Fotografin Inge Feltrinelli Die Fachfrau fürs Freche und Frivole

Hemingway, Picasso, die Garbo. Inge Feltrinelli hatte sie alle vor der Linse. Verheiratet war sie mit dem Milliardär und Revolutionär Giangiacomo Feltrinelli, den eine Bombe tötete. Jetzt erscheint ein Buch, das klarstellt, was die schöne Deutsche vor allem war: eine begnadete Fotografin.

Inge Feltrinelli/ Steidl

Ihren ersten großen Scoop landete Inge Schönthal im Frühjahr 1953 auf Kuba. Auf Bitte des Hamburger Verlegers Maria Ledig-Rowohlt war die junge Fotografin nach New York geflogen, nach Miami getrampt und von dort nach Havanna gereist. Jeden Morgen rief sie an, aber sie kam nicht zu Ernest Hemingway durch, und er rief nicht zurück.

Doch nach zwei Wochen hörte sie in der kleinen Pension: "Papa ist am Telefon." Hemingway lud die Fotografin aus Hamburg zum Mittagessen ein, schließlich konnte sie zwei Wochen in seinem Haus unweit Havannas verbringen.

Hemingway war damals einer der berühmtesten, wenn nicht der berühmteste Schriftsteller der Welt. Schönthal fotografierte ihn auf dem Meer beim Fischen, in seiner Lieblingsbar, mit seiner vierten Ehefrau Mary Welsh. Sie machte sehr private Bilder, nach zwei Flaschen Rotwein beim Mittagessen schlafend auf dem Boden seines Wohnzimmers; und von seinem Schlafzimmer, voll von ungeöffneten Bücherpaketen.

Hemingway war fast jeden Tag betrunken und hatte aufgrund des Nationalsozialismus eine ausgeprägte Abneigung gegen Deutsche. Als Schönthal ihn einmal kritisierte, beschimpfte er sie derart ausdauernd, dass sie umgehend abreisen wollte.

Im Juli 1953 prangte auf dem Cover der Illustrierten "Constanze" ein Foto von Hemingway, Schönthal und einem mächtigen Schwertfisch. Als Nächstes schaffte sie es, den vollkommen zurückgezogen in Cannes lebenden Picasso zu fotografieren.

Jung, attraktiv und extrovertiert

Die in Göttingen geborene Schönthal, die ihren aus Nazi-Deutschland geflohenen Vater nie kennengelernt hatte, war 1950 nach Hamburg gezogen und hatte bei der Fotografin Rosemarie Pierer eine Lehre begonnen. John Jahr, Gründer der Frauenzeitschrift "Constanze", heuerte sie an, sie lernte den Mitverleger des Blattes, Axel Springer, und auch Rudolf Augstein kennen.

Sie war eine sehr attraktive, extrovertierte junge Frau und wusste dies in einer von Männern beherrschten Welt zu nutzen. Der Herausgeber der "Constanze" schickte sie nach Amerika. In New York machte sie auf der Straße einen Schnappschuss von Greta Garbo, den sie an "Life" verkaufen konnte, die für Fotografen wichtigste Zeitschrift der Welt. Schönthal schmuggelte ihre Rolleiflex bei einem Ball des Herzogs von Windsor ein und fotografierte die New Yorker Society. Es folgten Künstler und Schriftsteller.

Eine Auswahl ihrer Bilder hat sie jetzt unter dem Titel "Mit Fotos die Welt erobern" im Steidl-Verlag veröffentlicht. Schwarzweiß, großformatig, Mit einem Essay des Feuilletonisten Fritz J. Raddatz als Einführung.

Die entscheidende Begegnung in ihrem Leben ereignete sich am 14. Juli 1958 bei einer Party von Ledig-Rowohlt in Reinbek bei Hamburg. Dort traf Schönthal den 32 Jahre alten italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli. Der schüchterne kommunistische Milliardär lud sie nach Kopenhagen ein, bald zog sie zu ihm nach Mailand. Sie heirateten in Mexico.

Feltrinelli stammte aus einer der reichsten Familien Europas. Von seiner Mutter wird kolportiert, sie habe nicht gewusst, dass es andere Automobile gab als die der Marke Rolls-Royce. Inge Feltrinelli sagte über sie: "Sie war eine der schönsten und exzentrischsten Frauen Europas, herrschsüchtig, arrogant und sehr verwöhnt."

Ihr Sohn Giangiacomo, der sich mit 17 den Partisanen bei ihrem Kampf gegen die deutschen Besatzer angeschlossen hatte, wandte sich der Literatur zu. Er gründete 1955 in Mailand einen Verlag, spendete für die Kommunistische Partei und kaufte in aller Welt Erstausgaben und Manuskripte von Figuren der Arbeiterbewegung auf. Ihm gelang es auch, das Manuskript von "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak via Ost-Berlin aus der Sowjetunion in den Westen zu schmuggeln. Ein Welterfolg.

Leben im "fünften, sechsten Gang"

Inge Feltrinelli war ein Gegenstück zu ihrem Gatten. Sie bescheinigt sich selbst "frivole Impertinenz" und sagte später: "Unser gemeinsamer Nenner war, dass wir das Leben im fünften, sechsten Gang fuhren." Mit ihrem Mann lernte sie nun die großen Schriftsteller kennen und machte Fotos von ihnen: James Baldwin, Henry Miller, Erich Kästner; später auch jüngere Autoren wie Günter Grass und Peter Handke.

