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US-Fotografin Alex Prager: "Bei einem perfekten Po schaut man schneller weg"

Fotografin Alex Prager: Nasen, Ohren, Finger - Menschenmassen Fotos
Alex Prager/ Galerie Lehmann Maupin

Alex Prager begann mit einer 80-Dollar-Kamera, heute gelten ihre Bilder als virtuose Kunst. Im Interview erklärt die junge US-Fotografin, warum sie bevorzugt Frauen zeigt.

  • Jeff Vespa
    Alex Prager, 34, ist eine Vertreterin der neuen US-Fotografengeneration, die sich an Vorbildern wie Cindy Sherman, Gregory Crewsdon oder William Eggleston orientiert. Dabei hat die in Los Angeles geborene Künstlerin zwar einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit, spielt aber sehr unbefangen mit den Einflüssen. 2013 hatte sie ihre erste Einzelausstellung in der New Yorker Corcoran Gallery: "Face in the Crowd" zeigte Fotografien und Kurzfilme mit von Prager inszenierten Massenszenen.
SPIEGEL ONLINE: Frau Prager, wie sind Sie eigentlich zur Fotografie gekommen?

Prager: Mit 20 merkte ich, dass ich etwas finden muss, in das ich all meine Energie und Leidenschaft stecken kann - andernfalls hätte mir mein Leben lang ein Bürojob nach dem anderen gedroht. Damals arbeitete ich als Rezeptionistin. Ich fing an, in Museen und Ausstellungen zu gehen. Ich versuchte mich als Zeichnerin und Malerin. Mit 21 besuchte ich eine William-Eggleston-Ausstellung im Getty Museum. Danach dauerte es nur eine Woche, bis ich mir eine gebrauchte Nikon N90-S auf Ebay kaufte - von einer Dame, die sich gerade scheiden ließ und das Zeug des Mannes loswerden wollte. 80 Dollar kostete die Kamera.

SPIEGEL ONLINE: Der Weg ist weit von der ersten Kamera bis zu einer Karriere in der Kunstfotografie.

Prager: Die ersten Fotos, die ich gemacht habe, sind mir heute peinlich. Ich habe bis in die frühen Morgenstunden Bilder entwickelt, und schon in der Frühphase dachte ich: Die Bilder sind nicht wirklich fertig, ehe sie ein Publikum haben, das auf sie reagiert.

SPIEGEL ONLINE: Und wie reagierte Ihr erstes Publikum? Aus welchen Leuten bestand es?

Prager: Mein Apartment lag in Koreatown. Ich hing die frisch entwickelten Fotos immer im Wäscheraum auf, der allen Mietern zugänglich war. Morgens sah ich dann, welche Fotos verschwunden waren. So lernte ich etwas über den Geschmack der Leute. Als ich dann in Galerien ausstellte, sagten mir Leute, dass die Figuren auf den Fotos sie an Bekannte erinnerten - oder dass sie bei den Fotos an Filmszenen denken mussten. Und ich versuchte tatsächlich, ihnen etwas zu geben, mit dem sie einigermaßen vertraut waren.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Prager: Aus dem gleichen Grund, wie ich gezielt bestimmte Farben einsetze - um die Aufmerksamkeit der Menschen zu bekommen. Erst wenn ich die habe, zwinge ich sie, die Ebene zu entdecken, die nicht so offensichtlich, die tiefer verborgen ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihren Aufnahmen werden oft filmische Qualitäten zugesprochen.

Prager: Ich versuche, die Wirklichkeit zu überzeichnen, sie dramatischer und intensiver zu machen. Es geht mir um eine Steigerung des Lebens, um eine Art Paralleluniversum. Die filmische Anmutung der Standbilder kommt vor allem von der Beleuchtung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Filme haben Sie inspiriert?

Prager: Ich liebe Hollywoods Goldene Ära von den Zwanzigern bis zu den Fünfzigern. Diese Filme haben ein Licht, das einen einfach reinzieht. Da können schlimme Dinge passieren, die man sich nicht gerne anschaut - aber das Licht ästhetisiert alles, macht es unmöglich, die Filme nicht schauen zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Orson Welles sagte mal, jeder Künstler müsse sich außerhalb der Zeit befinden, in der er lebt.

Prager: Ich will mit der Kultur kommunizieren, in der ich lebe und zu der ich gehöre. Ich möchte ihr einen Schritt voraus sein, aber nie aus ihr heraustreten. Ich will nicht, dass die Leute erst 150 Jahre nach meinem Tod sagen: "Alex Prager... Jetzt verstehe ich es!"

SPIEGEL ONLINE: Es geht also um Wertschätzung zu Lebzeiten?

Prager: Nicht ganz. Eher darum, mit der Zeit verbunden zu sein. Nur dann kann man andere inspirieren oder den Zeitgeist ein klein wenig beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Einfluss worauf genau?

