Fotografin Nan Goldin in Berlin "Die glücklichste Zeit meines Lebens"

Ein Wiedersehen mit Berlin: Die Berlinische Galerie zeigt 80 Fotos der US-amerikanischen Fotografin Nan Goldin, die sie bei ihren diversen Aufenthalten in der Hauptstadt aufgenommen hat - natürlich exzessiv, intensiv und chaotisch.


Noch nicht einmal ein Jahr ist es her, dass die große Nan-Goldin-Ausstellung "Poste Restante. Slide Shows/Grids" im Berliner Postfuhramt bei C/O zu Ende ging. Mit Riesenerfolg. Über 2300 Besucher bei der Eröffnung und anhaltender Besucherandrang vor den Fotos und besonders bei den Dia-Schauen, die das gesamte Leben der amerikanischen Fotografin und das ihrer Freunde zeigten, die Goldin auch "meine Familie" nennt. Mit viel Respekt vor der Arbeit seiner Kollegin hat Helmut Newton ihre Arbeit als "Family of Nan" bezeichnet, in Anspielung auf Edward Steichens berühmte "The Family of Man"-Ausstellung im New Yorker MoMa, die ein umfassendes Porträt der Menschheit zeigen sollte.

Jetzt ist ein Ausschnitt aus der Arbeit von Nan Goldin schon wieder in Berlin zu sehen: "Nan Goldin - Berlin Work. Fotografien 1984-2009" heißt die Ausstellung im Landesmuseum "Berlinische Galerie" und gezeigt werden 80 Fotos, die alle in Berlin entstanden sind.

1982 war Goldin, 57, das erste Mal nach Berlin gekommen. Auf Einladung des Programmleiters im Arsenal-Kino, Alf Bold, zeigte sie ihre Dia-Schauen und erlebte "die wildesten Wochen" ihres Lebens. Und das will was heißen bei Goldin, die in Boston in einer Queer-Bar gearbeitet hat und in der New Yorker Subkultur unterwegs war. Berlin sei ein einziger großer Underground gewesen, sagt Goldin, und sie habe damals Freundschaften geschlossen, die bis heute andauern - wenn die Freunde nicht, wie zum Beispiel 1993 Alf Bold oder 1996 Nikolaus Utermöhlen, Gründungsmitglied von "Die Tödliche Doris", an den Folgen von Aids gestorben sind. Aber Anfang der achtziger Jahre war das noch kein Thema.

Wegen der Heimat, die sie immer gesucht habe, und wegen der Freunde kam Goldin wieder, 1984, 1985. Sie lebte damals auf der Überholspur, exzessiv, chaotisch, intensiv und extrem. In der Szene, in der Subkultur, in Bars, die "Risiko" und "Dschungel" hießen, in Wohngemeinschaften, besetzten Häusern, mit Freunden und mit viel Besuch. Mit allergrößter Freiheit und Offenheit, mit Drogen und Gewalt. Damals wurde sie von ihrem amerikanischen Freund in Berlin so zusammengeschlagen, dass sie auf einem Auge beinahe blind wurde. Sie trennte sich von ihm und verliebte sich neu in Berlin. In Dieter, der das Babylon-Kino betrieb und der auch auf den Fotos zu sehen ist. Später, 1991, kam sie auf Einladung des DAAD wieder und blieb vier Jahre lang. "Das war die glücklichste Zeit meines Lebens", sagte sie auf der Pressekonferenz. Aber es klingt sentimental und traurig. Weil diese Zeiten vorbei sind?

"Ich urteile nicht"

Nicht auf den Fotos, die von damals Geschichten erzählen. Alles und alle hat Goldin fotografiert. Immer. Nah, nackt, intim. Es sei ihr immer um Gefühle gegangen, hat sie einmal gesagt. Und um Vertrauen. "Ich urteile nicht", hat sie gesagt; in ihrer Arbeit gehe es um Akzeptanz. Und um Liebe. "Wenn ich nichts für jemanden empfinde, kann ich diese Person nicht fotografieren." Ihre Fotos entstünden aus Beziehungen, nicht aus Beobachtungen.

