Fotografin Lina Scheynius "Ich liebte jeden Teil seines Körpers"

Was erzählen uns Fotos von einem nackten Ex-Partner? Was soll schön sein an Körpern, die erschöpft sind? Und gibt es ein spezifisch weibliches Begehren? Die Fotografin Lina Scheynius müsste Antworten darauf haben - sie zeigt in Berlin gerade ihre Bilderserie zu Lust und Nacktheit.

Lina Scheynius/ Courtesy Galerie Tanja Wagner

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Fotos zeigen Sie mit Ihrem Ex-Freund - und viel nackte Haut. Wie intim sind diese Bilder?

Scheynius: Sie sind ein Porträt unserer Beziehung und damit sehr persönlich. Ich war vier Jahre mit Gerard zusammen und habe viele Situationen unseres alltäglichen Zusammenseins dokumentiert. Die Kuratorin und ich haben uns auf die sehr intimen Momente konzentriert. Diese Fotoserie hat erstmals überhaupt einen Namen - nämlich seinen.

SPIEGEL ONLINE: Auf den etwa 50 Bildern sehen wir allerdings vor allem Gerard, oft in Hotels. Sie selbst dagegen nur selten. Benutzen Sie Ihren nackten Ex, um von sich selbst zu erzählen?

Scheynius: Über die Jahre habe ich meinen eigenen Stil entwickelt, und ich erkenne ihn in vielen Bildern: Sie sind von mir. All diese Bilder sind also auch auf eine Art Selbstporträts. Dennoch: Ich habe Gerard nicht benutzt, um etwas von mir zu erzählen. Wir haben einfach mit der Kamera herumexperimentiert.

SPIEGEL ONLINE: Hat er auch Sie fotografiert?

Scheynius: Ja. Zu der Zeit, in der die Bilder entstanden sind, war das ein Spiel für uns und eine Möglichkeit, Erinnerungen zu bewahren. Keiner von uns hat sich als Fotograf betrachtet. Wir wussten nicht, was mit den Bildern einmal geschehen würde, dass sie in Magazinen veröffentlicht und in Galerien ausgestellt werden würden.

SPIEGEL ONLINE: Der Penis Ihres Ex-Freundes ist oft zu sehen, sowohl schlaff als auch erigiert. Sind das klassische Körperstudien?

Scheynius: Ich würde nicht von mir behaupten, einen künstlerischen Anspruch zu haben. Die Bilder stammen aus einem Internettagebuch. Und es brauchte zuvor einige Jahre, bis ich den Mut gefunden hatte, sie online zu stellen. Ich habe den Mann auf den Fotos geliebt und auch jeden einzelnen Teil seines Körpers. Ich habe alles von ihm fotografiert, was ich bekommen konnte - aber nur für mich. Als ein paar Leute begannen, meine Arbeit in ihren Blogs zu posten, wurde eine Agentur auf mich aufmerksam. Eins kam zum anderen. 2012 hatte ich eine Foto-Kolumne im "Zeit-Magazin", in der ich dann Teile des Tagebuchs veröffentlicht habe. Einige der dort erschienenen Bilder sind nun auch in der Ausstellung zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Auf vielen Ihrer Bilder tauchen auch erschöpfte, nackte Körper mit schlechter Haut auf.

Scheynius: Die Bilder sind zwischen 2002 und 2006 entstanden. Ich reiste damals als Model um den Globus und war schrecklich gelangweilt von der Modewelt: Styling, perfektes Make-up, künstliches Licht - ich fühlte mich uninspiriert. Wenn ich am Abend von der Arbeit nach Hause kam, wollte ich das Leben so fotografieren, wie ich es sah: mit allen Unvollkommenheiten.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ehrlichkeit nicht auch eines Tages langweilig?

Scheynius: Das denke ich zwar nicht, aber vielleicht wird man in 20 oder 30 Jahren anders auf meine Arbeiten zurückblicken.

