Fotografie-Ausstellung Nackt, mit gesenktem Kopf

Bittere Realität statt Sensationslust: Der US-Fotograf Jerry Berndt fertigte in den Sechzigern sensible Studien im Rotlichtmilieu an - und fotografierte später die Spielzeugphantasien seiner Tochter. Eine Retrospektive zeigt jetzt sein in Europa weitgehend unbekanntes Werk.


Fünf Plastikpferdchen sind auf dem Foto zu sehen, aufgestellt am Badewannenrand, dazu eine kleine Handbürste mit Plastikbär-Griff. Alles klar zu erkennen, aber unter dem Bild steht in kindlicher Schrift "The Ponies are at the ocean. They are watching the babies swim. Emma". Diese Emma, die hier alles ganz anders sieht und das Dokumentarische der Fotografie mit Phantasie in Frage stellt, ist die Tochter des amerikanischen Fotografen Jerry Berndt, 65, dessen in Europa fast unbekanntes Werk zurzeit in einer Wanderausstellung im Photomuseum Braunschweig gezeigt wird.

Jerry-Berndt-Ausstellung im Museum für Photographie Braunschweig
Jerry Berndt

Jerry-Berndt-Ausstellung im Museum für Photographie Braunschweig

"The Babies" heißt die Serie mit den Kind-Kommentaren, für die Berndt zwischen 1980 und 1992 die komischen, oft skurrilen Spielzeug-Aufbauten seiner Tochter Emma fotografierte. Die war damals zwischen zwei und zwölf Jahre alt, legte ihre Puppen zum Baden ins Waschbecken oder stellte ihre Plastikhasen und Plüschbären auf einem aufgebuddelten Erdboden zu einer Gruppe auf.

Berndt fotografierte diese Arrangements seiner Tochter und ließ Emma die Bilder in ihrer Kinderschrift kommentieren. Und die erklärt zum Beispiel das Hasen-Bären-Foto so: "Smashaba killed a mouse. So the bunnys and the bears are having a furneral. It is sad...". Die Kommentare begleiten jeweils die Fotos, und zusammen gibt beides nicht nur einen Einblick in das private Leben Jerry Berndts und in die Phantasiewelt seiner kleinen Tochter, sondern die Bilder zeigen neben der Vater-Kind-Beziehung das aufmerksame Interesse des Fotografen für seine kleine Mitwirkende.

Berndts Bilder seien "Fotografie als Gefühl" schrieb der Magnum-Fotograf Eugene Richards über seinen Kollegen, "Jerry Berndt geht irgendwo hin und lässt uns spüren, wie es sich dort angefühlt hat, nicht bloß, wie es dort aussah."

Am besten zeigt das Berndts Fotoarbeit "Combat Zone" (Kampfzone), die zwischen 1967-1970 entstand. Berndt hatte den Auftrag bekommen, für ein Forschungsvorhaben am "Harvard Medical School's Laboratory of community Psychiatry" im damaligen Rotlichtviertel Bostons das soziale Miteinander von Prostituierten, Freiern, Zuhältern, Trinkern, Weißen und Schwarzen zu dokumentieren.

Doch Berndt dokumentierte nicht, er fotografierte. In schwarzweißen Sequenzen, fast wie in einem Film, zeigt er das Leben und die Arbeit in den Bars und auf den Straßen des Viertels. Trotz aller Härte sind seine Aufnahmen weder voyeuristisch noch mitleidheischend, weil er sich während der drei Jahre seiner Arbeit in der Halbwelt seiner "Motive" bewegte, die Menschen kennenlernte und ihre bittere Realität ohne Sensationslust abbildete.

So porträtiert er eine Frau mit leerem Blick an einem Kneipenfenster und zeigt deren Einsamkeit genauso wie die Verlorenheit einer anderen an einem Tisch inmitten vieler Gäste. Oder er fotografiert eine mitten im Bild stehende Nackte so, dass deren Körperhaltung und der gesenkte Kopf mehr erzählen als ihre Nacktheit. Ein anderes Foto, auf dem ein weißer einen schwarzen Jungen mit einer Waffe bedroht, zeigt nur ein kindliches Spiel, lässt aber den Betrachter an ganz andere Geschichten denken.

Glatt ist kein einziges Bild von Berndt, manche sind grobkörnig, andere werden intensiver durch Unschärfen wie zum Beispiel das Foto eines sich aneinander klammernden, tanzenden Paares in einer Kneipe, deren andere Gäste zu Statisten verschwimmen.

Nach dieser Serie fotografierte Berndt vier Jahre lang keine Menschen, sondern Gebäude, Fassaden, Geschäftseingänge und Schaufensterauslagen bei Nacht. "Nite Works" nennt er diese merkwürdig dunklen, menschenleeren Stadtansichten aus Amerika und Europa.

Die Retrospektive zeigt außer den großen seriellen Fotogeschichten Bilder von Obdachlosen ("The Homeless", 1984) und frühe Aufnahmen aus den amerikanischen Sechzigern. Seit zehn Jahren lebt Berndt in Paris und arbeitet zum Beispiel an einer "Bar Serie". "Work in progress" steht unter den Aufnahmen, und das heißt, dass es noch viele neue Bilder von Jerry Berndt geben wird.



Ausstellung:
Jerry Berndt. Insight. Bis 2.11., Braunschweig. Museum für Photographie e.V., Tel: 0531/750 00. www.photomuseum.de

Bei C/O Berlin: 13.12.08-15.2.09, www.co-berlin.com

Katalog: Maik Schlüter & Felix Hoffmann (Hrsg.): Jerry Berndt. Insight. Steidl Verlag, 224 Seiten mit 109 schwarz/weiß und 12 farbigen Abb.; 35 Euro.



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