Fotografien der Moskauer Metro: Wo der Untergrund funkelt

Von Laura Hamdorf

Kosmonauten erkunden den Weltraum, Metronauten erkunden die U-Bahn. Zu Letzteren zählt sich Bernhard Ludewig - zwei Wochen lang hat er die Moskauer Metro fotografiert.

Gummigeländer von U-Bahn-Rolltreppen sind meistens klebrig. Zusammen mit den Böen warmer, abgestandener Luft sind es Vorboten der typischen Bahnsteig-Szenerie: zerfetzte Werbebanner, Müll, beschmierte Anzeigetafeln, manchmal Erbrochenes und Urin auf dem Steinfußboden. Bahnstationen in Deutschland sind ungemütliche, unhygienische Orte, in denen für Besucher nurzwei Dinge zählen: möglichst wenig anfassen und möglichst schnell verschwinden.

Die Fotografien von Bernhard Ludewig zeigen das Gegenteil: eine unterirdische Welt voller Pracht, Sauberkeit und liebevollen Details - die Moskauer Metro als architektonisches Meisterstück.

Der Bahnhof Kiewskaja beispielsweise gleicht einer Flaniermeile: Hohe Marmorsäulen mit Ornamenten säumen den endlosen Gang zwischen den Gleisen. Stuckverzierungen und Mosaike überziehen die hohen Gewölbe, darin eingelassen sind Kronleuchter. Die Wände sind goldgelb gekachelt, und der Boden besteht aus rostrotem Mosaik. Nirgends Müll, nirgends Reklame.

"Für Besucher der Moskauer U-Bahn ist es heute vielleicht so, wie als Atheist den Kölner Dom zu besuchen", sagt Ludewig. "Man bewundert die Architektur. Die Metro ist eine sowjetische Kernerrungenschaft, ein Identifikationssymbol, das Respekt und Ehrfurcht auslöst." Seine zum Teil verfremdeten Fotografien zeigen eine Science-Fiction-Welt in leuchtenden Farben und überraschenden Perspektiven.

Die Paläste unter der Erde waren Prestigeobjekte der Sowjetunion. Stalin feierte seine Revolutionsfeier unterirdisch. Genauer gesagt im U-Bahnhof Majakowskaja. 1938 erhielt diese Station den Grand Prix für Architektur in New York - für ihre 36 Kuppeln, die Mosaike und die Kombination aus direkter und indirekter Beleuchtung. Heute strömen bis zu neun Millionen Fahrgäste täglich über die Granitböden der Bahnsteige. "Durch die Größe, den Lärm der alten Züge und die Menschenmassen entsteht eine ganz besondere Dynamik, ähnlich der einer Maschine", sagt Ludewig.

Selbst fürs Schwimmbad braucht man eine Genehmigung

Ein Jahr ist es her, dass der 37 Jahre alte Fotograf zwei Wochen in 20 U-Bahn-Stationen der russischen Hauptstadt verbracht hat. Die Metro entfachte seine Leidenschaft. Und den Willen, die Pracht trotz Schummerlicht festzuhalten: "Jeder Moskau-Besucher würde die Metro-Stationen gerne fotografieren, aber wegen der Dunkelheit und dem erforderlichen Weitwinkel ist das nicht so leicht. Meine Vision war es, alles hell und klar darzustellen."

Eine Vision, die ihm vor allem Hartnäckigkeit abverlangte: 50 Telefonate und mehrseitige Schreiben an den Metrovorstand waren nötig, um an die Fotografie-Erlaubnis zu kommen. Diese Erlaubnis musste wiederum der Überprüfung durch strenge Stationsvorsteher Stand halten, manchmal auch mehrmals auf demselben Bahnsteig. "In Russland braucht man für alles eine Genehmigung, du darfst noch nicht einmal ein Schwimmbad betreten, ohne die Bescheinigung für eine Wurmkur vorgezeigt zu haben", erzählt er. Mit Ironie und Leichtigkeit beschreibt Ludewig seine Erlebnisse im Katalog zur Ausstellung - er berichtet darin von "ad hoc entstehenden Auflagen, keine einfahrenden Züge zu fotografieren" und vom "schwarzen, kleinen Buch der besonderen Vorkommnisse", in das Rolltreppenaufsichten mit viel Bedacht seinen Namen notieren.

"Station Belorusskaja mit Aufsichtsperson" ist der Titel eines Fotos. Mit rotem Hut und auf den Leib geschneiderter Uniform lehnt die Dame an der Wand und schaut wenig erfreut in die Kameralinse. Auf diesem wie auch auf jedem anderen Bild ist Ludewigs Passion für die Architektur zu erkennen: Marmorsimse, Gewölbe, schneeweißer Stuck - alles trifft im weit entfernten Fluchtpunkt aufeinander, eine Zusammenführung von Formen und Flächen. Wie zufällig entstehen dabei manchmal symmetrische Bildverhältnisse. Dadurch wirken die Bahnstationen surreal, ebenso durch die Verzerrungen des Fischaugenobjektivs. Erst die Menschen, deren Bewegungen er durch lange Belichtungszeiten sichtbar gemacht hat, machen die Szenerie lebendig und real.

Zu sehen sind Ludewigs Fotografien im "Café Moskau" - der passende Rahmen für diese Ausstellung, denn das Gebäude gehörte zu den Prestigeobjekten der DDR. Ganz in der Nähe liegt der Bahnhof Alexanderplatz. Wer auf dem Rückweg dort vorbeikommt, sollte lieber nicht genau hinsehen. Und die Finger vom Rolltreppen-Geländer lassen.


"Metronaut - Expedition in die Moskauer Metro". Berlin. Café Moskau. Karl-Marx-Allee 34, 10178 Berlin. Bis 21.8.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Sehr gelungene,
sebast_sto 02.08.2011
wunderbare Bilder! Einige der Metrostationen sind tatsächlich sehr sehenswert, vor allem die neueren sind in noch gutem Zustand. Vor Feiertagen putzen sich die Stationen natürlich besonders heraus. Die allermeisten Stationen allerdings sehen recht mitgenommen aus. Sieht man dort mit eigenen Augen und nicht durch die Linse, so entdeckt man überall Dreck und Staub, abbröckelnden Putz und gesprungene Fliesen. Sicherlich bleibt die Moskauer Metro ein beeindruckendes Bauwerk, den krassen Gegensatz zu einer deutschen U-Bahn halte ich aber für konstruiert.
2. Hier gibt es noch mehr Bilder
Marthe Schwertlein 02.08.2011
http://metro-moskau.bildreportagen.ch aus der Metro in Moskau. Marthe
3. Lothar Wolleh
medienquadrat 02.08.2011
Bilder von der Moskauer U-Bahn habe ich Ende der 60iger vom Fotografen Lothar Wolleh bereits gesehen, der unter spektakulären Umständen die Erlaubnis bekommen hatte, in der UDSSR zu Fotografieren. Er war auch der erste, der im Vatikan fotografieren durfte. Seine Fotografien sind Kunstwerke, die sich einem für immer einprägen, weil sie die Realität impressionistisch verfremden und neue Aspekte - für die damalige Zeit sensationell - einfügen. Danke für die Anregung hier im Spiegel, es hat mich veranlasst, mal wieder seine Bildbände aus der Bibliothek zu holen.
4. § 2011
Born to Boogie 02.08.2011
Soll ich mal n Foto von meiner U / S Bahn Station schicken ? ( HH St.Pauli - Reeperbahn ) Auch bei uns könnte man vom Boden essen . . . jedenfalls würde man dort genug finden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
  • Zur Startseite

Facebook