Larry Clark: Zeigt her eure versehrten Körper!

Von Daniel Haas

Fixer beim Spritzen, Irre mit Revolvern, Teens beim Petting: In seinen Fotografien zeigt Larry Clark seit fast 50 Jahren in drastischen Impressionen ein Amerika jenseits von Hochglanzimpressionen. Jetzt widmet ihm die Galerie C/O Berlin eine große Schau.

Larry Clark: Dreckiger Vogel Jugend Fotos
Courtesy of Larry Clark . Luhring Augustine, New York . Simon Lee Gallery, London

Eltern, passt auf eure Kinder auf, der Fotograf Larry Clark ist in der Stadt! Junkies werden zu sehen sein und Waffennarren und Menschen, die ihre Lüste ausleben. Und das alles auch noch in Berlin, im Stadtteil Mitte, wo das rotgrüne Milieu sich eine Enklave der neubürgerlichen Korrektheit geschaffen hat. Sollen Max, Lea und Charlotte wirklich im Dunstkreis einer solchen Ausstellung zur Schule gehen?

Liebe Eltern, Entwarnung. Jede Runde "World of Warcraft" ist brutaler, jeder unbeaufsichtigte Streifzug durchs Internet gefährlicher als diese Fotoschau in der Galerie C/O Berlin. Heranwachsende sollten sie dennoch nicht sehen, zum einen, weil sich das Bespielen der kindlichen Phantasie mit Beischlafszenen von selbst verbietet. Zum anderen, weil hier ein Menschen- und Gesellschaftsbild im Schwange ist, das all die raffinierten und auf ehrenwerte Weise provokanten Bemühungen der Popkultur, Jugendliche zu mehr Eigensinn anzustiften, zunichtemacht. Larry Clark, berühmt geworden mit dem Film "Kids" über Drogen vertilgende, sexuell verantwortungslose Jugendliche, zeigt Adoleszenz wieder mal als Endlosschleife des ennuis. So viel "Gilmore Girls" könnte ein Teenager gar nicht schauen, um den Lebensekel wieder loszuwerden, der hier zum Stilprinzip gehört.

Zwei berüchtigte Bilderzyklen sind zu sehen: "Tulsa" von 1963 und "Teenage Lust" aus den frühen Siebzigern. Hinzu kommen die Motivreihen, die in den letzten Dekaden entstanden sind. Das Personal der frühen Bilder kennt man: Kaputtniks mit Revolver im Anschlag, Heroinabhängige beim Fixen, Hippies beim Koitus. Zentral sind die jüngeren Collagen, manche erst kurz vor der Ausstellung entstanden; sie kombinieren Poster aus Jugendgazetten mit Aktfotografien und Textschnipseln.

Aufreißen statt versiegeln

Jene Bilder, die sich der kapitalistische Markt von der Jugend macht und auf denen Teens und Posterboys zu sehen sind, versiegeln den Menschen, selbst wenn sie Haut sehen lassen. Sie überziehen ihren Gegenstand mit dem Firnis der Gleichförmigkeit, machen ihn zum Fetisch, der in den immer gleichen Posen durch die Medien zirkuliert.

Clark will diese Ikonografie aufbrechen, das Kreatürliche zutage fördern, deshalb zeigt er manisch nackte Körper. Unter dem Lack der Gazettenszenarien, so die Idee, sind tatsächlich Leiber verborgen. Mit ihnen wird Lust erzeugt, Gier und Gewalt. Motto: Erzähl mir also nichts von Kindheit und Adoleszenz als sozial wertvoller Achsenzeit. Das ist Geschichtsschreibung im Dienste bürgerlicher Ideologie.

Man könnte in der manischen Wiederholung ein kritisches Verfahren sehen, einen selbstreflexiven Kommentar zur Bilderindustrie. Die zwanghafte Repetition und die Sucht folgen ja strukturell derselben Logik: Man kann nicht aufhören, muss immer weitermachen. Dann aber müsste sich die Dosis, das hieße hier: die Drastik des Gezeigten steigern. Aber Clark bleibt auf konstantem Reizniveau. Noch ein Penis, noch eine Scham, über die äußeren Geschlechtsorgane kommt diese Ästhetik nicht hinaus.

Und das will sie auch gar nicht, denn darin erschöpft sich ihr Konzept: Egal wie viel wir gestalten und darstellen, egal welche Ideale und Werte wir in künstlerischer Form zum Ausdruck bringen, am Ende schnurrt alles auf ein bisschen Libido zusammen, wie sie mal in harmlose (Narzissmus), mal in pathologische Formen (Gewalt) ausufert.

Latinos, Afroamerikaner, weiße Milchbubis

Den Verweis auf die leibliche Grundausstattung des Menschen mit qua Libido eingebautem Schuldpotential kennt auch die Religion, aber sie hält ihren Anhängern wenigstens die Absolution bereit. Clarks Verfahren weiß nichts von Erlösung, deshalb ist es am Ende auch egal, ob Latinos gezeigt werden, Afroamerikaner oder angelsächsische Milchbubis. All diese ethnischen und sozialen Markierungen sind nur Accessoire. Clark ist gerade kein Chronist verlorener Generationen oder marginalisierter Gruppen, er ist nur der Sammler von Motiven, mit denen sich ein Tableau kultureller Ausweglosigkeit erweitern lässt.

Du bist nur ein Körper, Abspielfläche für Triebe, und alles weitere - Schuld, Scham, die kulturellen Konstanten unserer Existenz - gehören einfach dazu. Sie führen aber nirgendwo hin, münden nicht in eine Erzählung, schon gar nicht in eine von einer besseren Welt.

Man kennt diese Haltung aus der Literatur. Bret Easton Ellis zeigte in seinem Adoleszenzroman "Unter Null" Heranwachsende als Wiederholungstäter eines Lebensstils, in dem der Zwang zum Konsum mit der sexuellen Aktion zusammenfällt. Clark operiert ähnlich, auch weil er wie Ellis den Rezipienten nicht nur zum Zeugen der Depraviertheit macht, sondern zum Voyeur. Beide, Autor und Fotograf, wollen beschämen, uns zu Mittätern machen bei ihrem Projekt der Abwicklung einer humanen Welt. Du hast weiter gelesen, du hast hingeschaut: Das ist der Gestus dieser Kunst. Wer in eine Larry-Clark-Ausstellung begibt, kommt darin um, moralisch gesehen, denn: Sich aufregen wäre spießig, das Gezeigte goutieren obszön.

Den größten Kunstsinn haben deshalb die Kuratoren bewiesen - bei der Auswahl des Ausstellungsmotivs. Das Plakat zeigt ein Schamdreieck, über dem der Name Larry tätowiert steht. Angeblich ist es ein Foto von Clarks Freundin, eine Mittzwanzigerin, die seit einigen Jahren mit dem Fotografen zusammenlebt. Die Körper, die in diesem Werk zu sehen sind, erhalten ein Label, sagt das Motiv. Sie gehören jetzt, man kann es nicht anders sagen, zur Markenwelt des Larry Clark.


"Larry Clark", C/O Berlin, bis 12. August

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