1964 lud Fidel Castro das Paar nach Kuba ein, um an seiner Autobiografie zu arbeiten. Der kubanische Ex-Guerillero traf sich immer wieder mit Giangiacomo Feltrinelli, sie spielten auf dem Dachgarten von Fidels Domizil Basketball. Aus dem Buch wurde nichts, doch Giangiacomo war trotz Kritik an bestimmten Aspekten der kubanischen Revolution tief beeindruckt.

Als er im Vorfeld des Vietnamkongresses im Februar 1968 nach West-Berlin kam, brachte er Dynamit mit, das Rudi Dutschke dann klandestin im Kinderwagen seines Sohnes Hosea Che transportierte. Als Dutschke von einem Rechtsextremen angeschossen worden war, ließ Feltrinelli ihn in Italien pflegen.

Dem Bourgeois reichte das Wort nicht mehr, es drängte ihn zur Tat. Er spendete Geld für Guerilleros in Bolivien. Inge Feltrinelli hingegen lehnte seine Radikalisierung ab und glaubte nicht, dass in Italien ein faschistischer Putsch mit Unterstützung der Nato bevorstehe. Sie schrieb in ihr Tagebuch: "He's lost." Zu diesem Zeitpunkt waren sie schon getrennt, Feltrinelli hatte in vierter Ehe eine junge Boutiquenverkäuferin geheiratet.

Als Inge Feltrinelli ihren Mann im Januar 1972 traf, sprach er von Mordplänen, die sich gegen ihn richten sollten. Zwei Monate später wurde er tot auf einem Feld bei Mailand gefunden. Laut Polizeibericht soll er sich beim Versuch, einen Hochspannungsmast mit 15 Stangen Dynamit zu sprengen, selbst getötet haben. Inge Feltrinelli glaubt bis heute an einen verdeckten Mord. Da ihr Mann radikale Palästinenser unterstützt hatte, könnte der israelische Mossad dahinter stecken, spekuliert sie. Fritz J. Raddatz berichtete damals im SPIEGEL, dass der schwer kurzsichtige Feltrinelli merkwürdigerweise seine Brille nicht dabeihatte und auch der Schlüssel seines Autos nicht gefunden worden sei.

Raddatz nennt Inge Feltrinelli ein "Kommunikationsgenie". Nach dem Tode ihre Mannes ließ sie sich "Il presidente" auf ihr Briefpapier drucken und übernahm das Verlagsimperium, das sie bis heute zusammen mit ihrem Sohn Carlo um alle Klippen des diffizilen Buchgeschäfts herumnavigiert hat. Sie ist 82 Jahre alt, stets auf der Frankfurter Buchmesse zu finden. Und, wie ihr Buch zeigt, eine sehr gute Fotografin.


Inge Feltrinelli: "Mit Fotos die Welt erobern". Steidl Verlag, 2013. 280 Seiten. 28 Euro.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
abraxas63 26.02.2014
1.
Zitat von sysopInge Feltrinelli/ SteidlHemingway, Picasso, die Garbo. Inge Feltrinelli hatte sie alle vor der Linse. Verheiratet war sie mit dem Milliardär und Revolutionär Giangiacomo Feltrinelli, den eine Bombe tötete. Jetzt erscheint ein Buch, das klarstellt, was die schöne Deutsche vor allem war: eine begnadete Fotografin. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotografin-feltrinelli-die-junge-frau-und-der-alte-hemingway-a-955296.html
Zitat: Inge Feltrinelli hingegen lehnte seine Radikalisierung ab und glaubte nicht, dass in Italien ein faschistischer Putsch mit Unterstützung der Nato bevorstehe. Sie schrieb in ihr Tagebuch: "He's lost." Anscheinend hatte ihr Mann Kenntnisse über "Gladio".
pleromax 26.02.2014
2. Peter Handke ist
Österreicher, nicht Deutscher.
santacatalina 26.02.2014
3. und das buch
kostet 38 euro, nicht 28.
darthmax 26.02.2014
4. Unser Rudi
so,so, da hat er im Kinderwagen Dynamit durch Berlin gefahren. Was ist eigentlich aus dem Dynamit geworden ? Mit welchem Recht stellen sich Personen wie ein Herr Feltrinelli erhaben über die umgebende Gesellschaft ? Als Teil der Ausbeuterklasse ein Kommunist, wie schaft man das ? Die Menschen, die durch seine Spenden an Terroristen Leid erfahren haben, können die nicht auf Wiedergutmachung klagen ??
buddizzybird 26.02.2014
5. Verdienstvoll?
Frau Feltrinelli-Schönthal's Produkte sind, soweit Sie sie uns zeigen, Photoschnappschüsse, wie jedes 11-jährige Kind sie hätte knippsen können, und ohne jeglichen photokünstlerischen Wert. Das "genie" dieser Dame bestand offensichtlich einzig darin, sich bei der teils/sowohl linksintellektuellen, teils/als auch superreichen Schickeria geschickt mit Sex & Charme einschmeicheln zu können.
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