Fotografien von Fred Stein: Der Poet mit der Kleinbildkamera

Von Kaspar Heinrich

Seine Bilder sind vertraut, sein Name ist es kaum: Fred Stein musste als Jude und Sozialist Deutschland 1933 verlassen. Aus dem Juristen wurde im Exil ein Fotograf, seine Stadtansichten und Porträts zeigt nun die weltweit erste Retrospektive im Jüdischen Museum Berlin.

Ein Fototermin? Bitte nicht! Albert Einstein lehnte ab, als der Fotograf Fred Stein ihn 1946 in Princeton um Porträtaufnahmen bat. Kurz darauf willigte er doch noch ein, höchstens zehn Minuten dürfe die Sitzung dauern. Und dann wurden zwei Stunden aus ihr, in denen Einstein und Stein einander bald Witze erzählten. Zudem entstand ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis brennen sollte. Der Physiker mit Mitte 60, mit ikonisch zerzaustem Haar und melancholisch leerem Blick.

Das vertraute Foto und die zugehörige Anekdote finden sich nun in der weltweit ersten Retrospektive der Arbeiten Fred Steins wieder. Das Jüdische Museum Berlin zeigt im Libeskind-Bau neben Fotografien auch persönliche Dokumente des Dresdner Rabbinersohnes, den erst die Flucht vor den Nationalsozialisten zum professionellen Fotografen werden ließ. Denn eigentlich strebte Stein den Beruf des Anwalts an, studierte in Leipzig Jura und betrieb die Fotografie nebenher als Hobby. Seine Bilder machte der junge Rechtsreferendar mit einer Kleinbildkamera von Leica, die seine Frau und er einander zur Hochzeit geschenkt hatten.

Mit dem Machtantritt der NSDAP wurde Stein gleich in zweifacher Hinsicht zum Ausgestoßenen: als Spross eines jüdischen Elternhauses und als politisch aktiver Sozialist. Noch im Oktober 1933 gelangte er mit seiner Ehefrau Liselotte nach Paris, im Rahmen einer vermeintlichen Hochzeitsreise, von der das Paar nicht zurückkommen sollte. In einem unbekannten Land mit fremder Sprache konnte Stein als Jurist jedoch nicht arbeiten und war gezwungen, einen neuen Beruf zu ergreifen - er wählte die Fotografie. Auf diesem Gebiet war der Autodidakt zwar kaum mehr als ein interessierter Dilettant, dennoch machte er sich bald selbständig und gründete das Studio Fred Stein. In einer kleinen Wohnung, mit der Dunkelkammer im Badezimmer.

Blick für die Skurrilität des Banalen

Stein erschloss sich die fremde Stadt Paris mit Hilfe der Fotolinse, wie später auch New York, wohin ihn und seine Frau die erneute Flucht 1941 trieb. Szenen des Alltags fing er hier wie dort ein, kuriose Augenblicke und Momente leiser Melancholie. Ihn interessierten dabei vor allem die Unterprivilegierten, aber auch die unverstellte Spielfreude von Kindern.

Seine Schwarzweißfotografien halten großstädtisches Leben fest, ohne die Menschen dabei zu entwürdigen oder ihre Armut voyeuristisch zur Schau zu stellen. Oft begegnet Stern seinen zufälligen Modellen mit einem Humor, der der Skurrilität des Banalen entspringt. Ein schlafender Schuhputzer, Männer beim Verlegen von Pflastersteinen, eine Gruppe von Frauen im Stadtteil Little Italy, teils belustigt, teils skeptisch in die Kamera blickend, als seien sie gerade von dem Deutschen mit der Leica aus ihrem Gespräch gerissen worden. Dann wieder drei leere Stühle im Sprühregen der Rasensprenger, lakonisch ins Bild gesetzt, oder eine auffällige Werbeanzeige an einer Plakatwand. Der poetische Moment inmitten der Normalität lieferte Stein seine Motive, er ließ den Flaneur mit der Handkamera zum richtigen Zeitpunkt auf den Auslöser drücken.

"Im Augenblick" ist die Schau im Jüdischen Museum überschrieben, der Titel verweist auf das Schnappschusshafte und dadurch auch Imperfekte der Fotografien. Mitunter liegt die Schärfe gar nicht auf den Menschen, oder die Bilder erscheinen allzu grobkörnig. Manche der vorhandenen Originalabzüge waren nicht ausgereift, sagt Theresia Ziehe, Kuratorin der Ausstellung. Dann wurden neue Printabzüge aus gescannten Negativen entwickelt. Ein paar der echten Kontaktbögen lassen sich im Jüdischen Museum per Lupe abfahren. Die Bilder aus der Pariser Zeit seien lieblicher, so Ziehe, die späteren aus New York vielschichtiger. Man habe in der Ausstellung beide Stationen bewusst miteinander verwoben, sagt die Kuratorin. Es sollten keine "Themeninseln" entstehen, sondern Fred Steins eigene Handschrift sollte als roter Faden dienen.

Willy Brandt war begeistert von ihm

Stein kam es immer auf Echtheit an, auch bei seinen Porträtfotos: Er verzichtete auf aufwendige Arrangements und nachträgliche Retuschen, nur im Notfall griff er zum Blitz, bevorzugte ansonsten natürliches Licht und einfache Kompositionen.

Die meisten von Steins mehr als tausend Porträts stammen aus seiner Zeit in New York. Neben der Leica arbeitete er dabei mit einer Rolleiflex, einer Mittelformatkamera. Er fotografierte Sozialdemokraten und Kommunisten, Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler, etwa Salvador Dalí, Marc Chagall und Willem de Kooning, sowie in die USA ausgewanderte Deutsche wie Thomas Mann und Marlene Dietrich. Die Ausstellung setzt hier auf Masse, zeigt die meisten Porträts gebündelt an einer Wand.

In den Augen von Hannah Arendt war Stein "einer der besten zeitgenössischen Porträtfotografen". Die Philosophin, im Dreiviertelprofil abgelichtet, liegend und rauchend, entschlossen aus dem Bildraum blickend, lieferte Fred Stein ein weiteres Motiv, das bekannter geworden ist als sein Schöpfer selbst.

Einen weiteren prominenten Anhänger seiner Fotokunst fand Stein in Willy Brandt. Den späteren Bundeskanzler hatte er im Pariser Exil kennengelernt und blieb sein Leben lang mit ihm befreundet. Ein "begnadeter Fotograf" war Fred Stein nach Meinung des Politikers. "Dieser Mann hatte ganz zweifellos eine Vision", schrieb Brandt 1983, "wovon die Menschen und Sujets, die er auswählte, eindeutig Zeugnis ablegen."


Im Augenblick. Fotografien von Fred Stein. Jüdisches Museum Berlin, bis 23.3.2014. Der Katalog ist im Kehrer Verlag erschienen und kostet 49,90 Euro.

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