Fotografiestar Wolfgang Tillmans "Ich kann über das Älterwerden nur lachen"

Wolfgang Tillmans, 38, wurde in den neunziger Jahren als Junge-Leute-Fotograf berühmt. Inzwischen verweigert er sich diesem Image und konzentriert sich auf abstrakte Arbeiten. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seine Lust am Monochromen, das Älterwerden und seine Politisierung als Homosexueller.


SPIEGEL ONLINE: Herr Tillmans, interessieren Sie sich neuerdings für Frauen? Gleich am Eingang zu Ihrer aktuellen Ausstellung "Beugung" im Münchner Kunstverein prangt das Foto einer überdimensional vergrößerten Vagina.

Tillmans: Tja, ich verschließe mich dem eben nicht und schaue den Tatsachen angstfrei ins Gesicht. Aber im Ernst: Sexualität ist kein Hauptthema meiner Arbeit, aber sie kommt immer wieder mal vor. Und zwar unentschuldigt. Damit meine ich, dass ich sie nicht exotisiere, verulke oder aufreizend darstelle. Sie steht als eine mögliche Verhaltensweise neben anderen. Mein Blick auf das andere Geschlecht ist interessiert, aber ohne provokante Absicht.

SPIEGEL ONLINE: Zitieren Sie mit dem Bild den französischen Realisten Gustave Courbet und seinen berühmten Akt "L’Origine du monde"?

Tillmans: Ich würde es nicht Zitat nennen, denn in dem Moment, in dem ich fotografiert habe, habe ich mich unmittelbar mit meinem Gegenüber beschäftigt. Natürlich kenne ich das Gemälde, doch zitiere ich nie absichtlich Kunstgeschichte. Wenn Überschneidungen auftauchen, dann ist das für mich eher ein Zeichen, dass die sich für das gleiche interessiert haben wie ich. Auch die alten Meister waren mal jung.

SPIEGEL ONLNE: In der Ausstellung sind auffallend viele Aufnahmen von Kleidungsstücken zu sehen. Woher kommt Ihr Interesse fürs Textile?

Tillmans: Das ist eine Bildfamilie, die ich 1991 begonnen habe, "Faltenwürfe" habe ich 1996 als Titel einer Ausstellung gewählt. Mich interessiert dabei die Fusion des Menschlich-Sozialen mit der formalen Betrachtung dieser Dinge als Skulpturen. Wenn ich zeige, wie sich der Körper in einem Kleidungsstück abgedrückt hat, dann hoffe ich, dass es für den Betrachter ein Moment der Berührung gibt, in dem er sich selbst erkennt.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet "Beugung", der Titel der aktuellen Ausstellung?

Tillmans: Einmal ist das natürlich ein optischer Begriff, der gebeugte Lichtstrahl ist ein zentraler Aspekt aller meiner Arbeiten. Dann ist "Beugung" aber auch eine Referenz an die skulpturale Qualität des Fotopapiers. Und natürlich die sexuelle Konnotation, die Ausbeulung der Hose durch das Geschlechtsteil. In Bezug auf Politik kann es aber auch Wahrheitsbeugung bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Früher haben Sie meist sehr viele kleinformatige Abzüge Ihrer Fotos mit Tesafilm an die Wand geheftet, jetzt präsentieren Sie Ihre Werke großformatig, wohlgeordnet und gerahmt. Ist Ihr Werk museal geworden?

Tillmans: Mich hat immer schon das große Einzelbild interessiert, aber man wird eben erst mal nur für eine Sache bekannt. In meinem Fall ist das die all-over-Installationsweise. Dabei habe ich immer beides getan. Markttechnisch gesehen ist das wohl nicht unbedingt der direkteste Weg, aber ich interessiere mich einfach für zu viele Dinge, um mich auf einen Stil zu beschränken.

SPIEGEL ONLINE: Täuscht der Eindruck oder fotografieren sie immer weniger Menschen?

Tillmans: Im Fall der Münchner Ausstellung ist das eher eine Frage der Auswahl. Ich mache weiterhin Portraits. Aber nachdem ich in den letzten fünf Jahren zehn große Museums-Übersichtsausstellungen gemacht habe, interessieren mich im Moment eher abstrakte, nichtgegenständliche Bilder.

SPIEGEL ONLINE: Ihre neueren Arbeiten sind nicht mehr so persönlich und emotional aufgeladen wie Ihre frühen Portraits. Wollen Sie nicht mehr so viel von sich selbst preisgeben wie früher?

Tillmans: Ich halte die Dinge aktiv, indem ich immer wieder verschiedene Blickwinkel einnehme und den Erwartungen widerspreche. Das mache ich nicht um des Widersprechens willen, denn das wäre eine reine Pose, sondern aus der Beobachtung, wie Wahrnehmung funktioniert, heraus. Wenn ich lange kein Portrait gemacht habe, dann fehlt mir etwas. Ich sehe bei mir keine lineare Entwicklung vom sozialen Miteinander der Portraitfotografie hin zur einsamen Beschäftigung mit dem Fotopapier.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden berühmt als Chronist Ihrer Generation und der Technobewegung. Verweigern Sie sich mit Ihren abstrakten Arbeiten diesem Schubladendenken?

Tillmans: Mich interessiert am meisten der Fortschritt, neue Bilder zu machen. Auch wenn ich an bestimmten Bildtypen seit über 15 Jahren arbeite, will ich jeden einzelnen weiterentwickeln und mich nicht wiederholen, nur weil etwas gut lief. Damals gab es für mich eine Notwendigkeit, diese Bilder von jungen Leuten zu zeigen. Jetzt interessiert mich eben gerade kein Bild von einem Zwanzigjährigen in Trainingsjacke. Inzwischen halte ich eher eine Verlangsamung des Sehens für nötig. Monochrome Bilder kann man nicht so leicht konsumieren. Außerdem fotografiere ich nicht, um zu verstehen, sondern das, was ich verstanden habe.



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