen.

Und ewig knipste er das Weib

Dabei hatte er gut dreißig Jahre lang richtig hart an ihnen gearbeitet: "Ich hatte eine Norm. Hundert Fotos am Tag. Wenn ich die Norm erfüllt hatte, habe ich aufgehört", sagte er, als spiele er auf die Zwänge sozialistischer Planwirtschaft an.

Sechs Tage die Woche war er bis zur Dämmerung durch Kyjov gezogen, immer auf der Suche nach - den Frauen. Auf dem Markt, in den Geschäften, beim Schwatz, im Schwimmbad: Sah er eine, die ihm gefiel, folgte er ihr, nahm sie von hinten auf, kreiste sie knipsend ein. Bis eine andere seinen Blick anzog.

Den jungen Mädchen wurde er ein wenig unheimlich. Sonderlich ernst genommen aber hat diese Knipserei kaum jemand. Seine Apparate hatte er selbst gebastelt. Manchmal aus Brillenlinsen, Holzkästen oder Konservendosen. Sie sahen so seltsam aus, dass viele Kyjover glaubten, er fotografiere gar nicht wirklich.

Für die belichteten Filmrollen bastelte er zwar aus Papprollen und Draht kleine Körbe, die er dann an einem Gestell, unter der Zimmerdecke schwebend, aufbewahrte. Wirklich am Herzen aber lagen ihm nur die Bilder, die er nach einem abgebrochenen Kunststudium in den fünfziger und sechziger Jahren gemalt hatte. Sie, für die sich die Kunstwelt bis heute nicht groß interessiert, hielt er für sein eigentliches Werk.

Manchmal wurde er nachts wach und glaubte, jemand habe sie entwendet. Er klopfte dann an die Wand zum Nachbarhaus, und Jana Hebnarová - die Nachbarin, die sich in seinen letzten Lebensjahren um ihn kümmerte - musste im Nachthemd rüberkommen, die Bilder zählen und ihn beruhigen.

2011 starb Tichý im Alter von 84 Jahren. Solange er lebte, hatte vor allem ein Mann dafür gesorgt, dass seine Fotos an die Öffentlichkeit kamen: der Schweizer Psychiater Roman Buxbaum. Er hatte Tichý durch Verwandte in Kyjov kennengelernt und hat seit den achtziger Jahren Hunderte Aufnahmen entweder geschenkt bekommen oder anderweitig erworben.

Nachdem Harald Szeemann, der legendäre Kurator mit dem besonderen Sinn für künstlerische Außenseiter, Tichý 2004 auf der Biennale in Sevilla gezeigt hatte, hatte ein Run auf die seltsamen Frauenablichtungen eingesetzt. Und Buxbaum war durch Leihgaben und Katalogbeiträge immer mehr zum Alleinverwalter der Tichý-Story geworden. Unterdessen allerdings äußerte sich deren Hauptfigur im abgelegenen Kyjov zunehmend kritisch über Buxbaum: "Roman hat mir die Bilder abgenommen." Oder: "Er hat alle meine Fotos genommen."

Dezenter Voyeurismus

Wenn jetzt im Zephyr-Fotoraum der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim die neueste Tichý-Schau startet, dann zeigt Kurator Thomas Schirmböck viele bisher unbekannte und nicht aus Buxbaum-Beständen stammende Fotos. Außerdem versucht er eine unabhängige Annäherung an die Figur des Künstlers: Schirmböck fuhr im vergangenen Jahr wiederholt nach Kyjov und befragte Dutzende Zeitzeugen.

Aus ihren im Katalog abgedruckten Aussagen ergeben sich Korrekturen an der von Buxbaum propagierten Story: Sie zeigen den Fotokünstler, der keiner sein wollte, als weniger absonderlich, weniger isoliert und auch im hohen Alter nicht senil, sondern im regen Kontakt mit befreundeten Intellektuellen und Künstlern.

