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Starfotograf Pieter Hugo: "Ich wollte nie Müllporno-Händler werden"

Hyänen als Haustiere, Weiße mit schwarzen Babys, Relikte eines Völkermords: Der Porträt-Fotograf Pieter Hugo zeigt die vielfältigen Gesichter Afrikas - und ist kurz davor, zu einem Weltstar zu werden.

Fotograf Pieter Hugo: "Hart und zärtlich zugleich" Fotos
Pieter Hugo/ Prestel

SPIEGEL ONLINE: Mr. Hugo, vor einiger Zeit ging ein Foto durch die europäische Presse, das wie aus Kolonialzeiten wirkte: der spanische König Juan Carlos in Jagdkluft in Afrika, mit Gewehr vor einem Elefanten. Haben Sie das mitbekommen?

Hugo: Moment, ich muss das schnell mal googeln. Nein, das Bild habe ich nicht gesehen. Aber interessant ist: Er scheint mehr für den großspurigen Lebensstil kritisiert zu werden, als für die Elefantenjagd.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, wenn es Spaniens Wirtschaft besser ginge, hätte es niemanden gekümmert?

Hugo: Mag sein. Letztlich ist er nur ein Typ, der jagen ging. Völlig egal, ob in Afrika oder in Schweden. In großen Teilen Afrikas werden Elefanten übrigens zum Problem, es gibt zu viele. Das Bild verrät auf alle Fälle, wie man Afrika offenbar wahrnehmen möchte: mit einem idealisierten Blick.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Portraitserien brechen diesen idealisierten Blick. Die Jäger auf Ihren Fotos sind hinter wildem Honig her oder Technologiemüll auf einer Müllhalde in Ghana.

Hugo: Die meisten meiner Arbeiten dokumentieren Machtstrukturen: Egal ob zwischen Mensch und Tier, zwischen entwickelter Welt und Entwicklungsland, das ist wie ein roter Faden.

SPIEGEL ONLINE: Diese Machthierarchien sind Teil des kolonialen Erbes afrikanischer Gesellschaften. Wann war Ihnen klar, dass Sie die zum Thema machen wollen?

Hugo: Das passierte einfach. Ich habe nie beschlossen: So, und jetzt portraitiere ich Afrika. Eher hatte ich das Gefühl, während ich für Magazine oder NGOs fotografierte, dass manche Dinge mehr Aufmerksamkeit verdienten. Ich war Anfang 20, freier Fotojournalist in Kapstadt und hatte Aufträge, die mich quer durch den Kontinent führten.

SPIEGEL ONLINE: Und wann entschieden Sie, mit diesem Brotjob aufzuhören?

Hugo: Das war 2004, als in Südafrika zehn Jahre Demokratie gefeiert wurde, zehn Jahre nach dem Genozid in Ruanda. Ich fand, ich sollte mehr tun, als nur Texte zu bebildern. Ich nahm mir ein paar Monate Zeit, folgte meinem Instinkt und ging nach Ruanda. Dass dort vor allem Landschaftsaufnahmen entstanden, steht für die Abwesenheit der Portraits. Aber ich möchte nicht als afrikanischer Fotograf wahrgenommen werden. Das ist eben zufällig die Welt, in der ich lebe. Wäre ich in Brasilien oder Europa, würde ich ähnliche Bilder machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie können nicht leugnen, dass die koloniale Vergangenheit Ihre Themenwahl prägt.

Hugo: Das stimmt. Als ich die Bilder für das Buch zusammenstellte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie eng ich mit der Topografie hier verbunden bin und wie schwer es ist, sich davon zu distanzieren. Auch wenn ich mir gerne einrede, dass meine Arbeit total persönlich ist.

SPIEGEL ONLINE: Als die Apartheid abgeschafft wurde, waren Sie 18. Finden Sie, es ist Ihre Verantwortung zu zeigen, was daraus wurde?

