Fotografie-Ausstellung: Ein Tanz mit der Kamera

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Die eine Fotografin hat ihre Motive immer nur beobachtet, die andere hat sie inszeniert: Susanne Schapowalow, 87, und Esther Haase, 42. Eine Berliner Galerie lässt zwei Generationen aufeinander prallen – und mit ihnen zwei Fotowelten.

Berlin, Kantstraße, zweiter Hof: die Galerie Camera Work, Ausstellungsort einiger der berühmtesten Fotografen der Welt. Betreiber ist die "Camera Work GmbH", eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der "Camera Work AG". Die börsennotierte Aktiengesellschaft verfügt über eine große Vintage-Sammlung von Fotografen wie Diane Arbus, Man Ray, Richard Avedon, Irving Penn und Helmut Newton. Fotografie schreibt sie mit "ph".

In einer neuen Ausstellung, die am Freitag beginnt, treffen nun nicht nur zwei Generationen aufeinander, nicht nur das Zeitgenössische und eine vergangene Avantgarde, nicht nur unterschiedliche Genres – es sind zwei Welten: jene der "Mode-, Werbe- und Starfotografin" Esther Haase, 42, und jene der Porträtfotografin Susanne Schapowalow, 87.

Die eine Welt wird inszeniert, mit ausgeklügeltem Licht beleuchtet, mit allen modernen Methoden nachbearbeitet. Es werden "locations" gewählt, es wird gecastet, gebucht, gestylt. Am liebsten, sagt Ester Haase, arbeite sie mit "starken Persönlichkeiten und mit Models, die Spaß an der Inszenierung vor der Kamera haben", und dass "erotische Anziehungskraft mehr braucht als oberflächliche Schönheit".

Die andere Welt ist eine vergangene: Es wird beobachtet und respektiert, nichts wird geschönt, sondern wahrheitsgemäß von der Kamera festgehalten. Und es gibt außer der Fotografin niemanden, der die Motive auswählt und die Arbeit organisiert.

"Ich hatte mehrmals das Glück", sagt Susanne Schapowalow, "zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein." Ausschließlich Glück war das nicht. Schapowalow wusste, was sie wollte, nämlich Fotos machen, "die andere nicht machen konnten". Porträts von Schriftstellern und Musikern zum Beispiel. Sie wollte die Atmosphäre bei den Konzerten wiedergeben, intime Augenblicke hinter der Bühne festhalten, nervöse oder konzentrierte vor dem Auftritt, enthusiastische oder abgekämpft glückliche danach.

Es gab keine Agenten und keine Agenturen. "Zuerst öffnete eine Schachtel Zigaretten pro Monat für den Hausmeister alle Türen zu den Proben", sagt Schapowalow, und "nach den ersten Aufnahmen lief alles wie von selbst". Später freundete sie sich mit Duke Ellington an, das habe ihr viele Türen zu dessen Kollegen geöffnet und sicher auch den Zugang hinter die Bühne.

Bei einem Konzert von Sarah Vaughn 1954 fotografiert sie die Musiker scherenschnittartig in den Saal hinein gegen das Licht, neben Nina Simone oder Louis Armstrong scheint sie seitlich auf der Bühne zu stehen. Die ganze Konzertatmosphäre fängt sie mit ihren Aufnahmen ein, weil sie auch das Publikum einbezieht. Aber auch Porträts von großer Nähe, wie sie heute undenkbar wäre, hat Schapowalow fotografiert, von Ella Fitzgerald über Chet Baker und Eartha Kitt bis zu Quincy Jones, den sie auf einer Tournee durch Europa und Amerika begleitete.

Außer fast allen berühmten Jazzmusikern porträtierte sie auch Literaten, 1954 zum Beispiel Gottfried Benn. "Ich hatte ein Telegramm an den Doktor geschickt und ihn ganz einfach gefragt, ob ich ihn fotografieren dürfte." Sie durfte. Unter der Bedingung, pünktlich in seiner Berliner Wohnung in der Bozener Straße zu erscheinen. Und weil die Wohnung "ziemlich schmucklos" war, bat sie Benn, ein zufällig herumliegendes Kaleidoskop, ein Kinderspielzeug, in die Hand zu nehmen. Eine gute Stunde Arbeit, "in der Herr Benn so gar nicht auf Positur bedacht war". Und als Ergebnis Fotos von ihm vor einem Bücherstapel mit Kaleidoskop vor dem rechten Auge und Zigarette in der gleichen Hand. Auch Ernst Rowohlt raucht Zigarre vor einem Bücherregal, Igor Stravinsky liest, als sei keine Kamera auf ihn gerichtet, nur Albert Schweizer posiert sinnend, mit der Hand den Kopf stützend, für die junge Fotografin.