Warum aber soll seine fotografische Frauensammlung mehr sein als das Zeugnis eines dezenten, aber obsessiven Voyeurismus? Die Aufnahmen sind technisch unperfekt, manchmal mit krakelig gemalten Rahmen versehen, oft fleckig - und doch von hoher ästhetischer Qualität. Über- oder unterbelichtet, verschwommen oder seltsam angeschnitten lassen sie die Körper der Frauen als Schemen, als auratisch fern und unerreichbar erscheinen - als Gegenbilder zur überzeichneten Nimm-mich-Erotik der Gegenwart.

Die Tochter des Chemielehrers

Dazu passt eine reizvolle Vermutung, für die der Mannheimer Katalog Belege anführt: Tichý lebte nie wirklich die Liebe zu einer Frau - bis auf eine Ausnahme. Während des Studiums hatte er eine Beziehung zu der Tochter eines Chemielehrers, die durch den Wegzug der Familie abrupt beendet wurde.

Geschockt hat Tichý damals sein Studium abgebrochen. Und später hat diese Episode womöglich dazu geführt, dass er durch die flüchtigen Bilder der vielen hindurch stets die Erinnerung an die eine Verlorene gesucht hat.


Miroslav Tichý: Stadt der Frauen. 24.2. bis 26.5. im Zephyr-Raum für Fotografie der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. Katalog (Kehrer Verlag) im Museum 24,90 Euro, im Buchhandel 29,90 Euro.

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Akt-Fotos sind doch irgendwie Kunst.
Oelteichscheich 22.02.2013
Zitat von sysopEin Mann fotografiert Frauen. Junge und alte, im Schwimmbad und beim Schwatzen, über Jahrzehnte lang, ohne sie zu fragen. Und wird als alter Zausel damit zum Kunststar. Warum? Vielleicht weil Miroslav Tichý statt glatter Nimm-mich-Erotik stets das Unperfekte suchte - und seine erste Liebe. Fotograf Miroslav Tichy - ein dezenter Voyeur - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotograf-miroslav-tichy-ein-dezenter-voyeur-a-884765.html)
Wieso nicht? Fotomotive für neue Kalender. Es soll so was geben.
2.
rolfmueller 22.02.2013
Ach, im Kapitalismus gibt's keine Zwangsnormen? Da sollte sich die Autorin mal bei Leiharbeitern und anderen prekär Beschäftigten erkundigen. Seit der Agenda 2010 werden sie zu übelsten Arbeiten gezwungen und bekommen, je nach Job, ihren Hungerlohn auch noch gekürzt, wenn sie die vorgegebene Norm nicht erfüllen; Putzhilfen und Zimmermädchen in Hotels etwa, um nur ein Beispiel zu nennen.
3.
gbk666 22.02.2013
Nein..Bilder von Frauen in Schwimmbädern zu machen die nichts davon wussten ist wirklich keine Kunst.
4. Frauen?
spon-facebook-10000191703 22.02.2013
Einige der "Frauen" sehen aber noch sehr jung aus.. Ob mir jemand wohl auch meine "scheue Verehrung für die Frauen" abnimmt, wenn ich heute ungefragt Bikinifotos von Schulmädchen machen würde?
5.
der_diskutant 22.02.2013
Irgendwie gefallen mir die Bilder. Und nicht, weil sie genau so wirken, wie diese Möchtegernlomographie-Bilder von irgendwelchen hippen Smartphonebenutzern, sondern, weil es dem Macher wirklich vollkommen egal war, ob die Bilder irgendwann auf einer Pinnwand landen oder nicht. Er machte keine Kunst um der Kunst willen, sondern machte einfach, wonach ihm war. Und was andere von ihm dachten, war ihm ziemlich egal. Zumindest gewinne ich nach dem Artikel diesen Eindruck. Dadurch wirken seine Bilder einfach herrlich ehrlich!
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