Hugo: Es liegt eher an meiner Neugier und Wanderlust. Fotografen fühlen sich nun einmal von Dysfunktionalem angezogen, von allem, was kaputt ist. Ich bin da nicht anders. Aber ich wollte nie eine Art Müllporno-Händler werden. Ich will mit dem Thema ringen, keine Lösungen anbieten. Mir ist bewusst, dass der Raum, in dem ich mich bewege, problematisch ist: Ich als weißer Mann, der Teil einer Vergangenheit von Unterdrückung ist, an der Südspitze Afrikas, also dem Ende der Welt. Ich bin Teil eines kolonialen Experiments, das nie erfolgreich war. Aber diese Spannung wird für mich zur Metapher für die menschliche Verfasstheit: Es geht mir um Außenseiter, um Entfremdung.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie jemandem, warum Sie ihn fotografieren möchten?

Hugo: Ich versuche, so direkt wie möglich zu sein. Etwa bei der Technomüll-Deponie in Ghana. Ich ging hin, sagte: Diese Computer sind von uns und du stehst hier, brennst das Kupfer aus den Einzelteilen und lebst auf einem Berg Scheiße. Das ist problematisch. Und deswegen will ich Dich dabei fotografieren - einverstanden?

SPIEGEL ONLINE: Sie lassen diese Welten aufeinanderprallen: Ihre Serien zeigen Schwarze in britischen Richterroben oder Pfadfinderuniformen, sie portraitieren schwarze Albinos. Wie finden Sie Ihre Motive?

Hugo: Wenn man mit offenen Augen herumläuft, sieht man das hier überall. Ich recherchiere nicht, ich stolpere darüber: Die Hyänen-Männer entdeckte ich über ein Bild auf einer Website, "Permanent Error" entstand aus einem Foto, das ich in einer "National Geographic"-Geschichte über globales Recycling sah, die Ruanda-Serie begann mit einem Artikel, den ich im "Economist" las. Ich laufe so gut wie nie irgendwo mit Kamera rum auf Motivsuche. Die ist im Safe und wenn ich ein bestimmtes Bild schießen will, gehe ich zum Safe, mache ihn auf, nehme die Kamera raus und fahre los.

SPIEGEL ONLINE: Sonst ist sie immer im Safe?

Hugo: Honey, das ist Südafrika. Die Versicherung besteht darauf.

SPIEGEL ONLINE: Ihre aktuellste Serie heißt "kin". Mit Fotos Ihrer Großmutter, Ihrer Frau, Ihrer Tochter, aber auch dem alten schwarzen Dienstmädchen Ihrer Großmutter. Was genau ist denn Ihr "kin", Ihre Sippe?

Hugo: Das versuche ich mit der Serie herauszufinden. Und dazu gehört auch die Frage, welche Verantwortung ich gegenüber der Vergangenheit habe. Mary Tlali, das Dienstmädchen, etwa war für mich immer Teil der Familie.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätte Ihre Großmutter ihre Sippe definiert?

Hugo: Ähnlich wie ich. Sie war eine Humanistin, vorurteilsfrei. Sie war nicht provinziell, sie schaute raus in die Welt. Sie sah alle Menschen als gleich an, unabhängig von Klasse und Rasse. Eine sehr inspirierende Persönlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie Ihre Arbeit postkolonial nennen?

Hugo: Natürlich denke ich über solche Begriffe nach, aber ich will sie nicht anerkennen. Sie führen eine Ghettomentalität weiter. Meine Arbeiten sollen ehrlich sein und nicht selbstbezogen in ihrer politischen Korrektheit. Ich finde es sehr problematisch, anderen zu sagen, wie sie etwas wahrnehmen sollen. Denn das ist ganz nah an Propaganda.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen fotografieren Sie Dinge, "die anderen unbequem sind", wie Sie es einmal formulierten?

