Fotofestival in Leipzig Eine Tüte voll Glück, bitte!

Wie war das mit dem glücklichen Leben? Das f/stop-Fotofestival in Leipzig macht sich auf die Suche nach dem großen Glück - und zeigt schlechtgelaunte Schnäppchenjäger, Fuß-Selfies und Menschen, die 60 Minuten lang Grinsepflicht haben.

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Nach zehn Minuten setzen die Krämpfe ein. Die Gesichtsmuskeln ziehen sich zusammen, der Mund beginnt zu zittern. Die Grimasse tut offenbar weh. "Dann fällt man in einen meditativen Trott, mal geht es einem besser, mal schlechter", sagt Anna Witt. "Ich habe es vorher selbst ausprobiert." 60 Minuten lang hat die deutsche Künstlerin acht Schauspieler dabei gefilmt, wie sie grinsen - so wie Menschen eben grinsen, wenn sie einem etwas verkaufen wollen.

In ihren schwarzen und grauen Hosenanzügen und Kostümen sehen die Modelle aus wie Banker oder Manager. Witt hat sie in ihrer Installation "Sixty Minutes Smiling" als Abgesandte des Glückes inszeniert. Sie will auf Emotionen aufmerksam machen, die Menschen in der Öffentlichkeit zeigen müssen, um positive Botschaften zu vermitteln. Die Leute im Anzug sollen Macht ausstrahlen, sie sollen Gefühle vermitteln. Zum Beispiel: Glück.

"Get lucky!" - unter diesem Motto steht das f/stop-Festival in Leipzig. Zum sechsten Mal findet das Fotografie-Event, veranstaltet vom Zentrum für zeitgenössische Fotografie Leipzig, in Sachsen statt. Daft Punk oder Pharell Williams treten hier zwar nicht auf, dafür sind Arbeiten internationaler Künstler wie Beni Bischof, Hans Eijkelboom, Stephanie Kiwitt und Jana Schulz zu sehen. Darunter sind seltsame Fotos von Maschinen, die zu schmelzen scheinen, von einem Mann, der im Wald steht und von Models, die Bockwürstchen im Gesicht haben.

"Wir haben uns gefragt, wie man in der Leistungs- und Optimierungsgesellschaft das Glück findet", sagt Thilo Scheffler, der gemeinsam mit Christin Krause das Festival kuratiert hat. Fotos in Magazinen und Werbeposter versprechen das glückliche Leben: schöne Menschen, schöne Dinge, schönes Wetter. Doch wo liegt das Glück der anderen? In der Arbeit, im Urlaub, beim Einkaufen?

Vielleicht geht's auch ums Unglück

Der junge Fotograf Julian Röder etwa hat das Glück bei Schnäppchenjägern gesucht. Auf seinen Bildern zeigt er, wie Tausende Menschen sich in die neu eröffnete Filiale eines Elektronikkaufhauses drängen. Sie schieben sich durch die Gänge, zwängen sich aneinander vorbei, zerstören eine Rolltreppe. Am Ende bleiben ein paar Leichtverletzte. Das alles für Laptops, Drucker, Spielgeräte, die es 20 Prozent günstiger gab. Sieben Jahre ist das jetzt her. Glücklich sehen die Leute auf den Fotos nicht aus. Vielleicht also geht es bei dem Fotofestival ja auch ein bisschen ums Unglücklich sein. Get unlucky.

Glück sei, wenn der Besucher seine Füße in dieser Ausstellung wiederfindet, sagt hingegen Erik Kessels. Der holländische Künstler und Werber spricht nicht von Menschenmassen, die sich beim Besuch der Ausstellung gegenseitig auf die Füße treten, sondern von den Bildern, die er im Internet gesammelt hat und die jetzt an den Wänden und am Boden einer Ausstellungshalle in Leipzig zu sehen sind; Füße, die im Wasser stehen, die in Schuhen stecken und die in Richtung Himmel gestreckt werden.

Kessels hat 2500 dieser Fuß-Selfies gesammelt. Er suchte die Wörter Fuß und Füße auf mehreren Sprachen im Netz, gab dazu auch "I'm bored" ein und fand heraus, dass Menschen von allen möglichen Teilen der Welt ihre Füße posten. Auch die Besucher der Ausstellung fotografieren nun schon ihre Füße. Ein Selbstläufer sozusagen.

So richtig mit Glück, muss Erik Kessels zugeben, habe seine Installation "My Feet" nicht zu tun. Aber das Festival will mehr als nur nach dem Glück suchen. Es will auch fragen, wo die Fotografie nunmehr angekommen ist, jetzt, da Bilder das Internet überschwemmen. Kessels sagt: "Fotos haben keinen Wert mehr. Sie werden zu einem Wegwerfprodukt." Und Fotos von Füßen zu machen sei ebenso langweilig wie Fotos von Bergen oder dem Essen. Auf Bergen und beim Essen, und hier schließt sich womöglich der Kreis, finden manche eben auch ihr Glück.

f/stop-Festival für Fotografie , bis zum 15. Juni in der Leipziger Baumwollspinnerei (täglich von 10 bis 20 Uhr)

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jajo.le 11.06.2014
1. nur am Rande
Auch wenn das jetzt nur partiell zum Thema gehört: Wie soll sich denn bei einer Schnäpchenjagt im Elektronikmarkt ein Glücksgefühl einstellen? Beim Einkauf glücklich sein? Befriedigt vielleicht, weil man für etwas, das normalerweise X kostet nur 0,8xX bezahlt hat. Aber auch dafür muss das Gemüt eher schlicht sein. Denn meistens werden Dinge gekauft, die man entweder gar nicht brauchte oder sich normalerweise nicht leisten konnte. Und somit also wahrscheinlich auch nicht brauchte. Aber so ist sie, unsere Konsumgesellschaft. Selbst die Ärmsten sind reicher als geschätzte 70% der Weltbevölkerung. Und viele können damit nichts anfangen außer den nächsten Scheiß, den die Werbung als "must have" verkauft, in irgendeiner (notfalls gefakten) Form in ihren Besitz zu bringen. Consuetudo est altera natura.
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