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Selbstversuch in Tokio: In Liebe verschweißt

Hält so die wahre Liebe ewig? Ein Japaner verpackt Pärchen in Plastiktüten, saugt die Luft heraus und fotografiert sie dann. Im Vakuum will er das große Gefühl für immer bewahren. Heike Sonnberger ließ sich mit ihrem Partner einschweißen - und hat sich ihm nie ferner gefühlt.

Hal

Der Plastikbeutel für die Liebenden misst 100 mal 150 mal 74 Zentimeter. Er liegt in einer Wohnung in Tokio, auf dem Boden vor dem Küchentisch, und reflektiert das Licht der Scheinwerfer wie die Oberfläche eines Sees. Die Paare rollen sich darin zusammen, umschlingen sich so eng, dass der japanische Fotograf Hal den Schnellverschluss zuschieben kann. Er saugt die Luft aus dem Sack, bis das Plastik die Körper der Liebenden zusammenknautscht wie Hähnchenfilets aus der Kühltheke. Dann drückt er ab.

Den heißesten, den stärksten Moment der Liebe möchte er in die Ewigkeit hinüberretten, sagt Hal.

Marcel hat sich schon in den Plastikbeutel hineingezwängt. Jetzt bin ich dran. Ich schiebe mein Bein unter seine Hüfte, Haut zerrt an Haut, der Boden drückt von unten, die Tüte klebt und zieht von den anderen Seiten. Eigentlich ist die Tüte dafür gedacht, um Bettdecken und Futons zu verstauen, keine Menschen. Mit einem Hausstaubsauger kann man in ein paar Sekunden die Luft herausziehen.

Wenn einer der Liebenden stirbt oder die Liebe zerbricht, gibt es immer noch dieses Foto, sagt Hal, der eigentlich Haruhiko Kawaguchi heißt. Doch Hal klingt besser, so hieß auch der Bordcomputer in Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum", der fast die gesamte Besatzung seines Raumschiffs ausschaltet. Der Fotograf verfügt an diesem Mittag nur über zwei Leben. Es sind unsere.

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Fotografie in Japan: Mit Gleitmittel ins Vakuum
Ich wollte Marcel so gern in die Augen schauen, meine Stirn an seine legen, wie abends vor dem Einschlafen. Doch die Tüte lässt es nicht zu. Sein Schädel presst gegen mein Jochbein, auf Marcels Nase glänzt Schweiß. Durch die Folie blinzele ich ins Licht der Scheinwerfer, die über uns an einer Stange hängen.

Pärchen sind spannender als Singles, sagt Hal. Wenn sie turteln oder streiten, offenbart sich ihre Persönlichkeit. Vor neun Jahren hat er zum ersten Mal Pärchen fotografiert, in Tokioter Nachtclubs. Danach bat er sie in Badewannen, das war auch schon recht eng. Er will die Liebe verdichten wie eine Handvoll Erde, bis sie fest zusammenhält. Die Vakuumbeutel bestellt er im Internet, fünf Euro pro Stück, mit Ventil fürs Staubsaugerrohr.

Der Staubsauger stammt noch aus Hals Studentenzeiten und in der Tüte dröhnt es wie in einem Flugzeug. Ich beobachte, wie das Plastik langsam näherkommt. Noch einmal kann ich Luft holen. Meine Lungen sind voll, zu voll. Vor dem Tauchen soll man nicht zu tief einatmen, hat unser Schwimmlehrer in der Schule gesagt. Ich atme vorsichtig aus, schließe die Augen und sinke in mein Innerstes hinab.

Die Liebe ist der Ursprung von allem, sagt Hal. Ein Mann, der Reichtum anhäuft, tut das aus Liebe zu seiner Frau oder aus Liebe zu teuren Autos. Menschen führen Krieg aus Liebe zu ihrem Land, aus Liebe zur Macht oder aus Liebe zum eigenen Leben.

Fünf Liter Gleitmittel, zehnfach konzentriert

Ich höre, wie Hal auf eine Kiste klettert und sich über uns beugt, zwei Blitze prallen auf meine Augenlider. Der Fotograf zählt laut die Sekunden herunter, three, two, one... Hal und seine amerikanische Freundin Katherine reißen die Tüte auf, Luft schlägt über uns zusammen, ich falle auf den Rücken, liege da und atme nur.

Es sind meistens die Männer, die in Panik geraten, sagt Hal. Vier oder fünf haben begonnen zu strampeln, einer hat sich sogar in die Hose gepinkelt. Keiner von ihnen hat die Tüte von innen aufbekommen. Hal erlaubt sich nur 10 Sekunden für zwei Aufnahmen, er hält Sauerstoffspray bereit und hat immer einen Assistenten zur Seite. Rund 80 Pärchen hat er schon so fotografiert.

