Fotografie-Messe "Bilder müssen atmen"

Die "Helsinki School" ist kein Geheimtipp mehr: Auf der Messe Paris Photo werden die jungen finnischen Fotografen mit einer Sonderschau gefeiert, Sammler reißen sich um die Bilder aus dem hohen Norden. Timothy Persons, Vater der Bewegung, verrät SPIEGEL ONLINE sein Erfolgsgeheimnis.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Persons, Sie haben entscheidend daran mitgewirkt, dass die junge finnische Fotografie in den letzten Jahren für Furore gesorgt hat. Ihre Rolle dabei ist vielfältig: Sie wirken als Hochschullehrer, sind Kurator, repräsentieren die Künstler aber auch auf Kunstmessen.

Persons: Mitte der Neunziger trat ich meinen Job als "Director of Professional Studies" an der University of Art and Design in Helsinki an. Meine Aufgabe bestand darin, den Studenten nach ihrem Hochschulabschluss den letzten Schliff zu verpassen. Ich habe in allen verschiedenen Fachbereichen gearbeitet, doch bei den Fotografen entdeckte ich eine ganz überwältigende Konzentration von Talenten. Deshalb haben wir ein System etabliert, dass es den einzelnen Künstlern gestattet, ihre eigenen Ideen professionell zu entwickeln. Bei uns sind sie gezwungen, ihre Arbeit immer wieder in selbst gestalteten Portfolios anderen vorzustellen. Das ist ein wichtiger Prozess. Portfolios haben eine doppelte Funktion: Sie sind einerseits so etwas wie ein Schaufenster für die Arbeit, andererseits sind sie aber auch ein Vehikel, um eigene Ideen überhaupt erst zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Es ist immer problematisch, bestimmte Etiketten zu benutzen wie "Neue Leipziger Schule" für die jungen Maler aus Leipzig oder "The Helsinki School" für junge Fotografen aus Helsinki. Dennoch machen solche Labels deutlich, dass es etwas Verbindendes gibt. Welchen gemeinsamen künstlerischen Ansatz verfolgen die Fotografen der Helsinki-Schule?

Persons: Es gibt tatsächlich so etwas wie einen roten Faden, und das ist bei uns der konzeptuelle Ansatz, der in den meisten Arbeiten sichtbar wird. Zum Beispiel dann, wenn Tiina Itkonen Eskimos und ihre Dörfer im Nordwesten Grönlands fotografiert oder Joakim Eskildsen die Romakultur verschiedener Länder untersucht. Die beiden fotografieren nicht bloß, wie diese Menschen leben. Sie bringen mit ihren Fotos zum Ausdruck, was diese Menschen fühlen und welche Hoffnungen sie haben.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die besonderen Bedingungen, unter denen sich die junge finnische Fotografie in den letzten Jahren so erfolgreich entwickeln konnte?

Persons: Es ist klar, dass ein gewisses Talent als Grundvoraussetzung vorhanden sein muss. Doch wir sind ein kleines Land mit ungefähr fünf Millionen Einwohnern. Daher müssen wir zusammenarbeiten, um uns im Rest der Welt irgendwie bemerkbar zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Die Galerie Anhava aus Helsinki präsentiert passend zu dem auch als "Nordic miracle" bezeichneten Boom zeitgenössischer nordischer Fotografie auf der diesjährigen Paris Photo die 43-jährige Fotografin Heli Rekula. Warum wurde gerade diese Fotografin ausgewählt, und was charakterisiert ihre Arbeit?

Persons: Ich bin mir sicher, dass Heli Rekula einerseits wegen ihrer konzeptuellen Strenge, andererseits aber auch wegen der feinfühligen Inszenierung heutiger Frauen und ihrer Widersprüche ausgewählt wurde. Das beherrscht keiner so gut wie Heli Rekula. Ihre Arbeit ist die reinste Poesie.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind zwar kein waschechter Galerist, aber Sie repräsentieren Ihre ehemaligen Studenten professionell auf internationalen Kunstmessen. Wie schaffen Sie es, sie auf den Kunstmarkt zu bringen?

Persons: Ich sehe mich in erster Linie als Lehrer. Meine Unterrichtsmethode besteht darin, die ältere Generation meiner Studenten dafür zu begeistern, ihre Fähigkeiten an die jeweils jüngere Generation weiterzugeben und diese dabei zu unterstützen, sich selbst wieder ganz neu zu erfinden.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie Ihre Studenten mit auf Messen?

