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Fotografin Marianne Breslauer: Ein Bild von einer Frau

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Künstler in Berlin, Clochards in Paris und immer wieder androgyne Wesen mit Bubikopf: Marianne Breslauer porträtierte die zerrissenen zwanziger Jahre. Was sie reizte, das war die Fotografie der Straße, die alltagsnahe Beobachtung, der unbeachtete Moment.

Sie war das, was man eine höhere Tochter nennt: Ihr Großvater war der erste Direktor des Berliner Kunstgewerbemuseums, ihr Vater ein angesehener Architekt, der der Familie eine Villa in Berlin-Dahlem baute, mit Bibliothek und Ballsaal. Schon in jungen Jahren hatte sie viele Bekannte und Freunde, die zu den Stars des Kulturbetriebs zählten: Erich Maria Remarque, Oskar Kokoschka, Annemarie Schwarzenbach, Man Ray, Marlene Dietrich.

Sie selbst wurde unter zwei Namen bekannt: nach dem Zweiten Weltkrieg als Marianne Feilchenfeldt, die wohl als eine der ersten Frauen weltweit Kunsthandel auf höchstem Niveau betrieb; vor dem Zeiten Weltkrieg als Marianne Breslauer, die unter anderem Künstlerfreunde wie Kokoschka, Remarque und Schwarzenbach porträtierte und ihre oft reportageartigen Fotos in der "Frankfurter Zeitung" unterbrachte, im "Querschnitt", in der "Dame" und im "Magazin". Dieser Marianne Breslauer ist eine faszinierende Ausstellung gewidmet, die aus dem schweizerischen Winterthur nun nach Berlin kommt.

Man Ray konnte ihr nichts mehr beibringen

Breslauers Karriere als Fotografin ist kurz, aber beeindruckend; ihr Werk ist klein, aber bedeutend. Von 1927 bis 1929 ließ sie sich in der Photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins zu Berlin ausbilden und erfüllte sich nach bestandener Gesellenprüfung einen Jugendtraum: Sie zog nach Paris, mit gerade einmal 19. Geplant war eine Art Praktikum im Atelier des Surrealisten Man Ray, doch als sie dem Meister ihre Arbeiten vorlegte, schickte der sie wieder weg: Sie könne doch schon alles, sie solle einfach so weitermachen, wie sie es für richtig halte - und im Übrigen das ihm zugedachte Schulgeld für schöne Kleider und die nächtlichen Vergnügungen von Paris ausgeben.

Breslauer durfte Man Rays Atelier kostenlos nutzen, doch sie merkte schnell, dass die Atelierfotografie ihre Sache nicht war. Was sie reizte, das war die Fotografie der Straße, die alltagsnahe Beobachtung, der unbeachtete Moment. Sie streifte durch Straßen und Parks, fotografierte Schausteller und immer wieder Clochards.

Als Künstlerin verstand Breslauer sich nicht, im Gegensatz zu vielen Kollegen: "Fotografie ist eine Technik, die man besser oder schlechter beherrschen kann, aber sie ist keine museale Kunst." Fotos hätten für sie in erster Linie dokumentarischen Wert: "Interessiert hat mich nur die Realität, und zwar die unwichtige, die übersehene, von der großen Masse unbeachtete Realität."

In diesem Sinne porträtierte sie auch ihre Freundinnen, jene Vertreterinnen des Typus "Neue Frau": junge, privilegierte und selbstbewusste Berlinerinnen, die sich androgyn inszenierten, mit Bubikopf, Hemdbluse und Zigarette. Sie stellten tradierte Rollenmuster in Frage, um sich selbst verwirklichen zu können, bevorzugt in einem künstlerischen oder akademischen Beruf.

Ein Rücken wie eine Marmorstatue

Auch den Titel des Begleitbands zur Ausstellung ziert das Porträt einer solchen "Neuen Frau", Breslauers Freundin Ruth von Morgen, die ihr den fast nackten Rücken zukehrt, den Bubikopf seitlich geneigt. Licht und Schatten modellieren die Rückenmuskulatur perfekt wie bei einer Marmorstatue, gleichzeitig jedoch ist jede Pore und jedes Härchen zu sehen. Der Betrachter ist Ruth von Morgen ganz nah, und doch ist sie unnahbar.

Die wohl bekanntesten Bilder aber sind die der lesbischen Schriftstellerin, Historikerin, Archäologin und Reisejournalistin Annemarie Schwarzenbach, mit der Breslauer im Frühjahr 1933 per Auto durch Spanien reiste. Es ist "mir noch lebhaft gegenwärtig", schreibt die Künstlerin in ihren Lebenserinnerungen, "wie mich bei ihrem ersten Anblick schier der Schlag traf. Denn Annemarie war - ich muss dies immer wieder sagen - das schönste Lebewesen, dem ich je begegnet bin. Ich habe später auch Greta Garbo kennengelernt, deren Gesichtszüge vielleicht noch makelloser wirkten, aber Annemarie war ein Mensch, von dem man zunächst wirklich nicht wusste, ob sie Mann oder Frau war; wie der Erzengel Gabriel vor dem Paradiese stehend erschien sie mir, und ich habe in den folgenden Jahren, als ich sie häufig sah, immer wieder versucht, diesen Eindruck fotografisch festzuhalten." Es gelang ihr wie wohl keiner Zweiten.

Die Fotos der gemeinsamen Spanienreise wurden in Deutschland nicht publiziert. Die Nazis hatten inzwischen die Macht ergriffen - und Breslauer war jüdischer Herkunft. 1936 musste sie Deutschland endgültig verlassen; es war das Ende ihrer Karriere als Fotografin, das Ende von Marianne Breslauer.

In Amsterdam heiratete sie ihren langjährigen Partner, den Kunsthändler Walter Feilchenfeldt, der in Berlin die hochberühmte Galerie von Paul Cassirer geleitet hatte. 1939 zogen sie zusammen nach Zürich, wo Walter Feilchenfeldt nach Kriegsende eine neue Kunsthandlung gründete. Als ihr Mann 1953 überraschend früh starb, übernahm sie die Leitung - und startete eine zweite Kulturkarriere: als Kunsthändlerin Marianne Feilchenfeldt.


Ausstellung:
Marianne Breslauer - Unbeachtete Momente. 11. Juni bis 6. September. Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Alte Jakobstraße 124-128, Telefon 030/789 026 00.

Literatur:
Kathrin Beer, Christina Feilchenfeldt (Hg.): "Marianne Breslauer - Fotografien". Begleitband zur Ausstellung in Winterthur und Berlin; Nimbus Verlag 2010; 220 Seiten mit 160 Fotografien; 54 Euro;
Marianne Feilchenfeldt Breslauer: "Bilder meines Lebens. Erinnerungen". Nimbus Verlag 2009; 232 Seiten; 26 Euro.

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