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31. Januar 2013, 07:18 Uhr

Fotoband "Die deutsche Aussicht"

"Der Alltag schafft Gefühle von Heimat"

Wie leben wir? Wie sieht unser Alltag aus? Der Fotograf Oliver Kern ist für "Die deutsche Aussicht" zehn Jahre lang durch die Republik gereist. Im Interview erklärt er, was Rasenmäher mit Heimatgefühlen zu tun haben - und Dörfer mit der deutschen Seele.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kern, in Ihrem neuen Fotozyklus wirkt Deutschland wie ein riesiges Dorf, wir sehen lauter Wiesen, Wälder und Reihenhäuser. Was ist so spannend an der Provinz?

Kern: Das Dorf ist Sinnbild für die Veränderungen in unserem Land - und konkreter Ort, an dem sie besonders hervorstechen. Heutzutage lassen sich deutsche Dörfer kaum noch eindeutig dem Osten oder Westen der Republik zuordnen. Die Fotos könnten überall gemacht worden sein. Und genau das wollte ich zeigen. 23 Jahre nach dem Mauerfall leben die Menschen einen gemeinsamen deutschen Alltag - keinen Ost- oder Westalltag.

SPIEGEL ONLINE: Woher kam der Impuls für die Serie?

Kern: Die ersten Bilder entstanden 2002, als ich meinen Berlin-Zyklus "Die vorläufige Stadt" abschloss. Eines Abends betrachtete ich zwei Fotos, das eine aus der ehemaligen Westzone, das andere aus dem Osten, beide entstanden in der Nähe von Autobahnraststätten. Und ich merkte, dass sich die Orte auf fast unheimliche Art ähnelten. Also bin ich raus aus Berlin und habe nach weiteren Gegenden wie diesen gesucht - bei denen man nicht mehr klar sagen kann, wo sie liegen. Als ich zehn Fotos zusammen hatte, wusste ich: Das wird eine Serie über Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Und Deutschland ist groß. Wie haben Sie die Motive ausgewählt?

Kern: Als ich Berlin verließ, brauchte ich Landeplätze. Orte, wo ich mich einleben und Motive suchen konnte, die der Landschaft gerecht werden. Mein ehemaliger Professor Arno Fischer hat gesagt: "Man kann Zufall nicht steuern, aber man kann oft genug losgehen, bis man den Zufall erlebt." Dafür ist aber Zeit nötig - und Geld. Um möglichst lange an einem Ort zu bleiben, musste ich mich um Stipendien bewerben. So kam ich zum Beispiel nach Sigmaringen in Baden-Württemberg.

SPIEGEL ONLINE: Wie ernüchternd. Sie haben also vom Geld abhängig gemacht, wo Sie hinfahren und was Sie fotografieren?

Kern: Natürlich nicht nur. Am Anfang habe ich mir überlegt, welche Städte ich für so eine Serie zwingend brauche: Köln, Hamburg, Dresden. Manchmal suchte ich mir Anlässe wie den Papstbesuch 2005. Da stand ich auf dem Marienfeld bei Köln und habe mir die Gläubigen angeschaut, ein bewegender Moment. Aber das Foto, das ich vom Papstbesuch mitbrachte, ist "Kerpen-Horrem": Zwei Polizisten stehen auf einer Autobahn-Baustelle und blicken auf den Pilgerstrom.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch kaum Wahrzeichen fotografiert. Von Frankfurt am Main zeigen Sie statt der Bankentürme eine Wiese.

Kern: Anfangs habe ich dort tatsächlich auf die Skyline geschaut. Ich dachte, ich brauche dieses Motiv. Dann drehte ich mich um und sah hinter mir ein Feld, an dessen Rand eine Gruppe Menschen aus ihren Autos gestiegen war. Und ich merkte: Das ist es. Als ich später die Foto-Kontakte durchging - ich arbeite analog - war klar: Ich brauche die Skyline nicht. Es geht ja nicht um Frankfurt, sondern um die Menschen und die Frage: Was tun die da eigentlich, hier in unserem Land?

SPIEGEL ONLINE: Banale Dinge, zumindest auf Ihren Bildern: Die Menschen mähen Rasen, zupfen sich Fussel vom Mantel oder essen Eis. Was fasziniert Sie daran?