Persons: Eine Kunstmesse ist das perfekte Klassenzimmer. Hier kann man die eigene Arbeit selbstkritisch ins Verhältnis zu den Arbeiten anderer Künstler setzen. Und wenn man das macht, dann lernt man mit doppelter Geschwindigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Was macht gute zeitgenössische Fotografie aus?

Persons: Bilder müssen atmen. Was eine gute Fotografie ausmacht, ist die richtige Mischung aus einer gut erzählten Geschichte und dem, was über diese Grundidee hinausgeht. Mich interessiert, wie eine Bildfolge den Betrachter anspricht, und ob es da ein zusammenhängendes Konzept gibt. Erst wenn das alles zusammenkommt, fange ich an, dem Werk eines Künstlers mein Vertrauen zu schenken.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen hat die Verdrängung der klassischen Fotografie durch die digitale Technik für junge Fotografen?

Persons: Um ein Medium wirklich zu verstehen und erfolgreich damit arbeiten zu können, muss man sein Material ganz genau kennen. Dunkelkammern sind ein integraler Bestandteil des kreativen Prozesses. Doch im Digitalzeitalter sind dies ebenso Computer. Man sollte das eine benutzen, um das andere zu ergänzen und umgekehrt. Mein Vorschlag: keine verkrampfte Selbstbeschränkung. So oder so - Gute Ideen müssen umgesetzt werden. Es gibt sie einfach zu selten.

SPIEGEL ONLINE: Könnte der Siegeszug der digitalen Fotografie nicht zur Folge haben, dass ein bestimmter künstlerischer Ausdruck für immer ausstirbt und verloren geht?

Persons: Nein, nicht solange wir uns an die Wurzeln des Mediums Fotografie erinnern und uns bewusst machen, woraus sich die digitale Fotografie entwickelt hat. Die meisten Künstler, die aus der "Helsinki School" hervorgegangen sind, arbeiten nach wie vor mit klassischen Mittel- oder Großformatkameras. Doch sie nutzen fast alle die digitale Fotografie für die Vorarbeit zur Erprobung ihrer Bildideen, um sie dann klassisch umsetzen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Als Paris Photo vor zehn Jahren Premiere feierte, dominierten namhafte Fotografen wie Ansel Adams, Walker Evans oder Brassaï. Heute entwickelt sich die Messe immer mehr in Richtung zeitgenössische Fotografie. Warum?

Persons: Wie jede andere Messe entwickelt und verändert sich auch Paris Photo. Die Verschiebung von der Vintage Fotografie hin zur zeitgenössischen ist ein ganz natürlicher Prozess. Zunächst einmal: Vintage wird von Jahr zu Jahr seltener und ist zunehmend schwerer zu beschaffen. Junge Sammler mit einem ausgeprägten Gespür für hochkarätige zeitgenössische Arbeiten sind die Zukunft aller Kunstmessen.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Jahr gab es einige spektakuläre Auktionsrekorde bei der zeitgenössischen Fotografie. Was sind das für Leute, die zeitgenössische Fotografie sammeln und dabei für eine einzige Fotografie so viel Geld ausgeben wie für eine Villa in Südfrankreich? Geht es hierbei mehr um Spekulation, oder ist es wahre Leidenschaft?

Persons: Jeder, der wirklich ernsthaft Kunst sammelt, handelt aus einer Leidenschaft heraus. Wir haben die Marktentwicklung der letzten 30 Jahre beobachtet. Es ging sowohl rauf als auch runter. Wer wirklich spekulieren will, dem rate ich, sich Aktien, Anleihen oder Immobilien zuzulegen.

SPIEGEL ONLINE: Edward Steichens "Teich im Mondlicht" von 1904 wurde für 2,9 Millionen Dollar verkauft, Andreas Gurskys Fotografie "99 Cent" erzielte auf derselben Auktion 2,3 Millionen Dollar. Können solche extremen Rekorde junge Fotografen ermutigen oder verursachen sie eher Frustration?

Persons: Ich glaube nicht, dass sich die meisten jungen Künstler sonderlich dafür interessieren, für wie viel Geld ein Gursky verkauft wurde. Die Frage sollte eher lauten: War es ein guter oder ein schlechter Gursky?

Das Interview führten Nicole Büsing und Heiko Klaas.


Paris Photo : 16. bis 19. November, Carrousel du Louvre.

Im Februar 2007 erscheint bei Hatje Cantz der Katalog "The Helsinki School. New Photography by TaiK. Volume 2", 240 Seiten, ca. 35 Euro.



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