Fotograf Riebesehl gestorben Der Mann, der Kühe sprechen ließ

Er galt als einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Nachkriegsfotografie, mit Serien über norddeutsche Landschaften und einem Foto von Joseph Beuys mit blutiger Nase wurde Heinrich Riebesehl berühmt. Jetzt ist der Künstler im Alter von 72 Jahren gestorben.

DPA

Eine Kuhweide, Verkehrsschilder an einem Bahnübergang, ein einsamer Traktor auf dem Feld: die bekanntesten Bilderserien des am Sonntag verstorbenen Fotografen Heinrich Riebesehl zeigen meist ganz alltägliche Ansichten, an denen achtlos vorübergeht, wer keinen Blick für das Besondere im Bekannten hat.

Riebesehl ging nicht vorüber, er blieb stehen, sah genau hin, wählte Ausschnitt und Perspektive - und drückte auf den Auslöser. Auf diese Weise entstanden Aufnahmen, die auf den ersten Blick vertraut wirken, auf den zweiten Blick und in der Reihe betrachtet jedoch irritierend, weil hyperrealistisch, detailreich und einem klaren Konzept folgend. Für seine Serie über "Menschen im Fahrstuhl" (1969) erhielt er internationale Aufmerksamkeit, mit der Serie "Agrarlandschaften" (entstanden 1976 bis 1979) wurde er berühmt. Schon zu Lebzeiten galt Riebesehl als einer der wichtigsten deutschen Lichtbildkünstler.

Geboren 1938 in Lathen an der Ems machte Riebesehl während seiner Ausbildung zum Drogisten 1955 erste Bekanntschaft mit der Fotografie. 1963 begann er eine Ausbildung bei dem einflussreichen Fotografen Otto Steinert; in dieser Zeit entstanden erste Serien über "Lokomotiven" und "Happenings", aus letzterer stammt sein wohl bekanntestes Einzelbild: Joseph Beuys mit blutig geschlagener Nase. Später folgte die Portraitserie "Gesichter" (1967 bis 1969) und "Menschen im Fahrstuhl", die Riebesehl an nur einem einzigen Tag, dem 20. November 1969, mit versteckter Kamera aufnahm. Seine Fahrstuhlmitfahrer ahnten nicht, dass sie gerade zum Teil eines Kunstwerks wurden - und es ist diese selbstvergessene Ahnungslosigkeit, die den Reiz der Bilder ausmacht.

Mit seinen "Agrarlandschaften" und der Serie über "Gewerbebauten" wurde Riebesehl zum Chronisten der norddeutschen Landschaft. Drei Jahre lang reiste er durch Niedersachsen und dokumentierte die vom Menschen zur Arbeitsfläche umgestaltete Natur. "Über die Dinge und nicht mit den Dingen Bilder machen", beschrieb Riebesehl selbst seinen Fotografiestil.

Heinrich Riebesehl gab ab 1984 sein Wissen über Fotokunst als Hochschullehrer an der Fachhochschule Hannover an die nächste Fotografen-Generation weiter, bis er sich 1997 zurückzog. Er ist für sein Werk vielfach ausgezeichnet worden, zuletzt im vergangenen Jahr mit dem Niedersächsischen Staatspreis. Das Hannoveraner Sprengel-Museum beherbergt sein Archiv, die Berliner Galerie Kicken vertritt ihn auf dem Kunstmarkt.

Im Alter litt Heinrich Riebesehl an der Parkinson-Krankheit. Am Sonntag ist er im Alter von 72 Jahren gestorben.

kuz/APD



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