Wir schaffen nächstes Mal 20 Sekunden, sagen wir. Aber bitte mit Öl, damit die Haut nicht so brennt. Hal schleppt einen Kanister Gleitmittel an, fünf Liter zehnfach konzentriert, aus einem Sexshop in Asakusa. Er rührt den Glibber mit etwas Wasser in einem Reisschälchen an, ich streiche ihn mir auf die Innenschenkel, Marcel auf die Rippen.

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Japanisches Fotoprojekt: Liebst du mich? Dann atme nicht!
Er akzeptiere stets, wie ein Pärchen fotografiert werden möchte, sagt Hal. Viele seiner Modelle hat er in Nachtclubs getroffen, sie sind in grellen Strumpfhosen, mit falschen Wimpern und Perücken in die Tüte geklettert. Zwei Pärchen hatten sogar eine Gitarre dabei. Viele waren einfach nackt.

Wir teilen uns einen Schlafanzug. Marcel trägt die Hose, ich das Oberteil. Wir haben lange nach einem altmodisch gestreiften Pyjama mit Kragen und Knöpfen gesucht. Es war ein Kompromiss, weil ich mich nicht nackt im Internet zeigen möchte.

Viele Modelle wollten sich nicht einschweißen lassen, sagt Hal. Vor allem Frauen möchten auf Fotos hübsch aussehen. Und im Vakuum sieht man nicht hübsch aus. Es geht darum, zwei Körper so zusammenzufügen, damit sie eins werden, sagt Hal. Manchmal könne man Paaren auf dem Foto ansehen, ob sie bequem ineinanderpassen.

Das zweite Mal ist schlimmer als das erste. Der Staubsauger saugt so viel Luft aus der Tüte, dass mein Ohr poppt, als wäre ich zu schnell zu tief getaucht. Ich fühle, wie Marcel schluckt. Mein Kopf schmerzt, das Plastik drückt ein Nasenloch zu und verschiebt meinen Unterkiefer. Wir merken nicht, wie Katherine flink das Kissen unter unseren Köpfen wegzieht, wieder blitzt es zweimal, endlich schwappt die ersehnte Luft in die Tüte.

Es passt gut, dass die Aufnahmen auf dem Boden neben der Küche entstehen, sagt Hal. Frischeverpackte Lebensmittel, frischeverpackte Liebe. Er hat sein Projekt "Flesh Love" getauft. Doch es könnte auch "Fresh Love" heißen. Wenn man es mit japanischem Akzent ausspricht, klingt beides gleich.

Wir werden insgesamt vier Mal eingeschweißt, beim letzten Mal überzieht Hal seinen eigenen Countdown um wenige Sekunden. Plötzlich mischt sich etwas Angst in den Cocktail aus Aufregung, Stress und Schmerz in meinem Kopf. Wenn wir jetzt sterben würden, in diesem braunen Wohnblock mitten in Tokio, dann sterben wir einsam. Marcel ist mir in diesem Augenblick ferner als je zuvor, obwohl ich mich eng an ihn dränge.

Er habe schon so viele Momente eingefangen, dass er weniger Angst vor dem Tod habe als früher, sagt Hal. Seine Fotos bleiben, auch wenn er geht. Sie seien ein bisschen wie die Kinder, die er nicht hat. Sie machen ihn stolz und leicht.

Wir sitzen zu zweit am Küchentisch, Hal kopiert nebenan Bilder, Katherine ist zur Arbeit gefahren. Das war nicht so bequem, sage ich. Nein, sagt Marcel. Wir essen Erdnüsse, schauen in die Luft, blättern in Fotobüchern. Wenn Marcel meinen Blick auffängt, lächelt er müde. Es ist, als habe sich die Liebe verschreckt zurückgezogen in die hintersten Nischen unserer Seelen. In der Tüte war es ihr zu eng. Es braucht eine Weile, bis sie wieder den Raum ausfüllt, den wir für sie freihalten.

Seine erste Liebe galt einem Käfer, sagt Hal. Da war er fünf. Mit 17 kam ein Mädchen, sie gingen ins Disneyland, doch er war zu schüchtern, um ihr seine Liebe zu gestehen. Sie hätte mich gefragt, wenn sie mich gemocht hätte, sagt Hal. Als er seine Liebe zu Katherine aus New York entdeckte, waren die beiden schon gut befreundet. Sie wollten gerade einen Kaffee zusammen trinken. Hal ergriff die Flucht, denn er steckte noch in einer anderen Beziehung. Seit drei Monaten ist er mit Katherine zusammen und er würde sich gern mit ihr einschweißen lassen. Doch wer drückt dann auf den Auslöser? Es ist nicht leicht, den richtigen Winkel zu finden, sagt Hal.

Das war kein Akt der Liebe, sagt Marcel. Liebe ist geben wollen, ohne etwas bekommen zu müssen. Liebe ist nicht Nähe um jeden Preis. Draußen prasselt der Regen auf die Dächer der Nachbarn. Drinnen dudelt japanischer Bossa nova aus der Musikanlage. Ich lausche Marcels Stimme, streiche über seine Wange, schaue in seine Augen. Endlich hat die Liebe wieder Luft zum Atmen.

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