Prager: Zum Beispiel auf die Frage, was Schönheit ist. Wobei es da mehr um die Frage als um die Antwort geht - oder darum, mehrere Antworten zu geben. Ich empfinde es als schön, eine farbenfreudige Menge mit interessanten Gesichtern zu sehen, mit speziellen Nasen, Ohren, Fingern. Manche mögen ein 1,80 Meter großes brasilianisches Model mit einem perfekten Po schön finden. Aber bei Perfektion schaut man schneller weg, weil man denkt, man hätte es schon einmal gesehen. Ich mag lieber Dinge, die einzigartig sind und seltsam. Eine andere Sache, die mich sehr interessiert, ist die Rolle der Frau in unserer Kultur. Als ich erstmals eine Frauenfigur als Heldin inszeniert habe, geschah das einfach, weil ich selbst eine Frau bin. Als Menschen dann anfingen, mich in meinem ersten Projekt "Polyester and The Valley" explizit als Frau zu begreifen, die Frauen ablichtet, wurde mir der Frauen-Komplex als Thema an sich bewusst.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren jüngeren Arbeiten geht es eher um Menschenmengen.

Prager: Sie faszinieren mich. Die Menschenmengen auf meinem Bildern beinhalten eine ganze Reihe von Leuten: Meine Schwester, die auch meine beste Freundin ist, ist immer zu sehen. Ich zeige aber auch Fremde von der Straße oder Leute, die ich bei Castingagenturen finde. Die Bilder sind in bühnenartigen Umgebungen entstanden, aber nach einer Weile wurden die Settings gewissermaßen doch real. Menschen verhalten sich unterschiedlich, wenn sie Teil einer Menge werden - sie verbinden sich oder sie verbinden sich nicht. Das Unerwartete geschieht.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen fast wie eine Biologin, die durch ein Mikroskop schaut.

Prager: Ich versuche nicht, Szenen nachspielen zu lassen, sondern das Getrenntsein und die Abschottung zwischen Menschen zu zeigen. Ein Experiment, an dem wir alle teilnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Woran arbeiten Sie gerade?

Prager: Das ist ein Geheimnis. Wenn man von einem Projekt erzählt, das noch nicht zu Ende ist, geht Energie verloren. Da entweicht Luft aus dem Ballon.

SPIEGEL ONLINE: Sie mögen die Reaktionen auf die fertigen Bilder, wollen aber Reaktionen auf laufende Projekte verhindern?

Prager: Ja, weil man noch nichts wirklich gemacht hat, wenn man erst ein Konzept hat. Ein Konzept ist nur eine Idee. Für einen visuellen Künstler ist das Einzige, was zählt, das Bild, das ich Leuten zeigen kann.

Das Interview führte Marc Erwin Babej für das Fotoportal seen.by

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Bei Perfektion schaut man eher weg?
renzodohm 19.06.2014
Weil man sie schon so oft gesehen hat? Trifft das nicht viel eher auf das unperfekte, belanglos Alltägliche zu? Man darf Perfektion nur nicht mit dem gekünstelten Glattgebügelten verwechseln.
2. Was sollen denn die Kriterien für Perfektion sein?
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 19.06.2014
Zitat von renzodohmWeil man sie schon so oft gesehen hat? Trifft das nicht viel eher auf das unperfekte, belanglos Alltägliche zu? Man darf Perfektion nur nicht mit dem gekünstelten Glattgebügelten verwechseln.
Dinge wie "Vollkommenheit", "Perfektion", usw. sind ein nie erreichbares Ende einer Skala und die Vorstellung darüber ist reine Ansichtssache. Und was Schönheitsideale angeht, so sind diese Zeitlich wie Geographisch so unterschiedlich, dass einem schnell klar wird wie Unsinnig dieses Konzept ist. Und tatsächlich sind Menschen auch rein optisch interessanter wenn sie eine Aufälligkeit/Unregelmäßigkeit haben, die gemeinhin nicht als "schön" gilt. Mimik und Gestik spielen auch eine sehr große Rolle, da sie gerade bei Bildern am ehesten noch Hinweise auf den Charakter einer Person geben können. Und der spielt bei der Bewertung von Schönheit auch eine gewaltige Rolle. Ein typisches Airheaded-Puppen Model wirkt einfach eher wie ein toter Gegenstand - schön um es sich irgendwo hinzustellen, mehr aber auch nicht.
3. Ausstellungen
berlino1010 19.06.2014
Grössere Einzel-Ausstellungen hatte sie schon seit 2007/2008, in bekannten amerikanischen Gallerien, im foam Museum Amsterdam 2012 .. http://www.photography-now.com/artist/details/alex-prager
4. Licht? oder Klamotten?
grisch 19.06.2014
Wer in den 50er und 60er Jahren noch nicht gelebt hat kennt diese Zeit eben aus den Hollywood Spielfilmen... Klamotten und Utensilien auf den Bildern entstammen alle dieser Zeit. Somit fühl man sich eben an diese Filme erinnert wenn man die Bilder sieht, mit dem Licht hat das glaube ich weniger zu tun.
5. Tolle Kopistin
wikileaks 19.06.2014
Es ist von Zeit zu Zeit schön, zu sehen, wenn ein Fotograf sich im Sinne einer Hommage vor einem Großen seiner Zunft verneigt. Aber diese "Künstlerin" kann offensichtlich nur kopieren. Hitchkock nachzustellen mag ja drollig sein, aber sich bei Guy Bourdin so schamlos zu bedienen und 1 zu 1 abzukupfern - das finde ich dann einfach nur noch nervig. Im Vergleich zu Bourdin sind die Bildchen dazu auch noch arg blass.
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Zum Autor
Marc Erwin Babej, 1970 in Frankfurt am Main geboren, studierte Geschichte an der Brown University, dann Journalistik an der Columbia University Graduate School of Journalism. Heute arbeitet er als Kunst- und Dokumentarfotograf in New York City.


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