Hugo: Habe ich das wirklich gesagt? Ich wollte wohl provozieren. Das war schon immer so - ich hörte die "Einstürzenden Neubauten", nicht Britney Spears. Ich mag alles, was mich zum Nachdenken bringt. Und das schlägt sich eben in meiner Arbeit nieder.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also postkoloniale Perspektiven provozieren - welches Ihrer Fotos schafft das am besten?

Hugo: Es gibt ein Bild, das alles zusammenfasst. Ich schicke mal schnell den Link.

SPIEGEL ONLINE: Ein offensichtlich ärmeres, weißes Paar mit einem schwarzen Kleinkind auf dem Schoß.

Hugo: Das Bild zeigt meine Weltsicht: Die Welt kann hart sein. Und zärtlich zugleich.

Die Ausstellung "This Must Be The Place" ist ab dem 8. Juni in Lausanne zu sehen.

Das Interview führte Anne Haeming

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
sverris 28.05.2012
"ist kurz davor, zu einem Weltstar zu werden." Wieso? Für ein paar Fotos? Unseren täglichen Star gib uns heute? Wann hört dieser Star-Quatsch eigentlich auf? Entweder sind die Fotos gut oder minder. Warum muss da gleich wieder die Glamourschwachsinn darumhin gekleistert werden?
2.
timfrei 28.05.2012
Hugo: „Mag sein. Letztlich ist er nur ein Typ, der jagen ging. Völlig egal, ob in Afrika oder in Schweden. In großen Teilen Afrikas werden Elefanten übrigens zum Problem, es gibt zu viele“. Hugo sollte mal recherchieren warum es „zu viele Elefanten“ gibt. Liegt es evtl. daran, dass es zuwenige Jäger und/oder Wilderer gibt oder liegt es daran, dass der Mensch das natürliche Gleichgewicht nachhaltig stört???
3.
emefer 28.05.2012
"Aber interessant ist: Er scheint mehr für den großspurigen Lebensstil kritisiert zu werden, als für die Elefantenjagd." Das ist nicht ganz richtig. Die Kritik hier in Spanien richtete sich nicht nur gegen die Kosten der Reise (und des Unterhalts einer Königsfamilie überhaupt), sowie auch gegen die Schwäche Herrn Borbóns für die Großwildjagd.
4. Weltstar
730andmore 28.05.2012
Mich interessier es wieder mal, wer hinter dieser Kampagne steckt. Es gibt so viel begabte Fotografen auf dieser Welt, mir scheint, dieser Herr hat nicht einmal eine Ahnung wie seine Fotos entstehen, von Depth of Field noch nie was gehört. Lese aber gerne die Kritik an meinen Pics www.730andmore.com:-)
5. Zu viele Elefanten
spiekla 29.05.2012
Zitat von timfreiHugo: „Mag sein. Letztlich ist er nur ein Typ, der jagen ging. Völlig egal, ob in Afrika oder in Schweden. In großen Teilen Afrikas werden Elefanten übrigens zum Problem, es gibt zu viele“. Hugo sollte mal recherchieren warum es „zu viele Elefanten“ gibt. Liegt es evtl. daran, dass es zuwenige Jäger und/oder Wilderer gibt oder liegt es daran, dass der Mensch das natürliche Gleichgewicht nachhaltig stört???
stimmt in Relation zu jener Fläche, die für sie übrigbleibt. Was aber meinen Sie mit "natürlichem Gleichgewicht?" Die Ausbreitung des Menschen ist natürlich. Wenn sie uns für zu viele halten, entfernen sie sich. Anderenfalls werde ich den Verdacht nicht los, dass unsere Überbevölkerung als Argument für Weltverbesserer herhalten muß, uns zu ändern - und zwar in jene Richting die sie als richtig "erkannt" haben.
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Zur Person
  • Pieter Hugo/ Prestel
    Pieter Hugo geboren 1976, lebt als Fotograf in Kapstadt. Er begann seine Karriere als Bildreporter. Bekannt wurde er unter anderem mit "Permanent Error", einer Serie über Kinder, die auf Müllkippen in Ghana Technoschrott ausschlachten.
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