Fotoprojekt "Japan Diaries" Bondage statt Kimono

Die Fotografen BJ und Richeille Formento inszenieren in ihrer Serie "Japan Diaries" die vergehende ursprüngliche Kultur des Landes. Entstanden sind Bilder, die gleichzeitig fremd wirken - und doch seltsam vertraut.

Formento

Ein Interview von Marc Erwin Babej


Das Künstlerehepaar BJ und Richeille Formento lernte sich 2005 bei einem Auftrag kennen - seither leben und arbeiten die beiden zusammen. Innerhalb der vergangenen Jahre hat sich das Paar von der Modefotografie in Richtung Fotokunst bewegt. Ihre aktuelle Serie "The Japan Dairies" ist Zeugnis ihrer Vergangenheit in der Modefotografie; bis ins Kleinste gestylt, erotisch und eindringlich zugleich.

SPIEGEL ONLINE: Mr. und Mrs. Formento, es ist nicht üblich, dass eine Künstlerkarriere mit einer Liebesgeschichte beginnt. Wie haben Sie sich kennengelernt und angefangen, gemeinsam zu arbeiten?

BJ Formento: Ich arbeitete als freier Fotograf in New York und Richeille bei einer Agentur in London. Ihr Team kam im Winter 2005 nach Miami und brauchte einen Fotografen,...

Richeille Formento: ...ich sagte meiner Chefin anfangs, dass ich niemanden aus New York möchte, doch sie beharrte darauf. Hätte sie das nicht getan, wären wir uns niemals begegnet.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr erstes gemeinsames Projekt als selbstständiges Team?

Richeille Formento: Ich wurde entlassen, als wir 2005 unsere Flitterwochen in Ägypten verbrachten. Also sagte BJ: "Warum arbeiten wir nicht gemeinsam?" Wir begannen als Freelancer und reisten für Werbe- und Modeaufträge nach Kuba, Kapstadt und Hawaii.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich von der Modefotografie zur Fotokunst entwickelt. Was war der Anlass für diesen Wechsel?

Richeille Formento: Mal wieder ging es darum, das Beste aus den Dingen zu machen, die nicht nach Plan liefen. Die Aufträge blieben aus, und ehe wir uns versahen, fuhren wir bereits quer durch das Land mit unseren zwei Katzen...und den fünf Kätzchen, die sie gerade bekommen hatten.

SPIEGEL ONLINE: Aus dieser Reise ist dann Ihre erste Serie Circumstance entstanden. Was sagt diese Serie über Ihre Arbeit aus?

BJ Formento: Ich komme ursprünglich aus Hawaii, Richeille aus England. Wir dachten, wir könnten Modefotografie machen, dem Ganzen etwas Filmhaftes verleihen - eine Hommage an Hitchcock. Wir sind so große Fans des Atom-Zeitalters, dass wir diese romantische Vision von Amerika zu jener Zeit hatten.

Richeille Formento: Die Reise selbst war aber deprimierend - so ziemlich jeder, den wir trafen, war arbeitslos, manche mussten ihr Zuhause aufgeben.

BJ Formento: Wir machten dieselben Erfahrungen wie alle - wir hatten kein festes Zuhause und lebten in einem Wohnmobil. Es war eine sehr traurige und gleichzeitig sehr romantische Sicht auf den American Dream. Den darauffolgenden Oktober nahmen wir eine andere Route und reisten für fünf Monate.

Richeille Formento: Diesmal konzentrierten wir uns mehr auf das verlassene Amerika.

BJ Formento: 2009 war die Kacke am Dampfen. Wir wollten diese Leere zeigen - verlassene Kirchen, Krankenhäuser und Städte.

Richeille Formento: Gary in Indiana war wirklich eine Geisterstadt und gefährlich. Es entstand ein visuelles Tagebuch unserer Reise. Die Arbeit wurde im Internet gut aufgenommen. 2012 entdeckte eine Galerie in Paris unsere Arbeit, und 2013 wurde unser erstes Buch "Circumstances: America Down on Bruised Knees" veröffentlicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre aktuelle Serie "Japan Diaries" beschreibt einen ganz anderen Ort und handelt von ganz anderen Themen in einem etwas anderen Stil...

Richeille Formento: Japan ist, als würde man auf dem Mond landen - so fremd und anders für jemanden aus dem Westen. Es ist verwirrend und erleuchtend zugleich.

