Fotografie Die Glitzer-Offensive

Deprimierende Hochhaussiedlungen, schäbiger Teenie-Sex im Gebüsch ­ solche dokumentarisch anmutenden Fotos bestimmten die Ästhetik der vergangenen Jahre. Doch mit dieser Alltagstristesse ist es vorbei: Kunst- und Modefotografie haben den Glamour wiederentdeckt.

Von und Marianne Wellershoff


Sisley-Werbung von Terry Richardson: Als authentisches Abbild der Jugend gefeiert

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ohl eher wären Cowboystiefel, Baumwollhemd und Jeans für diese Wüstenlandschaft die passenden Klamotten. Aber so, wie das Model im transparenten roten Abendkleid im Gegenlicht des Sonnenuntergangs vor einer fernen Bergkette posiert, scheint es gerade von einer Dinnerparty zu kommen, die an einem etwas befremdlichen Ort stattfindet. Das Mädchen ist so makellos geschminkt, dass es wie ein höheres Wesen aussieht.

Das elegant inszenierte Bild ist ein Anzeigenmotiv von Hugo Boss ­ früher warb die Firma mit magersüchtigen Unglücksraben, die aussahen, als würden sie sich gleich den nächsten Schuss setzen. Die neue Kampagne demonstriert eine radikale Abkehr von der Ästhetik der vergangenen zehn Jahre: Nach dem so genannten Destroyed Look, der Pickel, Dreck und Hässlichkeit feierte, hat die Modefotografie den Glamour wiederentdeckt.

Der Däne Sølve Sundsbø poliert seine Models digital so auf, dass ein roter Anzug surreal glänzt oder gleich der ganze Körper glatt und perfekt wirkt. Oder das Londoner Fotografen-Team Mert Alas und Marcus Piggott, das auch für Boss arbeitet ­ es hüllt für das Cover der Modezeitschrift "Numéro" eine halb nackte Kate Moss in wehenden schwarzen Chiffon. Weil diese beiden die neue Makellosigkeit wirklich makellos inszenieren können, gehören sie zu den Shooting-Stars der Szene.

Dokumentiert wird die überraschende Trendwende durch die Ausstellung "Archäologie der Eleganz" in den Hamburger Deichtorhallen, die Ende dieses Monats eröffnet wird. Sie zeigt Bilder der einflussreichsten Modefotografen der vergangenen 20 Jahre, und sie belegt gleichzeitig, wie schnell dieses Genre auf soziale, politische und kulturelle Veränderungen reagiert: War in Zeiten des Börsenbooms der neunziger Jahre die Trash-Ästhetik das raue, aggressive Gegenprogramm zum geldberauschten Mainstream, so kompensieren die neueren Bilder die deprimierende Phase der Rezession durch eine extrem künstliche und glamouröse Idealwelt.

Trendsetter Tillmans: Tausendfach kopiert
DPA

Trendsetter Tillmans: Tausendfach kopiert

Erfunden wurde die bislang dominierende Schnappschuss-Stilistik vor allem von dem heute in London lebenden deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans. Er zeigte in den neunziger Jahren seine verschwitzten Freunde beim Tanzen, Herumalbern und Biertrinken, beim schnellen Sex, auf ihren Partys ­ und er lichtete ihre Wohnungen am Morgen danach ab: Verdreckte Küchen, in denen Bierdosen neben Papptellern auf einem Teppich aus Krümeln lagen. Doch die Fotos waren mehr als eine Abbildung von Rave-Kultur und Grunge: Sie beschäftigten sich mit komplexen sozialen Themen wie Drogenabhängigkeit oder Homosexualität.

Seine Bilder verstand Tillmans als Kunst, auch wenn sie meist als Modestrecken in Zeitgeist-Magazinen wie "The Face" oder "I-D" erschienen. Solche Zeitschriften wurden damit zu mobilen und preiswerten Ausstellungsorten für Fotografie ­ sie können schneller reagieren als Museen und Galerien und daher auch den Zeitgeist zugleich schneller abbilden und prägen.

Ohnehin ist die Frage, ob Modefotografie parasitär die Kunst aussaugt oder, andersherum, deren eigentliche Vorhut bildet, längst überholt: Künstler wie Nan Goldin fotografieren Kampagnen für Modefirmen, und Designer wie Giorgio Armani stellen ihre Entwürfe im New Yorker Guggenheim Museum aus.

Die Bilder von Tillmans wurden tausendfach kopiert: etwa von dem Amerikaner Terry Richardson, der Ende der neunziger Jahre in seiner umstrittenen Sisley-Kampagne Teenager beim nächtlichen Sex im Gebüsch ablichtete.

Tillmans hat immer erklärt, das scheinbar spontane Chaos seiner Fotos sei gestellt ­ trotzdem seien die Bilder authentisch, weil sie ein Lebensgefühl wiedergäben. Seine vermeintlichen Momentaufnahmen wurden auch vom Kunstbetrieb als Dokumente der Jugendkultur gefeiert.

Versace-Anzeige: Für 12.000 Dollar angeboten

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Schon lange hat Tillmans selbst andere Wege eingeschlagen: Er huldigt mit seinen roséfarbenen Lichtspielereien oder poetischen Impressionen von Wassertropfen einer fast schon malerischen Fotografie. Vor zwei Jahren wurde der Turner-Preis-Gewinner dafür in der Londoner Ausstellung "Apokalypse ­ Schönheit und Schrecken in der zeitgenössischen Kunst" klar der Abteilung Schönheit zugeschlagen.