SPIEGEL ONLINE: Die Berliner Ausstellung verspricht im Titel: "Male Nudes - Female Desires". Ein nackter Männerkörper liegt in der Badewanne: Wo steckt da Ihr Begehren?

Scheynius: Mein Begehren war es, diesen wunderschönen Moment einzufangen, den ich mit jemandem teilte, den ich liebte. Das war wohl nicht anders als bei einer Mutter, die von ihren Kindern Bilder macht. Oder bei jemandem, der seine Katzen fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Lust?

Scheynius: Darüber haben wir intensiv diskutiert, als die Ausstellung vorbereitet wurde - und ich habe noch immer keine passende Antwort darauf. Das Einzige, was ich weiß, ist dies: Wenn ein Mann eine Frau in der Badwanne so fotografiert hätte, würde niemand diese Frage stellen.


Die Gruppenausstellung "Male Nudes - Female Desires" zeigt Bilder von Jen Davis, Nina Hoffmann, Lina Scheynius und Paula Winkler. Sie ist noch bis zum 2. März in der Galerie Tanja Wagner in Berlin zu sehen.

Das Interview führte Lena Reich

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Olaf 08.02.2013
1.
Zitat von sysopLina Scheynius/ Courtesy Galerie Tanja WagnerWas erzählen uns Fotos von einem nackten Ex-Partner? Was soll schön sein an Körpern, die erschöpft sind? Und gibt es ein spezifisch weibliches Begehren? Die Fotografin Lina Scheynius müsste Antworten darauf haben - sie zeigt in Berlin gerade ihre Bilderserie zu Lust und Nacktheit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotografin-lina-scheynius-male-nudes-female-desires-in-berlin-a-880069.html
Nein, da würde niemand fragen. Er wäre einfach ein Sexist, der Frauen zum Objekt degradiert.
neoy 08.02.2013
2. kunst???
...was soll hieran denn bitte "fotographie" oder gar "kunst" sein? bilder dieser qualität schafft wohl jeder viertklassige hobbyknipser, wahlweise mit jeder 49€-kompaktkamera... und dann diese motive und die dazu passenden pseudoeloquenten konfabulationen der madame s. - geht's noch geschmackloser? das ist weder akt, noch "schön anzusehen", noch sonst irgendwas inhaltsreiches, sondern schlichtweg müll... wie enthirnt ist diese gesellschaft eigentlich?
chuckal 08.02.2013
3. Kunst
Die sich aufdrängende Debatte, was Kunst in diesem Zusammenhang eigentlich noch ist, spare ich mir mal. Auch das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, lassen wir mal. Statt dessen noch einmal zu allgemeiner Erheiterung diese geniale Frage: "Der Penis Ihres Ex-Freundes ist oft zu sehen, sowohl schlaff als auch erigiert. Sind das klassische Körperstudien?" Ihre Antwort ist von ähnlicher Belichtung, aber die Frage..einsame Klasse! Na Gerard, Du armes Schwein... Sehr lustiger Artikel - von geradezu tänzerischer Beknacktheit. Danke
chuckal 08.02.2013
4. Bild Nr 5 von 11
Das ist der Hammer DANKE SPON...Genial Danke auch Gerard für diesen selten bekloppten Dackelblick. Danke auch den Herstellern, der Digitalkameras und Foto-Handys, die uns diese formgewaltigen Bilder schenken und nicht zuletzt Danke an die Kuratorin der Ausstellung, die wohl auch nicht mehr aganz alleine war, als sie das entschieden hat. Geil....
hotel_papa 08.02.2013
5. @Olaf 11:44
Ja, solche Stimmen gäbe es wohl. Müssen wir gemachte Fehler wiederholen und mit der gleichen gehässigen Münze zurückzahlen? Nein, wir müssen nicht. Das Interview gibt nicht den geringsten Grund dazu. Hier ist von der Liebe zwischen zwei Menschen die Rede. Die wohl immer noch eine der grössten Tribfedern für die Kunst ist.
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