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19. Februar 2013, 08:44 Uhr

Apartheid-Ausstellung

Die Bürokraten des Rassismus

Von Lena Reich

"Nur für Weiße" warnten Schilder an südafrikanischen Parkbänken. Heute sind sie Museumsstücke. Die Münchner Schau "Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens" erinnert an das System der Ungerechtigkeit.

Ob in Pretoria oder Kapstadt, es gab sie seit 1948 überall, die gelben Schilder, die die ursprüngliche Bevölkerung für unerwünscht erklärten: "Nur für Weiße" stand auf Bänken und an Toiletten. Es kam auf die Hautfarbe an, mit welchen Bussen man fahren, in welchen Supermärkten man einkaufen durfte. Auch durch Schulen und Kindergärten ging der Riss. Auf Afrikaans und Englisch regelten die Schilder das öffentliche Leben der Südafrikaner.

Mittlerweile sind sie Museumsstücke und gehören zu den mehr als 600 Dokumenten, die jetzt im Münchner Haus der Kunst zu sehen sind. "Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens" präsentiert vor allem Bilder südafrikanischer Fotografen, die zeigen, wie sehr sich der Rassismus per Gesetz auch im visuellen Gedächtnis verankert hat. Die historischen Aufnahmen erzählen auch von dem Kampf um Menschenrechte.

Dass die Fotografie bereits ab den frühen Fünfzigern als politisches Instrument verstanden wurde, zeigt etwa ein Bild des deutschen Südafrikaners Jürgen Schadeberg: 1952 hielt er die Verhaftung von 29 Frauen der ANC Women's League fest. Sie hatten dagegen demonstriert, dass man für das Betreten von Townships Passierscheine brauchte: Zwischen den verärgerten Gesichtern der Weißen und einigen schwarzen Frauen steht aufrecht ein weißer Mann mit Offiziersmütze. Ein großer schwarzer Mann mit elegantem Hut steht ihm gegenüber. Deutlich ist hier die Bürokratie der Apartheid herausgearbeitet, die diesem autoritären System Pate stand. Auf der Grundlage von "Einwohnergesetzen" aus dem Jahre 1936 trieben die burischen Nationalisten die Rassentrennung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs massiv voran - der allgegenwärtige Rassismus im heutigen Südafrika ist ein Erbe der britischen und niederländischen Kolonialmächte. Auch die in Deutschland umstrittene Residenzpflicht ist nichts anderes als ein Kolonialgesetz.

Nelson Mandela mit traditioneller Perlenkette

Fotografien von Protesten - sowohl von Weißen als auch von Schwarzen -, ziehen sich durch die Ausstellung wie ein roter Faden. Seit den sechziger Jahren sind sie fester Bestandteil der südafrikanischen Kultur - ebenso wie sich in Trance Tanzende, Jazzer oder rauchende, Karten spielende Alte, die im Stile klassischer Küchenbilder daherkommen.

Wie kein anderer steht Nelson Mandela für den Kampf um die Gleichberechtigung. Ein Porträt zeigt ihn als jungen Mann mit Oberlippenbärtchen, traditioneller Perlenkette und einem Betttuch, das seinen muskulösen Oberkörper bedeckt. Das Bild entstand 1961, kurz bevor sich Mandela der Untergrundbewegung "Umkhonto we Sizwe" (auf Deutsch: Speer der Nation) anschloss. Trotz seiner pazifistischen Überzeugung rief er zum bewaffneten Widerstand auf. Nach dem Massaker von Sharpeville 1960, bei dem 69 Demonstranten durch die Polizei ums Leben kamen, verübte er Anschläge auf Passstationen und andere öffentliche Orte. Das Porträt erinnert an einen archaischen Krieger. 1964 wurde Mandela im Rivonia-Prozess zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Dass es sich um ein Medienereignis gehandelt haben muss, veranschaulichen die Fotografien von Alf Kumalo. Polizisten riegeln den Justizpalast in Pretoria vor Demonstranten ab. Vor einer Gruppe älterer weißer Herren steht seine damalige Ehefrau Winnie Mandela mit zusammengepressten Lippen und hebt entschlossen die rechte Faust.

Bilder von Streikenden während der Fußball-WM

Als Zeichen der Freiheitsbewegung hatte sich die Faust weltweit eingeprägt. Die Fotografien belegen, wie aus der solidarischen "Thumbs up"-Geste der friedlichen Protestbewegung die geballte Hand wurde. Bei den Massenbeerdigungen ist sie besonders häufig zu sehen - als ein Zeichen der Trauer und Identität. Die südafrikanische Fotografin Jodi Bieber, deren Porträt einer Frau mit abgeschnittener Nase vor zweieinhalb Jahren auf dem Cover des "Time"-Magazins Aufsehen erregte, zeigt, wie die Gewalt nach der Entlassung Mandelas 1990 eskaliert: Ein Mob schwarzer junger Männer protestiert aufgebracht. Einer hat sich mit einem Stein bewaffnet. Rechte Parteien versuchten, die Abschaffung der Apartheid zu verhindern und ließen politische Gegner wie den Kommunistenführer Chris Hani ermorden; 1994 rief Mandela als erster schwarzer Präsident Südafrikas die "Regenbogennation" aus.

Es ist eine gewaltige Bilderflut, die sich im Haus der Kunst in München über den Besucher ergießt. Dabei eröffnet die Frage nach der Fotografie als "Waffe des Widerstandes" auch immer die nach der Perspektive. Und so mag man sich zuletzt an die Eröffnung der letzten Fußballweltmeisterschaft in Soweto erinnern. Bilder von Streikenden vor dem Stadion wurden von den meisten Medien elegant übergangen. Auch Stadionordner traten in den Ausstand, weil sie zu wenig oder gar nicht bezahlt wurden. Die Apartheid ist abgeschafft. Nun dominiert die Kluft zwischen Arm und Reich den Alltag. Auch sie betrifft alle.


"Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens". Haus der Kunst, München, 15.2.-26.5.

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