Im Berliner "Tagesspiegel" lästerte Tillmans kürzlich darüber, dass heute die meisten jungen deutschen Fotografen die Banalität des Alltags duplizierten ­ "und dabei kommen Fotos von irgendwelchen Hochhaussiedlungen aus den siebziger Jahren heraus". Der kollektive und vermeintlich entlarvende Zoom auf triste U-Bahnhöfe, spießige Vorgärten und graue Wohnviertel ist in der Tat auf Dauer so öde wie die Betonbauten selbst. Und als die größten Langweiler dieser Richtung profilierten sich vor allem deutsche Fotografen.

Im vergangenen Februar hingen bei der New Yorker Armory Show, einer Messe für zeitgenössische Kunst, großformatige Fotos mit dem Titel "Vier Tage in L. A.". Sie zeigten eine elegante blonde Frau in einer fast lächerlich prunkvollen Umgebung aus Schleiflack und Gold: Mal trägt sie ein Kopftuch, mal scheint sie denselben Friseur zu haben wie der weiße Königspudel neben ihr. Die Bilder kosteten zwischen 12 000 und 15 000 Dollar und waren vor allem eines: die glamouröse Erlösung von der Tristesse-Ästhetik.

Vorher wurden sie in der so bekannten wie einflussreichen Londoner Kunstgalerie "White Cube 2" ausgestellt. Ursprünglich waren die Fotos aber in Magazinen zu sehen: als Werbekampagne von Versace, aufgenommen vom amerikanischen Modefotografen Steven Meisel.

Foto-Künstlerin Emin: Lieblings-Vamp der Medien

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Der Wechsel dieser Bilder in den kleineren, aber avancierten Rahmen der Kunstszene ist beispielhaft. Die Künstler selbst suchen in der neuen Eleganz eher den bizarren Glamour, die artifizielle Schönheit wird mit kleinen Irritationen oder boshaften Überraschungseffekten gebrochen: An Kosmetikwerbung erinnern die Fotografien der in Australien lebenden Künstlerin Patricia Piccinini, die in dem Bildband "Blink" zu sehen sind ­ mit dem Unterschied, dass das nackte blonde Model eine genetisch oder digital veränderte Maus in den Händen hält.

Auch mit dem Grauschleier ist es vorbei, der bis vor kurzem künstlerisch ehrgeizige Farbfotos überzog, die dann so trüb wie ein verregneter Nachmittag wirkten. Das neue Jahrtausend verlangt dagegen die Entscheidung: entweder harte Kontraste in Schwarz-Weiß oder aber knallbunte Bilder, denen man die digitale Nachbearbeitung unbedingt ansehen soll.

In den neunziger Jahren feierten zwar auch Künstlerinnen wie Sylvie Fleury mit ihren Installationen aus Shopping-Tüten und goldenen Einkaufswagen erste große Erfolge. Doch ihre Luxus-Inszenierungen sind höchstens ein bisschen frech, selten wirklich aufregend.

Aber jetzt gilt: Je abgedrehter und verwirrender die inszenierte Pracht, desto besser. Schon seit Jahren erschafft der amerikanische Künstler Matthew Barney in theatralisch schaurigen Filmen mit pompösen Kostümen und Masken ein Gänsehaut-Universum. In den Neunzigern galt Barney damit beinahe noch als eine Art Geheimtipp. Nun gehört er eindeutig zu den Ikonen am Beginn des dritten Jahrtausends: Sein neuester Film, die dazugehörigen Installationen und Fotos drehen sich um absurde Mythen, um glatte Teints und viel Gewalt. Von Juni an zeigt das Kölner Museum Ludwig eine riesige Barney-Schau ­ obwohl die mehr kostet, als der Etat des Hauses erlaubt: Ein wenig Verschwendung und Opulenz gehört auch ökonomisch zum derzeitigen Branchenverständnis.

Trash-Ästhetik in der Sisle-Werbung: Gegenprogramm zum geldberauschten Mainstream

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Sogar Tracey Emin, britische Starkünstlerin und Pionierin eines so radikalen wie rüden Exhibitionismus, hat die Faszination des Glamours entdeckt: Sie ließ sich in den Kleiderkreationen von Vivienne Westwood abbilden und fotografierte, wie andere britische Künstler auch, das Supermodel Kate Moss für eine "Vogue"-Kampagne. In Großbritannien wurde sie damit zum Lieblings-Vamp der Medien.

Womöglich ist die Kehrtwende in der Ästhetik auch einem Revival zu verdanken. Auf die Renaissance des Knittergefühls der siebziger Jahre, als eine ganze Generation sich große Mühe gab, möglichst verkatert auszusehen, folgt die Achtziger-Jahre-Geld-und-Glamour-Nostalgie: je öder oder blutiger die Realität, je drückender Arbeitslosigkeit und Rezession, desto gelackter und obsessiver die ästhetische Gegenwelt.

So wundert es nicht, dass die Kunst- und Modeszene jetzt den 1991 verstorbenen französischen "Vogue"-Fotografen Guy Bourdin und seinen surrealen "Hi-Gloss-Schick", seinen Hochglanz-Illusionismus wiederentdeckt: Bourdin, der sich immer als Künstler und nicht als Gebrauchsfotograf verstand, ließ Frauen in jeder erdenklichen erotischen und morbiden Verrenkung posieren ­ Hauptsache, sie hatten dunkle Strümpfe und High Heels an.

Wie lange allerdings die neue Freude an Glitzer und Dekadenz anhält, ist ungewiss. Zumindest auf die Modefotografie ist wenig Verlass: Für diesen Sommer haben die Designer schon den nächsten Trend angekündigt ­ Hippie und Folklore.



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