Nun hängen diese Bilder also in der Berlinischen Galerie. Auf Papier, in schwarzen Rahmen, auf farbig gestrichenen Wänden. Sorgfältig platziert, wie es üblich ist in einem Museum. Dabei hat sie diese Fotos, besonders in den achtziger Jahren, als es noch keinen Kunstmarkt für sie gab, immer nur als Dia-Shows mit Musik konzipiert. "Ich bezweifle, dass an der Wand aufgehängte Bilder den gleichen Effekt erzielen können wie Dia-Shows", hat sie auch später noch gesagt. Und dass sie am liebsten immer Filme gemacht hätte, schon allein deswegen, weil man im Dunkeln am leichtesten zu beeinflussen sei. Außer Dia-Schauen kämen für ihre Fotos nur Bücher in Frage. Weil Bücher emotional das gleiche wie die Dias erreichen, nämlich Emotionen und Privatheit, denn man kann die Bilder in seine eigene Welt mitnehmen und sie immer wieder anschauen.

Aber seit vielen Jahren kann Goldin keine Bücher mehr machen, ein Knebelvertrag mit einem Verlag ist Schuld. "Kaufen Sie keine Bücher von diesem Verlag", sagte sie, aber nennt keinen Namen. Wenn ihre Anwälte das hoffentlich im Dezember klären, dann habe sie gleich fünf Bücher in der Schublade.

Nun zeigt Goldin ihre Fotos auf Wänden. Im ersten, grauen Raum hängen frühe Bilder von 1984. "Kiki und Scarpotta laughing. Berlin" heißt eines und zeigt den damaligen Tennislehrer Tom Kummer, alias Scarpotta, mit der Künstlerin Kiki Smith.

Drei Räume gibt es. Auf blau hängen drei Porträts von "Clemens" Schick (zwei von 1996, eins von 2009), der heute bekannt ist, neben einem von "Blixa" Bargeld (1994), der damals mindestens in Berlin berühmt war. Grün ist die Kinderfoto-Wand. Auch das umstrittene Foto "Edda and Klara bellydancing" ist zu sehen, das Elton John gehört und wegen Kinderpornografieverdacht in Großbritannien schon mal beschlagnahmt wurde. Die beiden Töchter von Käthe Kruse tanzen darauf nackt in der Küche. "Wer darin pornografische Züge sieht", sagt Goldin, "der ist echt krank." Schon im Vorfeld haben einige ihrer Freunde, die auf den Fotos sind, sich in der Berliner Presse an die alten Zeiten und an die Fotos erinnert. Käthe Kruse zum Beispiel erzählt, wie das Foto während eines Abendessens mit Nan entstand: "Eine völlig natürliche Situation." Auch ihre Töchter Edda und Klara haben mit dem Bild keine Probleme - Klara, heute 16 Jahre alt, ist auch Goldins Patenkind.

Viele schöne Porträts sind zu sehen, viele Bilder haben dokumentarischen Charakter: Das war der Underground Berlins. Verwundert ist man, dass Goldins Neunziger-Jahre-Fotos nichts vom Mauerfall erahnen lassen - kein Stück Ost-Berlin ist zu sehen. Euphorisch ist sie über die Wiedervereinigung nicht gerade. Sie liebte Berlin als "Insel" und jetzt ist sie traurig darüber, dass sie ihre alten Wege nicht mehr findet. Trotzdem überlegt sie, ob sie aus Paris, wo sie jetzt lebt, nach Berlin zurückziehen soll. Aber euphorisch klingt auch das nicht.

Sie sagt zwar "Ich hasse Paris", aber dann kommt leise und müde der Satz hinterher: "Ich werde alt, ich habe eine Katze".


Nan Goldin. Berlin Work. Fotografien 1984 bis 2009. Berlin. Berlinische Galerie. Bis 28.3.2010.



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