Fotograf Pierre Winther: "Jeder weiß sofort, was ein nacktes Model soll"

Düster, bizarr, nicht von dieser Welt - so wirken die Aufnahmen von Pierre Winther, einem der populärsten Werbefotografen der Welt. Im Seen.by-Interview spricht der Künstler über Ausritte auf Haien, rassistische Osterparaden und allzu offensichtliche Motive.

Frage: Herr Winther, Ihre Bilder erinnern an Filmsequenzen. Wie wichtig sind Ihnen Filme?

Winther: Ich gehe gern ins Kino und habe selbst etliche Musikvideos und Kurzfilme gedreht. Bei einem Film ist mir eine gute Story wichtig. Die Bilder müssen etwas erzählen, den Plot der Geschichte unterstützen. Außerdem mag ich Filme mit viel schwarzem Humor. Den benutze ich auch in meinen Bildern. Mir macht es Spaß, eine neue Wirklichkeit mit phantastischen Elementen zu schaffen. Ich mag diese verzerrte, fast schon surreale Wirkung. Jedes meiner Bilder erhält einen Filmtitel, weil ich die Szenen, die ich schieße, wie einen Filmausschnitt betrachte. Man muss sich das so vorstellen: Im Bild finden zwei Drittel der Handlung statt. Der Rest soll im Kopf des Betrachters ablaufen.

Frage: Welche Filme haben für Sie Vorbildcharakter?

Winther: Ich bin ein Entertainer, der zum Nachdenken anregen will. Die Leute sollten aus dem Kino gehen und etwas mitnehmen. Ich finde wendungsreiche, intelligente Plots wie der von "Die üblichen Verdächtigen" gut. Man weiß nie genau, was tatsächlich passiert ist. Erst zum Schluss löst sich das Rätsel auf. Oder der erste "Matrix"-Film. Er brachte mich dazu, mir Gedanken über die digitale Welt und ihre Folgen zu machen. Ich mag auch Regisseure wie Robert Rodriguez. Ich liebe es, wie er in Filmen wie "Sin City" Atmosphäre und Gefühle erzeugt.

Frage: Ihre Werkschau lief unter dem Titel "Nothing Beats Reality". Ist das ein Statement?

Winther: Egal, was man sich ausdenkt oder welche Idee man für einen Film oder ein Bild hat - nichts schlägt die wirkliche Welt. Irgendwo da draußen passiert gerade etwas, das viel aufregender und verrückter ist, als es jede Vorstellung zulässt. Deshalb hole ich mir meine Ideen aus der Realität, etwa aus Polizeiberichten. Meine Bilder entstehen ebenfalls an echten Schauplätzen. Die Aufnahme von "Shark Riding" beispielsweise wurde in Australien unter Wasser fotografiert. Ich ließ einen Stuntman auf einem leicht betäubten Hai reiten.

Frage: Wo finden Sie Ihre Darsteller?

Winther: Ich hole mir die Leute von der Straße. Die lade ich dann zu einem Treffen ein. Was ich wirklich an diesen Menschen mag ist, dass sie nicht wissen, wie man sich vor der Kamera verhält. Es ist interessant zu sehen, wie übertrieben sie spielen.

Frage: Warum sind Ihre Aufnahmen größtenteils in Los Angeles entstanden?

Winther: Man kann hier ohne Problem alles besorgen, was man für seine Arbeit braucht: Spezialisten, Kostüme, Kulissen. Alles ist hier aufs Produzieren ausgerichtet, jeder ist außergewöhnlich professionell. Eine Produktion in L.A. läuft wie eine gut geölte Maschine. Du kriegst wirklich alles - sogar Filmstudios. Wir mieteten für den "Holiday on Earth"-Shoot das gesamte Universal-Studio und bauten dort eine richtige Stadt auf. Dafür liebe ich Los Angeles. So einen Ort findet man in ganz Europa nicht.

Frage: Warum wirken Ihre Bilder oft hart und düster, fast schon brutal?

Winther: Das ist einfach meine Vorstellung von Bildergeschichten. Ich hatte keine schlechte Kindheit. Ich war auch nie im Knast. Meine Bilderwelt hat nicht unbedingt etwas mit meinem Charakter zu tun. Jeder weiß sofort, was ein Fotograf mit einem nackten Model bezweckt. Ich mag diesen dämlichen Kram nicht. Ich will, dass die Leute nachdenken. Ich habe vor einiger Zeit eine Serie in Sevilla gemacht, die hieß "This is Not America". Jeder dachte, es sei über den Ku-Klux-Clan. In Wirklichkeit ging es um die Osterparade im Süden Spaniens, die es seit dem 13. Jahrhundert gibt. Ich wollte damit den Leuten nur klarmachen: Ihr kennt die Geschichte nicht. Das gab es schon zweihundert Jahre, bevor Kolumbus überhaupt Amerika entdeckt hatte.

Frage: Wann und wo begann Ihr Weg als Fotograf?

Winther: An einem Tag im Winter 1982 ging ich mit meinem Hund spazieren und ich sah diese wunderbaren tiefen Schatten, die die Sonne in dieser Jahreszeit erzeugt. Ich wollte diesen Moment einfangen und festhalten. Ich ging also in einen Laden und kaufte meinen ersten Fotoapparat. Ich wusste noch nicht einmal, wie das ging. Ich habe nie Fotografie studiert oder als Assistent von jemandem gearbeitet, nie so eine Art Inspiration von einem anderen Fotografen erhalten. Ich bin ein hundertprozentiger Autodidakt, der seinen Stil über die Zeit entwickelt hat.

Das Interview führte Sabine Tropp, seen.by

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Zeitgenössische Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite