Fotoserie über Schönheits-OPs Was Frauen sich antun

Das Blut und die Bandagen, das Schneiden und die Schmerzen: Ji Yeo porträtiert Frauen, die beim Schönheitschirurgen waren. Die Südkoreanerin fotografiert ihre Modelle direkt nach der OP - und zeigt so gewandelte Schönheitsideale und grassierenden Schönheitswahn.

Ein Interview von

Ji Yeo

SPIEGEL ONLINE: Frau Ji, Sie haben Frauen unmittelbar nach ihren Schönheitsoperationen fotografiert. Warum dieses Thema?

Ji Yeo: Als ich klein war, hat mir meine Großmutter immer gesagt, ich solle abnehmen. Alle meine Freundinnen waren dünner als ich. Ich habe mich immer als das hässliche Entlein gefühlt. In der Schule war mein größter Traum eine Schönheitsoperation. Den ganzen Körper wollte ich mir richten lassen. Als ich dann an der Uni war, habe ich mich von mehr als zwölf Chirurgen beraten lassen. Sechs Monate hat das gedauert.

SPIEGEL ONLINE: Und? Haben Sie sich operieren lassen?

Ji Yeo: Irgendwann hatte ich einen Aha-Moment. Da habe ich angefangen, die OPs in Frage zu stellen. Und ich merkte, dass ich gar nicht unters Messers will. Ich hätte mein Aussehen für immer verändert. Es gibt ja kein Zurück mehr. Und wären da nicht die Gesellschaft und die Medien, würden sich die meisten Frauen gar nicht operieren lassen wollen. Vor allem in Südkorea. Alle sehen immer nur das Vorher-nachher-Ergebnis. Die meisten denken nicht an die schmerzhafte Prozedur. Deswegen möchte ich das Dazwischen zeigen und darauf aufmerksam machen, was sich Frauen alles antun. All das Blut und das Schneiden, die Implantate und das Künstliche.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind gerade Südkoreanerinnen so besessen von Schönheit?

Ji Yeo: Schönheits-OPs sind vor zwanzig Jahren so populär geworden, weil die Frauen europäisch aussehen wollten. Sie wollten ihre asiatischen Merkmale loswerden, also sich etwa eine größere Lidfalte operieren lassen. Aber jetzt hat sich das verändert. Die Frauen wollen eher kindlich und niedlich aussehen. Das Land ist noch sehr konservativ, Frauen werden nach ihrem Aussehen beurteilt und Männer nach ihrem Job oder ihrem Reichtum. Wollen die Frauen einen Zahnarzt oder Anwalt heiraten, müssen sie schön sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen die Frauen mit Bandagen, Narben und Blutergüssen. Wie haben Sie Ihre Modelle gefunden?

Ji Yeo: Das hat sehr lange gedauert. Ich kenne viele Frauen, die sich operieren ließen. Aber keine war bereit, sich fotografieren zu lassen. Dann bin ich auf eine Online-Community gestoßen. Mehr als 100.000 Frauen sind dort registriert. Die tauschen sich darüber aus, wie gut welcher Schönheitschirurg ist, wer die besten Nasen-OPs macht. Dort habe ich eine Anfrage gepostet.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie geschrieben?

Ji Yeo: Ich habe geschildert, was ich vorhabe und als Gegenleistung angeboten, den Frauen nach der Operation zu helfen - also so eine Art Krankenschwester und Freundin zu sein. Dann haben mir einige Frauen zugesagt.

SPIEGEL ONLINE: Die Fotos sind sehr intim. War den Frauen klar, dass sie auf den Fotos nicht vorteilhaft aussehen werden?

Ji Yeo: Am Anfang waren sie sich wohl nicht richtig bewusst, was ich wirklich fotografieren will, und sie dachten sich, okay, warum nicht. Ich habe ihnen erklärt, was ich mit den Fotos verdeutlichen will, und sie gebeten, einen Vertrag zu unterschreiben, in dem alle Details stehen - auch dass die Fotos überall veröffentlicht werden können, nur nicht auf Pornografie- oder Werbeseiten.

SPIEGEL ONLINE: Und darauf haben sich die Frauen wirklich eingelassen?

Ji Yeo: Alle Frauen, die ich fotografiert habe, sind allein zur Schönheits-OP gegangen. Sie hatten niemanden, der sich um sie kümmert. Ich habe im Krankenhaus auf sie gewartet, sie dann in ein nahe gelegenes Hotel gefahren, wo sie sich ein paar Tage ausgeruht haben. Zu den Nachuntersuchungen hatten sie es so nicht weit. Ich habe für sie Suppe gekocht, ihnen Medikamente aus der Apotheke gebracht. Vielleicht haben sie mich da tatsächlich wie eine Freundin wahrgenommen. Trotzdem sind solche Frauen sehr stark. Sie wollen diese OPs unbedingt und nehmen die Schmerzen in Kauf.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung haben die Operationen für die Frauen?

Ji Yeo: Für sie sind Schönheits-OPs keine große Sache, sondern eher so etwas wie Schuhe shoppen. Obwohl sie nach den OPs Schmerzen hatten, konnte ich spüren, wie aufgeregt sie waren. Sie waren gespannt auf das Ergebnis. Und sie haben bereits die nächste Schönheitskorrektur geplant. Eine Frau hatte die neunte OP in sechs Monaten hinter sich. Zwei Wochen später wollte sie sich schon wieder operieren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Frauen nicht Angst, sehr künstlich auszusehen?

Ji Yeo: Für sie ist es fast schon erstrebenswert, operiert auszusehen. Vor 10 bis 15 Jahren war es noch cool, trotz Schönheitskorrektur natürlich auszusehen. Aber heute lassen sich Leute immer wieder operieren - um künstlich auszusehen. Der natürliche Look ist out.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihre Modelle reagiert, als sie die Fotos gesehen haben?

Ji Yeo: Gar nicht. Sie wollten keinen Kontakt mehr zu mir haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Ji Yeo: Ich glaube, ich habe sie in eine komische Situation gebracht. Ich bin diejenige, die sie daran erinnert, dass sie mal anders aussahen. Ich erinnere sie an ihre Vergangenheit.


Das Interview wurde geführt für das Fotoportal seen.by.



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