Esther Haase, 1966 in Bremen geborene Hamburgerin, zeigt bei Camera Work Bilder vom Tangotanz, die sie auf Kuba und in Argentinien aufgenommen hat. Inszeniert sind ihre Bilder, "aber die Emotionen sind echt", sagt sie, und wenn das überhaupt jemand beurteilen kann, dann sie.

Denn Haase ist ausgebildete Balletttänzerin. Drei Jahre hat sie am Goethe-Theater in Bremen getanzt, ab 1988 studierte sie an der Hochschule für Künste in Bremen Fotografie. "Einfach so" hat sie damals ihren Beruf nicht an den Nagel gehängt, "ich mache das immer noch, was ich auch während meiner Zeit als Balletttänzerin getan habe, ich tanze. Nur tue ich das jetzt mit der Kamera", sagt Haase. Tanz sieht sie als "unmittelbares und intimstes Ausdrucksmittel". In ihren Bildern gehe es ihr nicht um die akrobatische Leistung, sondern "um die Leidenschaft, das Verlangen, die Freiheit, die Erotik und die Hingabe der Körper für die Dauer eines Tanzes".

Models und Tänzer sind ihre Protagonisten, die Posen sitzen perfekt. Paare erotisch aneinandergelehnt, allein auf der Tanzfläche in alten Cafés, oder flirtend "Behind the Scenes". Porträts von Tänzerinnen, das eines Musikers, oder kindliche Bewerber bei einem Casting, posierend mit Namensschildern in der Hand. Mädchen in knappen Bodys in den Toilettenräumen von "Catedral" in Buenos Aires und Solistinnen, die in ausladender Drehung ihre schönen Roben um sich rotieren lassen. "Mir geht es immer um Bewegung, auch wenn alle meine Bilder inszeniert sind", sagt Haase.

Professionell ist sie und erfolgreich, ausgezeichnet vom Art Director's Club und mit dem Reinhard-Wolf-Preis.

Schapowalow hingegen hat keine Preise bekommen. Ende der sechziger Jahre hörte sie auf, als professionelle Fotografin zu arbeiten und gründete in Hamburg die "Bildagentur Susanne Schapowalow". Ihr eigenes Archiv ist noch nicht ganz erschlossen.


Ausstellung "Esther Haase / Susanne Schapowalow". 24.1.–28.2.2009. CAMERA WORK, Berlin, Tel. 030/310 07 73.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. Unbewusste Wertung?
hajoschneider 20.01.2009
Warum nur 2 Schapowalow-Fotos und 5 von Haase?
2. Na ja.
lucar 22.01.2009
Sachen wie "Ich hatte mehrmals das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein" oder auch die Story mit den Hausmeistern und den Zigaretten ziehen sich durch fast jeden Artikel über die Schapowalow. Und wurden auch vom Spiegel nahezu wortwörtlich übernommen. Ebenso, dass sie "Fotos machen" wollte, "die andere nicht machen konnten" - oder "nichts wird geschönt, sondern wahrheitsgemäß von der Kamera festgehalten". Subjektiv betrachtet sind Schapowalows Konzertfotos sicher von hoher Qualität und Faszination, doch das sind viele andere Konzertfotos mehr oder weniger namhafter Fotografen auch. Wobei ein Teil der Faszination derartiger und ähnlicher Fotos auch in der (dokumentarischen) Schwarzweiß-Technik begründet ist und in eben den berühmten Persönlichkeiten. Das "nichts geschönt" wurde, mag ich bezweifeln. Bei derart starken Kontrasten wie bei dem Foto von Louis Armstrong war fast immer eine Laborbearbeitung (abwedeln etc.) erforderlich.
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