Kern: Mich interessiert einfach, wie die Menschen leben. Natürlich kann man zum Thema Deutschland einen anderen Zugang wählen und beispielsweise in der Hauptstadt Politiker fotografieren. Aber ich wollte Alltag zeigen - und wie der Alltag Gefühle von Heimat schafft.

SPIEGEL ONLINE: Die Suche nach Heimat ist eine Idee der Romantik. Caspar David Friedrich hat sie in Gemälden wie "Der Wanderer über dem Nebelmeer" festgehalten. Hat Sie dieses Erbe beeinflusst?

Kern: Ich habe versucht, die Perspektive umzudrehen. Wenn Sie sich mein Bild "Stuttgart - Fasanenhof" anschauen, sehen Sie - wie bei vielen Gemälden von Friedrich - eine Figur, die mit dem Rücken zum Betrachter steht. Doch bei mir schaut der Mann nicht in die Ferne auf die Schöpfung Gottes, sondern auf ein Hochhaus. Bei mir blicken die Menschen auf eine umgestaltete Landschaft.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Kern: Wenn man heute durch Deutschland fährt, fallen einem überall Gebäude auf, die vor kurzem noch nicht da standen. Unsere Landschaft ist keine Naturlandschaft mehr, sondern eine Kulturlandschaft - sie wird permanent umgestaltet. Das gilt gerade für Ostdeutschland.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl die Wiedervereinigung ja offensichtlich eine große Rolle in Ihrer Serie spielt, wirken Ihre Bilder seltsam geschichtslos, es fehlen auch historische Symbolmotive. Warum?

Kern: Die deutsche Geschichte taucht schon auf, aber eben oft verschlüsselt. In "Köln" sieht man den Dom weit im Hintergrund. In "Schwerin" habe ich die letzte stehende Lenin-Statue des Ortes fotografiert. Die historische Komponente findet sich in der Subzeile, man muss nur genau genug hinsehen.

SPIEGEL ONLINE: Das gilt auch für Ihre Berlinbilder. Sie wohnen seit 1998 dort und haben der Stadt bereits zwei Zyklen gewidmet. Warum ist sie auch in Ihrer neuen Serie so oft zu sehen?

Kern: Berlin ist ja nicht nur die deutsche Hauptstadt, sondern vor allem der Schnittpunkt zwischen Ost und West - für meinen Ansatz also ideal. Und gleichzeitig gibt es diese ländliche Struktur: Mitte, Zehlendorf, Friedrichshain - viele Kieze haben etwas Dörfliches, ganz Berlin ist ja eigentlich ein Dorf. Das ist mir aber erst bewusst geworden, als ich mit "Die deutsche Aussicht" begann.

SPIEGEL ONLINE: Warum dauerte die Arbeit an der Serie eigentlich so lange - zehn Jahre?

Kern: Das Thema ist so groß, ich wollte ihm genügend Zeit einräumen. Vor allem, um eine gute Auswahl treffen zu können, es ist ja viel mehr Material entstanden, als ich veröffentlicht habe. Der Landschaftsaspekt war mir dabei sehr wichtig, viele Bilder wecken beim Betrachter Heimatgefühle, viele Menschen können sich identifizieren: "Kenne ich - die Erde, die Leute, die da arbeiten, dieses Alltägliche."

SPIEGEL ONLINE: Und Sie? Können Sie sich mit der Heimat identifizieren?

Kern: Ich bin auf dem Scheidterberg in Saarbrücken groß geworden, das ist quasi ein Dorf. Dennoch hatte ich nie richtige Heimatgefühle, weil ich kein saarländisches Platt spreche. Und wenn Sie auf dem Land groß werden und kein Platt können, ist das ein Hindernis.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn durch Ihre Arbeit so etwas wie Heimat gefunden?

Kern: Als Fotograf tendiere ich ja ohnehin nicht zu einem starken Heimatgefühl, das wäre sogar hinderlich. Ich brauche Distanz, bei mir zählt die Betrachtung des Ganzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Bilder auch außerhalb Deutschlands gezeigt. Wie fielen die Reaktionen aus?

Kern: Die gesamte deutsche Geschichte schwingt immer mit, besonders bei meinem Thema. In Teheran oder Warschau habe ich also in Vorträgen erläutert, dass es mir nur um die letzten zehn Jahre ging, um das Zusammenwachsen von Osten und Westen. Und ich betone, dass ich als Künstler auf mein Land blicke, nicht als Historiker.

Das Interview führte Simon Broll

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