BJ Formento: Richeille war schon immer fasziniert von Japan - sowohl von den Traditionen als auch von der Popkultur. Mein Vater war in der U.S. Navy, weshalb ich in meiner Kindheit viele Fotos von seinen Reisen nach Japan gesehen habe. Also beschlossen wir, uns diesem einzigartigen, faszinierenden, fremden Land zu nähern und dort in seine Kultur einzutauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie das Thema der Arbeit und dessen Ausführung beschreiben?

Richeille Formento: Bei unserem Projekt Circumstance hatten wir sehr gute Erfahrungen mit Frauen gemacht. Wir planten, in Japan die Kultur des Landes zu zeigen - allerdings ist ein Großteil der alten Kultur am Aussterben. Die meisten jungen Frauen wussten nicht mehr, wie man einen Kimono bindet. Wir wollten die Idiosynkrasien der japanischen Kultur einfangen, bevor diese durch eine moderne Sichtweise verwässert werden.

BJ Formento: Gleichzeitig bedeutet Autorenschaft, das Konkrete mit dem Allgemeinen ins Gleichgewicht zu bringen. Das Konkrete ist Japan, das Allgemeine ist die Darstellung der Romantik, des Reizes und der Gefühle eines Ortes in einem Standbild.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Arbeiten wirken gleichzeitig inszeniert und intuitiv, untypisch und zugleich zuordenbar.

BJ Formento: Wir berühren damit allgemeine Erfahrungen im Leben der Menschen: das Heranwachsen, die Vergänglichkeit. Jeder kann das mit seinen eigenen Erlebnissen abgleichen.

Richeille Formento: Unsere Aufnahmeorte sind bewusst so gewählt, dass sie sowohl außergewöhnlich als auch allgemeingültig sind. Sie helfen dabei, ein Gefühl der Vertrautheit zu entwickeln, welches die Betrachter dazu einlädt, sich in eine Handlung hineinzudenken, die nicht direkt aus ihrem eigenen Leben stammt, mit der sie sich aber identifizieren können.

Die Homepage der Fotografen: formento2.com

Das Interview führte Marc Erwin Babej für das Fotoportal seenby



insgesamt 12 Beiträge
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chuckal 26.09.2014
1. Aha
"Die meisten jungen Frauen wussten nicht mehr, wie man einen Kimono bindet", aber weil sich der alte Hut vom Bondage unterm Kimono und Schulmädchen ohne Höschen in der U-Bahn hier anscheinend immer noch verkauft (siehe SPON) hat man es ihnen schnell wieder beigebracht, weil wir von unseren lieb gewonnen nationalen Stereotypen nicht lassen wollen. Darum haben wir Deutschen alle Dirndl und Lederhosen an. Peinlich. Das ist weder kreativ noch innovativ, dass ist reaktionärer Mist.
ladozs 26.09.2014
2. Schön anzusehen!
Das sind schon aufwendig inszenierte und sorgfältig komponierte Fotos, die gefallen. Das Abbilden von halbnackten Frauen bringt immer Zustimmung(siehe Flickr),und muss deshalb noch lange nichts mit Kunst zu tun haben, sondern nur mit geschicktem Marketing.
stefan.hemmer 26.09.2014
3. Japanische Kultur?
Lässt sich die japanische Kultur tatsächlich durch mehr oder weniger bekleidete Frauen im Geisha-Look darstellen? Die Bilder sind in ihrer sterilen Künstlichkeit absolut nichtssagend.
Kunstgriffe 26.09.2014
4.
Ein gekonntes Spiel mit Licht, Struktur und Form. Insgesamt ist der Eindruck der Arbeiten für mich jedoch nicht nachhaltig genug und Mittelachsigkeit Zerteilt die Spannung immer genau da, wo sie am wirkungsvollsten ist.
seriphos02 26.09.2014
5. In vielen asiatischen Ländern ...
... (Japan eingeschlossen) existieren kulturelle Traditionen und hypermoderne Lebensweise erstaunlich gut neben- oder miteinander. Rein optisch entstehen dabei immer faszinierende Kontraste, die ein Fotograf überhaupt nicht per Inszenierung künstlich übersteigern müsste. Das eigentlich befremdliche in Japan ist eine extrem konsumorientierte Lebenshaltung, aber von dieser sind wir ja selbst nicht allzu weit entfernt. Aber als westlicher Fotograf ausgerechnet in Asien den angeblichen Verlust alter Lebenskultur zu bedauern, halte ich vor allem für eine Projektion (berechtigter) eigener Identitätsprobleme.
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